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Familien-Finanzen : Kinder kosten ein Vermögen

Wer Kinder hat, braucht auch Geld Bild: Picture-Alliance

230.000 Euro sollten Eltern je Kind rechnen. Der eigene Ausfall von Einkommen kommt noch hinzu. Vorsorge ist sinnvoll, doch auf die Mär der Rundum-sorglos-Pakete der Versicherer sollten Eltern nicht hereinfallen.

          Kinder sind keine gute Geldanlage. Aller familienpolitischen Leistungen zum Trotz bleibt unter dem Strich eine tiefrote Rendite – rein finanziell betrachtet zumindest. Sie wird hoffentlich immer überkompensiert durch eine gesteigerte Lebenszufriedenheit. Kinder sollten daher nicht in erster Linie als Kostenfaktor wahrgenommen werden. Aber gerade Familien dürfen die finanzielle Realität auch nicht ausblenden. Eine Finanzplanung ist sinnvoll.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Zunächst ist es hilfreich, sich einen Überblick über die zu erwartenden Kosten der Kinder zu verschaffen. Den meisten Eltern wird bald klar: Es wird im Laufe der Zeit nicht billiger, sondern immer teurer. Das Statistische Bundesamt gießt dies in Zahlen: 6000 Euro im Jahr kosten Kinder, bis sie sechs Jahre alt sind. Zwischen 6 und 12 Jahren sind es dann 7000 Euro und bis zur Volljährigkeit etwa 8500 Euro im Jahr. Wer addiert, kommt auf rund 130.000 Euro, je Kind wohlgemerkt. Nach dem 18. Geburtstag wird es noch teurer, vor allem, wenn für ein Studium eine eigene Wohnung gebraucht wird. Eine Summe von 230.000 Euro hat die Verbraucherzentrale Bayern einmal ausrechnen lassen, die ein Kind bis zum Abschluss des Studiums kostet. Mit etwa 130.000 Euro sei der Verdienstausfall der Eltern für die Erziehung von einem Kind zu veranschlagen, bei zwei Kindern seien es 175.000 Euro, bei drei Kindern 230.000 Euro. Andere Berechnungen kommen auf ähnliche Ergebnisse. Das Kindergeld, so es 25 Jahre bezogen würde, summiert sich nach aktuellem Stand auf 55.000 Euro. Auch andere familienpolitische Leistungen können den finanziellen Schaden bei weitem nicht ausgleichen.

          „Die Kinder haben einen Unterhaltsanspruch“

          Den Kosten für die Kinder können sich Eltern jedoch nicht entziehen. „Die Kinder haben einen Unterhaltsanspruch“, sagt Inge Saathoff, Fachanwältin für Familienrecht aus Oldenburg und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV). „Sie haben zwar keinen Anspruch auf Teilhabe am Luxus, aber sie müssen angemessen versorgt werden.“ Das teuerste Handy oder Markenklamotten müssen es nicht sein, wohl aber ein Taschengeld, wie es auch im Freundeskreis üblich ist. „Die Eltern haben aber natürlich einen Ermessensspielraum, was sie für pädagogisch sinnvoll halten.“ Im Trennungsfall der Eltern gibt die Düsseldorfer Tabelle präzise Auskunft, welchen Anspruch auf Unterhalt Kinder haben. Er reicht von 317 Euro im Monat in der untersten Einkommensklasse und für Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren bis hin zu 781 Euro im Monat bei Gutverdienern und Kindern ab 18 Jahren.

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          Für Studenten wird ein Bedarf von 670 Euro im Monat unterstellt, wenn sie nicht zu Hause wohnen. Aus Kostengründen verlangen, dass die Kinder bei Ausbildung und Studium zu Hause wohnen bleiben, können die Eltern nur in Ausnahmefällen. „Das Kind hat grundsätzlich ein Recht darauf, woanders zu studieren“, sagt Saathoff. Es hat aber zu prüfen, ob Anspruch auf Bafög besteht. Das entlastet die Eltern. Die Hälfte der Summe muss das Kind später an den Staat zurückzahlen. Auch kann von Studenten verlangt werden, dass sie etwas dazuverdienen. „Der Studienerfolg hat aber immer Vorrang und darf nicht gefährdet werden.“ Ein über die übliche Studien- und Ausbildungszeit hinausgehender Aufenthalt an der Universität muss nicht finanziert werden.

          In den meisten Fällen dürfte aber die konkrete Rechtslage kaum Diskussionsgegenstand in den Familien sein. Die meisten Eltern werden ein Interesse an der erfolgreichen Ausbildung ihrer Kinder haben und sie bestmöglich finanziell unterstützen wollen. Angesichts der absehbar hohen Kosten sollte deshalb allerdings nicht gleich Hals über Kopf der erstbeste langfristige Vorsorgevertrag abgeschlossen werden. Die Sorgen der Eltern sind den Finanzvertrieben bekannt und werden in Verkaufsgesprächen gerne aufgenommen, um den Geldbeutel der Eltern zu erweichen. Rundum-sorglos-Pakete von der Wiege bis zur Bahre werden offeriert. Ein Beispiel von vielen ist die Tip-Top-Tabaluga-Police der Universa. Wer ankreuzt „Ja, mein Kind soll es einmal besser haben“, bekommt Informationen über den „drachenstarken Schutz“ für Kinder zugesendet. Wer abschließt, erwirbt ein Paket aus Leistungen für die Zeit, wenn das Kind dereinst selbst Rentner ist, aber auch zahlreiche Versicherungen rund um Unfälle und Krankheiten. Ob aber ein Gipsgeld, 15 Euro für jeden Tag des Kindes im Koma, eine professionelle Zahnreinigung oder Heilpraktiker-Besuche unbedingt abgesichert werden müssen, soll jeder selbst entscheiden. Die Versicherung bietet dies nicht in erster Linie aus Sorge um das Kindeswohl an.

          Risikolebensversicherung sinnvoll

          Grundsätzlich ist von der Vermischung zahlreicher Versicherungen mit der Altersvorsorge abzuraten. Was auf den ersten Blick komfortabel erscheint, ist auf den zweiten Blick wenig flexibel und teuer. Vor dem Abschluss sollten die Eltern zudem überlegen, ob sie das wirklich alles versichert haben wollen. Gratis bekommen sie nämlich nichts. Kinder sind über die Krankenversicherung der Eltern mitversichert. Dies deckt auch die durch einen Unfall verursachten Krankheitskosten ab. Die Haftpflichtversicherung sollte um Kinder erweitert werden. Das kostet wenige Euro zusätzlich im Jahr, ist aber unbedingt empfehlenswert. Für den Fall, dass den Eltern etwas zustößt, ist eine Risikolebensversicherung sinnvoll. Auch diese kosten vergleichsweise wenig und sind einfach und transparent gestaltet.

          Sie sind nicht zu verwechseln mit den gemeinhin als Lebensversicherungen bezeichneten Produkten, die neben dem Todesfallschutz auch dem Aufbau der Altersvorsorge dienen. Sie schon im Kleinkindalter für den Beginn der Auszahlung in mehr als 60 Jahren abzuschließen, hat Vorteile. Je früher angefangen wird zu sparen, desto größer wird nach und nach der Zinseszinseffekt. Dies lässt sich aber auch mit deutlich einfacheren, flexibleren und günstigeren Produkten erreichen. Gerade bei sehr langen Laufzeiten ist die Gefahr hoch, den Versicherungsvertrag aus welchen Gründen auch immer irgendwann beenden zu wollen. Die Erfahrung zeigt, dass dies oft vorkommt.

          Doch das ist dann fast immer nur mit Verlusten möglich. Der Berater freut sich über eine hohe – weil auf Basis der langen Laufzeit berechneten – Abschlussgebühr. Hält der Versicherte aber die Einzahlungen nicht durch, droht er auf diesen Kosten sitzenzubleiben und den Vertrag mit Verlusten zu beenden. Der Garantiezins in Lebensversicherungen wird zudem derzeit bis zum Ende der Laufzeit auf magere 1,25 Prozent festgeschrieben. Er steigt für diesen Vertrag nicht mehr, auch wenn sich das allgemeine Zinsniveau deutlich erhöhen sollte.

          Sparpläne auf Indexfonds deutlich günstiger

          Ähnliche Einwände lassen sich auch gegen die kursierenden Ausbildungsversicherungen vorbringen. Das Gefühl, die Kosten für die Ausbildung des Kindes abgesichert zu haben, ist sicherlich gut. Nur ist der Preis für diese oft als fondsgebundene Versicherungen verkauften Produkte hoch. Die Flexibilität ist zudem eingeschränkt. Wirkliche Vorteile, die dies rechtfertigen, gibt es nicht.

          Mehr Flexibilität haben Eltern, die einen Sparplan für ihr Kind anlegen. Hier können die Einzahlungen jederzeit beliebig erhöht, gesenkt oder auch ganz ausgesetzt werden. Das angesparte Kapital steht jederzeit zur vollen Verfügung und kann bei Bedarf entnommen werden. Sie kosten in der Regel keine oder kaum Gebühren. Banksparpläne haben derzeit aber den Nachteil sehr niedriger Zinsen. Fast immer liegen die Zinssätze unter 1 Prozent, meistens sogar unter 0,5 Prozent. Einige Banken bieten etwas mehr. Dafür müssen sich die Kunden fest für eine längere Laufzeit binden. Die Aufgabe von Flexibilität bei gleichzeitiger langfristiger Bindung an einen niedrigen Zins, empfiehlt sich nicht.

          Alle Banken bieten aber auch Fondssparpläne an. Sparpläne auf Indexfonds (ETFs) sind deutlich günstiger als Sparpläne auf herkömmliche Fonds, sie werden aber nur von Direktbanken angeboten. Die Comdirect bietet derzeit sogar einige ETF-Sparpläne ohne Gebühren an. In den Filialen der Banken und Sparkassen werden nur die teureren Sparpläne auf aktiv gemanagte Fonds verkauft. Der Anleger geht bei einem ETF- oder Fondssparplan je nach Fonds ein Aktienrisiko ein. Eine Laufzeit von mehr als 10 Jahren, regelmäßige Einzahlungen und eine breite Streuung durch einen Fonds sind aber geradezu der ideale Rahmen für eine erfolgreiche Aktienanlage, die weit mehr Rendite erwarten lässt als die derzeitigen Banksparpläne.

          Wer es schafft, monatlich 100 Euro in einen Sparplan einzuzahlen oder die Großeltern dazu bringt, dies zu tun, kommt mit einem günstigen ETF-Sparplan und einer üblichen Aktienrendite von 7 Prozent nach 18 Jahren immerhin auf eine Summe von 42.000 Euro. Erträge daraus sind jedoch noch zu versteuern. Ein mit 1 Prozent verzinster Banksparplan kommt auf 24.000 Euro. Sollten die Zinsen steigen und 2 Prozent betragen, wären es 26.000 Euro. Die Zinserträge dürften unter dem Sparerfreibetrag bleiben und damit steuerfrei sein.

          Familienrechtlerin Saathoff rät dazu, das Sparkonto beziehungsweise das Depot nicht auf den Namen des Kindes zu führen. „Läuft das über den Namen des Kindes, steht ihm dieses Geld zu“, sagt Saathoff. „Die Eltern dürfen es zum Beispiel nicht für den Kauf von Möbeln, den Führerschein oder die Finanzierung der Ausbildung verwenden, wenn das Kind dem nicht ausdrücklich zustimmt.“ Das Oberlandesgericht Bremen hatte am 3. Dezember 2014 einen Vater zu Schadensersatz verurteilt, weil er Geld von den Konten der Kinder genommen hatte, um ihnen davon Möbel oder Geschenke zu kaufen. Nach dem Urteil der Richter schulden Eltern ihren Kindern einen angemessenen Lebensunterhalt, und dieser ist von den Eltern aufzubringen und nicht aus dem Vermögen der Kinder zu tragen. Das gilt übrigens auch dann, wenn das Konto ausdrücklich für diese Zwecke angelegt wurde, damit Verwandte den Kindern darauf Geld zukommen lassen können, um die Eltern damit in die Lage zu versetzen, dafür Möbel oder den Führerschein für das Kind zu finanzieren.

          Anspruch auf Bafög: Eltern entlasten

          Die Vollmacht über das Kinderkonto erlischt zudem mit dem 18. Geburtstag. Hatten die Eltern darauf Geld für die Ausbildung zurückgelegt, haben sie später keine Handhabe mehr, dass das Geld auch tatsächlich dafür verwendet wird. Wenn das Kind nicht mehr ganz so brav ist und nicht mehr auf seine Eltern hört, wie einstmals angenommen, und sich für das Geld lieber ein Auto oder eine tolle Reise gönnt, ist das dem Buchstaben des Gesetzes nach sein gutes Recht, und es hat dennoch vollen Anspruch auf eine Finanzierung einer berufsqualifizierenden Ausbildung oder eines Studiums durch die Eltern.

          Dies passiert nicht, wenn die Eltern das Geld auf einem auf ihren Namen lautenden Konto für das Kind verwalten. Dann behalten sie stets die volle Verfügungsgewalt über das Geld und können damit machen, was sie wollen, ohne sich später Schadensersatzklagen ihrer Kinder gegenüberzusehen. Die Kinder sind indes die Einzigen, die dies einklagen können. Die Bank fragt nicht, was die Eltern mit ihrer Vollmacht für das Kinderkonto machen.

          Um die Eltern zu entlasten, haben die Kinder indes immer zu prüfen, ob sie einen Anspruch auf Bafög haben. Eltern können dies auch für sich schon früh einmal durchrechnen, schließlich kann das für ihre Finanzplanung eine große Rolle spielen. Wenn das Kind nicht zu Hause wohnt, beträgt der maximale Fördersatz immerhin knapp 600 Euro und kann das elterliche Budget erheblich entlasten. Um Bafög zu erhalten, darf das Vermögen des Kindes inklusive Auto, sofern es dem Kind gehört und abbezahlt ist, nicht mehr als 5200 Euro betragen. Nächstes Jahr erhöht sich der Freibetrag auf 7500 Euro. Das Vermögen der Eltern spielt keine Rolle für den Bafög-Anspruch. Vermögen kurzfristig auf die Eltern zu übertragen ist nicht zulässig und wird mittlerweile streng kontrolliert. Verfügen die Eltern zum Beispiel über ein Nettoeinkommen von 2500 Euro im Monat und haben noch ein weiteres Kind zu versorgen, besteht ein Bafög-Anspruch von rund 440 Euro im Monat. Verdienen sie 3000 Euro netto sind es immerhin noch 220 Euro Bafög im Monat.

          Wenn das Geld trotz allen Bemühens von Student und Eltern nicht reicht, bieten sich auch Studienkredite an. Ohne Sicherheiten und unabhängig vom Einkommen bietet zum Beispiel die KfW monatliche Zahlungen von bis zu 650 Euro für bis zu 7 Jahre an. Spätestens zwei Jahre nach der letzten Auszahlung beginnt die Tilgung, die auf bis zu 25 Jahre gestreckt werden kann. Sondertilgungen sind in beliebiger Höhe jederzeit möglich. Der Zinssatz beträgt knapp 4 Prozent, wird jedoch halbjährlich je nach Entwicklung des allgemeinen Zinsniveaus angepasst. Auch Festzinsangebote sind möglich. Verständnis für das knappe finanzielle Budget ihrer Eltern dürften die meisten Studenten erst entwickeln, wenn sie selbst Kinder haben.

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