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Die Vermögensfrage : Früher in den Ruhestand ohne Rentenminderung

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Niedrige Rentenzahlungen und höheres Renteneintrittsalter: Es bietet sich an, frühzeitig über finanzielle Altersvorsorge nachzudenken. Bild: Agentur Bilderberg

Ausgleichszahlungen können Rentenabschlägen entgegenwirken. Doch genutzt haben sie 2014 lediglich 967 Arbeitnehmer. Dabei können sie durchaus lukrativ sein.

          Den Tag selbstbestimmt gestalten, mehr Zeit für die Hobbys oder die Enkelkinder haben. Davon träumen viele. Doch bis dem Arbeitsalltag der Rücken gekehrt werden kann, vergeht so einige Zeit. Die Politik überlegt aktuell sogar, das Renteneintrittsalter nach hinten zu verlegen – schließlich werden die Bundesbürger immer älter, also kann auch länger gearbeitet werden.

          Seit dem Jahr 2012 ist es ohnehin beschlossene Sache: Das Renteneintrittsalter steigt in den kommenden Jahren. Selbst wenn die Politik keine neue Regelung verabschiedet, ist die Rente mit 67 Jahren für alle, die von dem Jahr 1964 an geboren wurden, Realität. Jeder Monat, den sich jemand früher in den Ruhestand verabschiedet, macht sich auf dem Konto bemerkbar – und zwar mit einem Minus von 0,3 Prozent, und zwar lebenslang. Wer sich dann statt mit 67 schon mit 63 Jahren zur Ruhe setzt, muss zeitlebens mit einem Abschlag von 14,4 Prozent leben. Hinzu kommt, dass in den Jahren des vorzeitigen Müßiggangs keine Rentenpunkte mehr gesammelt werden.

          Fein heraus sind nur diejenigen, die 45 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Sie können mit 63 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen – sofern sie vor dem 1. Januar 1953 geboren sind. Das ist seit dem 1. Juli 2014 möglich und wird inzwischen rege genutzt. Bis Ende des Jahres 2015 haben gut 450.000 Arbeitnehmer einen entsprechenden Antrag gestellt. Alle anderen müssen rechnen. Doch wer rechtzeitig plant und etwas Geld zur Seite gelegt hat, kann auch ohne große Abschläge früher dem Arbeitsleben den Rücken kehren und die Füße hochlegen.

          Ausgleichszahlungen können Abschläge kompensieren

          So gibt es beispielsweise die Möglichkeit, Rentenabschläge durch Ausgleichszahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung zu kompensieren. Das ist insbesondere bei den derzeit niedrigen Zinsen eine lukrative Variante. Gestartet werden kann mit den Ausgleichszahlungen vom 55. Lebensjahr an. Künftig soll dies schon vom 50. Geburtstag an möglich sein. So sieht es zumindest der Gesetzentwurf der Regierung zur Flexi-Rente vor.

          Die Ausgleichszahlung führt bislang ein eher stiefmütterliches Dasein. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung Bund haben diese Möglichkeit im Jahr 2014 lediglich 967 Arbeitnehmer genutzt. Im Jahr 2013 lag die Zahl mit 1271 zwar etwas höher. Doch gemessen an der Zahl derer, die diese Option nutzen könnten, ist dies eine verschwindend geringe Zahl. Das liegt zum einen daran, dass viele nichts von dieser Möglichkeit wissen. Anderen wiederum fehlt das nötige Geld.

          „Auch ist oft unbekannt, dass der Betrag nicht nur vom Versicherten selbst in mehreren Raten und nicht nur als Einmalbetrag gezahlt werden kann, sondern auch von Dritten wie beispielsweise vom Arbeitgeber“, sagt Christian Wagner, Fachanwalt für Sozialrecht bei Plagemann Rechtsanwälte Partnerschaft mbB in Frankfurt. Letztendlich ginge es in der Regel um Beiträge von 20.000 bis 50.000 Euro, um sich eine abschlagsfreie gesetzliche Rente mit 63 Jahren erkaufen zu können. Oder sich alternativ auf diesem Weg eine höhere gesetzliche Rente zu sichern.

          „Oftmals bestehen Lücken, die geschlossen werden könnten“

          Doch bevor überhaupt mit dem Rechnen begonnen wird, empfehlen Experten, den Versicherungsverlauf bei der Rentenversicherung zu prüfen. „Oftmals bestehen Lücken, die geschlossen werden können“, sagt Wagner. Früher in Rente können ohnehin nur diejenigen, die eine Wartezeit von 35 Jahren vorweisen können. Bei den Zeiten, die den Betroffenen als Wartezeit angerechnet werden, zeigt sich die Deutsche Rentenversicherung Bund kulant. Berücksichtigt werden bei der Ermittlung neben den Jahren mit Pflichtbeiträgen, Kindererziehungszeiten, Pflegezeiten, Zeiten mit freiwilligen Einzahlungen, auch Zeiten, die nach dem 17. Lebensjahr an der Schule oder der Alma Mater verbracht wurden.

          Um zu ermitteln, ob man sich den vorzeitigen Ruhestand leisten kann, kann bei der Deutschen Rentenversicherung eine besondere Auskunft über die voraussichtliche Kürzung der Rente beantragt werden. „Die besondere Rentenauskunft enthält die voraussichtliche Höhe der Altersrente, abgestellt auf den beabsichtigten, vorzeitigen Rentenbeginn, die Höhe der Rentenminderung wegen der vorzeitigen Inanspruchnahme und den Betrag, der zum Ausgleich der Rentenminderung freiwillig gezahlt werden könnte“, sagt Dirk von der Heide, Pressesprecher bei der Deutschen Rentenversicherung Bund.

          Er gibt dazu ein Beispiel: Ein Arbeitnehmer, Jahrgang 1955, will ein Jahr früher in den Ruhestand. Damit würde seine Rente von 800 Euro im Monat um 3,6 Prozent oder 28,80 Euro gekürzt. Will er den Abschlag verhindern, muss er rund 6650 Euro in die Rentenversicherung einzahlen. Dabei gilt die einfache Formel: Je höher die Rente und je früher sich zum offiziellen Renteneintrittsalter zur Ruhe gesetzt wird, umso mehr Geld muss dann an die Rentenversicherung überwiesen werden.

          Rechtsanwalt Wagner gibt dazu ein weiteres Beispiel: Ein Mann, geboren im Jahr 1955, geht nach Vollendung seines 63. Lebensjahres und nach 35 Pflichtbeitragsjahren in den Ruhestand. Vor dem Rentenabschlag könnte er mit einer monatlichen Rente von 1942 Euro brutto rechnen – sofern sein Verdienst nach Studium und Berufsbeginn immer oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung gelegen hat. Da unser Mann nicht zum offiziellen Renteneintritt von 65 Jahren und neun Monaten, sondern schon mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen möchte, muss er einen Rentenabschlag von 9,9 Prozent in Kauf nehmen (33 Monate mal 0,3 Prozent). In Euro ausgedrückt, sind dies Monat für Monat 192 Euro – und das lebenslang.

          Längerfristige Planung zahlt sich aus

          Will er im Jahr 2018 mit 63 Jahren in Rente gehen und keinen Abschlag hinnehmen, müsste er einen Ausgleichsbeitrag in Höhe von rund 49.542 Euro bei der Rentenversicherung einzahlen. „Es empfiehlt sich, aus steuerlichen Gründen den Betrag nicht auf einmal zu zahlen“, rät Uwe Rauhöft vom Neuen Verband der Lohnsteuerhilfevereine in Berlin. Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung können zwar als Sonderausgaben steuerlich geltend gemacht werden – allerdings nur bis zu einem bestimmten Höchstbetrag. Im laufenden Jahr akzeptieren die Finanzämter Beiträge bis maximal 22.767 Euro je Person. Davon werden 82 Prozent als Sonderausgaben berücksichtigt.

          Dabei zahlt sich eine längerfristige Planung aus. Wer von dem 55. Lebensjahr an und künftig schon vom 50. Lebensjahr an regelmäßig Ausgleichszahlungen an die Rentenversicherung überweist, kann jährlich überschaubare Beiträge einzahlen und zudem das Finanzamt stärker an den Einzahlungen beteiligen. Bei der Berechnung müssen Betroffene schließlich beachten, dass neben der Sonderzahlung auch die Rentenversicherungsbeiträge aus der laufenden Beschäftigung auf den steuerlich absetzbaren Höchstbetrag einzahlen.

          Steuerexperte Rauhöft gibt dazu ein Beispiel: Ein Alleinstehender mit einem Bruttoeinkommen von 60.000 Euro kann im laufenden Jahr noch 11.574 Euro in die gesetzliche Rentenversicherung oder in eine Rürup-Rente steuermindernd einzahlen. Wäre er verheiratet und würde die Partnerin selbst keine Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung oder eine Rürup-Rente einzahlen, könnte er das Finanzamt an 34.314 Euro beteiligen (siehe Tabelle). Im Alter müssen die Auszahlungen jedoch versteuert werden. Arbeitnehmer, die sich im laufenden Jahr zur Ruhe setzen, müssen 72 Prozent ihrer gesetzlichen Rente steuerlich veranschlagen. Der Prozentsatz steigt von Rentnerjahrgang zu Rentnerjahrgang. Wer sich im Jahr 2040 oder später zur Ruhe setzt, muss seine komplette gesetzliche Rente versteuern.

          Beitragsaufwand kann bei sich ändernden Berechnungsgrößen steigen

          So praktisch und steuersparend eine langfristige Planung ist: Wird die Zahlung auf mehrere Jahre verteilt, berechnet die Rentenversicherung den maximal noch zu zahlenden Betrag zum Ausgleich der Rentenabschläge bei jeder weiteren Zahlung neu. „Bedacht werden sollte dabei, dass bei sich bei ändernden Berechnungsgrößen der Beitragsaufwand für den Ausgleich von Rentenabschlägen auch steigen kann“, sagt von der Heide.

          Der Mann in unserem Beispiel könnte nach den Berechnungen von Rechtsanwalt Wagner über drei Jahre hinweg zum Beispiel jeweils eine Rate von 16.514 Euro einzahlen. Da er verheiratet ist und den Freibetrag seiner Gattin mit nutzen kann, kann er die zusätzlichen Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung als Sonderausgaben steuerlich geltend machen. Wichtig ist, dass sämtliche Zahlungen getätigt sind, bevor er 65 Jahre und neun Monate alt wird, also die Regelaltersgrenze erreicht.

          Angleichung der Renten kommt Ostdeutschen entgegen

          Besonders lukrativ könnte die Möglichkeit der Ausgleichszahlung für Ostdeutsche werden – und zwar dann, wenn Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles die Renten in Ostdeutschland bis zum Jahr 2020 tatsächlich dem westlichen Niveau angleichen wird. Aktuell müssen Ostdeutsche, die ihren frühzeitigen Renteneintritt mit Ausgleichszahlungen finanziell kompensieren wollen, je Entgeltpunkt-Ost weniger an die Rentenversicherung überweisen als Westdeutsche.

          Von 2020 an sollen nach den Plänen der Regierung aus den Ost- jedoch West-Entgeltpunkte werden. „So können Ost-Versicherte, die rechtzeitig von der Möglichkeit Gebrauch machen, zu einem Ausgabekurs von 87,12 Prozent (2016) eine von 2020 an gleich hohe Leistung wie im Westen erwerben“, schreibt Johannes Steffen in einem Aufsatz auf portal-sozialpolitik.de.

          Ein höherer Gewinn ließe sich derzeit kaum irgendwo erzielen, lautet daher sein Fazit. Allerdings bleibt den Betroffenen wenig Zeit zum Handeln. Sollte die Regierung die Flexi-Rente und die geplante Angleichung der Ost- an die West-Renten verabschieden, gilt es, zügig zu handeln. „Schon mit der ersten Stufe der Angleichung 2018 wird der Ost-Vorteil ungefähr halbiert“, konstatiert Steffen. Angesichts der niedrigen Zinsen rechnen sich aktuell freiwillige Einzahlungen in die gesetzliche Rente – sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. Finanzmathematiker Werner Siepe: „Extrazahlungen in die gesetzliche Rente schlagen die Rürup-Rente aus Einmalbeitrag.“

          Ein Vergleich der Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung mit einer Rürup-Rente bietet sich an, weil Einzahlungen in jungen Jahren und Auszahlungen im Alter steuerlich ähnlich behandelt werden.

          Vor der Einzahlung zum Arzt gehen

          Die Ausgleichszahlungen in die gesetzliche Rente schneiden nach Siepes umfassenden Berechnungen aktuell selbst dann noch günstiger ab, wenn der Betroffene gesetzlich krankenversichert ist und seine gesetzliche Rente um Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung von rund 11 Prozent gemindert wird. „Die Auszahlungen aus der gesetzlichen Rente liegen selbst nach Abzug des Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrags noch über der Rürup Rente“, sagt Siepe. Privilegiert sind ohnehin privat Krankenversicherte. Denn sie erhalten sogar noch einen Zuschuss von 7,3 Prozent ihrer Bruttorente.

          Wer nun mit 55 oder künftig 50 Jahren einen vorzeitigen Ruhestand plant und Ausgleichszahlungen an die Rentenversicherung überweist, ist nicht verpflichtet, sich tatsächlich früher zur Ruhe zu setzen. Entscheiden sich Betroffene, doch lieber bis zum offiziellen Ruhestand jeden Morgen zur Arbeit zu fahren, können sie sich dann im Alter über eine höhere Rente freuen. „Versicherte, die trotz erfolgter Zahlung von Beträgen zum Ausgleich von Rentenabschlägen nicht vorzeitig in Rente gehen, erhalten eine um die gezahlten Beiträge erhöhte Rente“, bestätigt von der Heide. Auch die Witwer- beziehungsweise Witwenrente fällt entsprechend höher aus.

          Nun muss der Mann in unserem Beispiel jedoch hoffen, noch möglichst viele Geburtstage zu feiern. Denn eine Leibrente rechnet sich unter dem Strich nur dann, wenn man auch ein gesegnetes Alter erreicht. „Der Versicherte muss mindestens 83 Jahre alt werden, damit sich die Einzahlung lohnt“, sagt Wagner. Also empfiehlt es sich, vor der Einzahlung zum Arzt zu gehen, einen Check-up zu machen oder einfach einen Blick auf das erreichte Alter der Ahnen zu werfen. Das garantiert zwar auch kein langes Leben, gibt aber immerhin doch einige Anhaltspunkte.

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