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Die Vermögensfrage : Die Angst vor Anleihen und Aktien kostet ein Vermögen

  • -Aktualisiert am

Die meisten Sparbücher tragen ihren Namen nicht mehr zu Recht Bild: Jens Gyarmaty / VISUM

Wenn es ums Geld geht, sind die Deutschen Angsthasen. Dabei ist gerade die Konzentration auf Sparbücher und Immobilien ein Spiel mit dem Feuer. Ein Rechenbeispiel.

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          Der Blick in die Finanzwelt und die Medien ist zurzeit zum Haareraufen: Niedrigzinsen, Nullzinsen, Strafzinsen! Man kann es nicht mehr hören, man will es nicht mehr sehen, man will nur noch seine Ruhe. Deutschland scheint, wenn es um die Geldanlage geht, am Abgrund zu stehen, und Deutschland wird morgen, sollte es um dasselbe Thema gehen, den berühmten Schritt weiter sein.

          Tatsächlich? Ist es wirklich so schlimm? Oder wird das Essen doch nicht so heiß gegessen, wie es zuvor gekocht wurde? Die deutschen Anleger scheinen, wenn es um Geld geht und die jüngsten Umfragen stimmen, ein Volk von Angsthasen, Bedenkenträgern und Schlafmützen zu sein. Sie möchten nach Angaben von Goldman-Sachs-Asset-Management, ein amerikanischer Vermögensverwalter mit deutscher Niederlassung in Frankfurt, von 100.000 Euro am liebsten 37 Prozent in Immobilien anlegen, Tagesgeld und Sparbücher liegen mit 24 Prozent auf dem zweiten Platz, und Aktien gehören mit einem Anteil von 14 Prozent zu den Verlierern.

          Umgekehrt wollen 67 Prozent aller Deutschen keinen Cent in Unternehmensanleihen, 63 Prozent keinen Euro in Fonds, 60 Prozent kein Geld in Staatsanleihen und 48 Prozent „nichts“ in Aktien anlegen. Dazu fällt einem nur die lapidare Frage ein, was man dazu sagen soll, und das ist – offen gesagt – das schlichte Eingeständnis, mit seinem Latein nicht nur am Ende, sondern völlig unter Wasser zu sein.

          Wie wäre es mit Steuern auf Negativzinsen?

          Bargeld und Boden lachen, Anleihen und Aktien gelten als Pakt mit dem Teufel. Die finanziellen Folgen, wie sich 100.000 Euro im Verlauf von zehn Jahren entwickeln, werden in den folgenden Beispielen deutlich. Die Aussichten sind nicht berauschend, aber wenn es um die Schilderung der Zukunft geht, waren die Deutschen schon immer Meister des schweren Faches.

          Die Anlage von 100.000 Euro auf dem Geldmarktkonto oder dem Sparbuch bedarf, wenn es keine Zinsen mehr gibt, keiner Bildung mehr. Null ist null, und null wird null bleiben, so dass 100.000 Euro bei „null“ Zinsen in zehn Jahren bei 100.000 Euro stehenbleiben werden. Der Begriff des „Strafzinses“ aber ist neu im deutschen Sprachraum, und er besitzt allerbeste Voraussetzungen, das Unwort des Jahres zu werden, und um die finanziellen Folgen dieses Debakels in Euro und Cent auszudrücken, ist doch gewisse Bildung nötig. Wie hoch wird in zehn Jahren der Endwert von 100.000 Euro sein, wenn der Betrag mit minus 0,5 Prozent verzinst, mit Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent belegt und mit einer Inflation von 2 Prozent berechnet wird?

          Die Antworten sind einfach, doch um die Ergebnisse zu ertragen, sollten im Norden des Landes ein Korn und im Süden der Republik ein Obstler zur Verfügung stehen. 100.000 Euro führen bei einem jährlichen Minuszins von 0,5 Prozent in zehn Jahren zu einem Endwert von 95.111 Euro. Abgaben in Form der Abgeltungsteuer sollten bei diesem Ergebnis nicht anfallen, doch wer weiß, was Beamten in Berlin und Brüssel zu diesem Thema noch einfallen wird? Der einfache Bürokrat verrichtet Dienst nach Vorschrift, doch der gehobene Bürokrat ist einfallsreicher, als es dem gemeinen Volk lieb ist. Warum soll es in Zukunft keine Steuern auf Negativzinsen geben, warum soll die Weigerung des kleines Mannes, das Ersparte der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, nicht mit einer kleinen Steuer geahndet werden?

          Wenn Nepper, Schlepper und Bauernfänger Freigang haben

          Wenn die „Bestrafung der Bestrafung“ weder im Europaparlament noch im Bundestag durchsetzbar sein sollte, bleibt immer noch der Kapitalmarkt. Die Inflation wird ihren Beitrag leisten, dass 95.111 Euro in den nächsten Jahren schrumpfen werden. Bei einer Entwertung um 1 Prozent pro Jahr wird das reale Guthaben in zehn Jahren auf 86.103 Euro sinken, und bei einer Inflation von 2 Prozent werden es 78.024 Euro sein. Das sind reale Renditen von minus 1,49 und 2,45 Prozent pro Jahr!

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