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Die Vermögensfrage : Der Widerruf löst oft erbitterten Streit aus

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Mit spitzem Bleistift oder mit juristischem Fingerhakeln? Der Widerruf von Krediten will wohlüberlegt sein Bild: Dagmar Schwelle/laif

Der Umtausch teurer Darlehen in billige Kredite ist mit viel Ärger und hohem Aufwand verbunden. Oft führen Versuche des Umtauschs zu Streit zwischen Gläubigern und Schuldnern.

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          Fairness bei Finanzgeschäften sind große Worte. Jeder wünscht sich Fairplay, doch wenn’s um Geld geht, werden die hehren Vorsätze schnell über Bord geworfen. Da wird wie beim Fußball oder im Eishockey gerempelt und getreten, ab und an, wie es im Norden heißt, gehen die Parteien, hier die Banken, Bausparkassen und Versicherungen, dort die Anleger und Schuldner, sogar mit Fäusten und Knüppeln aufeinander los. Das jüngste Beispiel solcher Kämpfe ist der Widerrufsjoker im Kreditwesen.

          Die Verbraucherzentrale in Bremen, Hamburg und Leipzig haben im Frühjahr und Sommer dieses Jahres rund 10.000 Kreditverträge unter die Lupe genommen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Belehrung über den Widerruf in 80 Prozent aller Fälle fehlerhaft ist. Dadurch haben die betroffenen Schuldner die Möglichkeit, die Schulden in günstigere Verträge umzutauschen. Die juristische Panne scheint für manche Kreditnehmer die gute Gabe aus dem Morgenland zu sein, doch die Privatleute sollten sich nicht zu früh freuen. Der Umstieg ist in der Regel mit viel Ärger und großem Aufwand verbunden, weil hinter den Kulissen nach allen Regeln geschoben und getrickst wird. Das wird in folgendem Beispiel deutlich.

          Ein Privatmann hat vor fünf Jahren bei einer Großbank einen Kredit von 100000 Euro aufgenommen. Der Schuldner war zum damaligen Zeitpunkt nicht erste Sahne. Er war finanziell schwach auf der Brust, und das Eigenkapital war gering, so dass sich die Bank nur nach „langem Ringen“ entschloss, der Finanzierung beizutreten, natürlich mit der Folge, dass der Sollzins etwas höher ausfiel. Statt der üblichen 4,5 Prozent wurden 5 Prozent vereinbart. Der Sollzins gilt noch fünf Jahre. Die Tilgung wurde auf 1 Prozent eingestellt. Die 60 Raten von jeweils 500 Euro, die bis heute bezahlt wurden, haben die Schuld bis heute auf 94333 Euro gesenkt, und wenn in der zweiten Halbzeit weiterhin alles nach Plan verläuft, wird die Restschuld in den nächsten 60 Monaten auf 87060 Euro sinken.

          Nun hat ein Anwalt herausgefunden, dass die Belehrung über den Widerruf falsch war. Der Schuldner hat sich vorrechnen lassen, dass der Kredit in fünf Jahren auf 70452 Euro sinken könnte, wenn der Zins nach der Halbzeitpause von 5 auf 1,5 Prozent, den aktuellen Zinssatz für Darlehen mit einer Zinsbindung von fünf Jahren, gesenkt werden würde. Das wären 16518 Euro weniger, so dass es kein Wunder ist, dass der Schuldner finanziell Morgenluft wittert. Ein Unterschied von 16518 Euro ist ein Betrag, für den man „arg lang schaffen“ muss, wie jeder Schwabe weiß, und aus diesem Grund ist der Mann mehr oder weniger wild entschlossen, den Hut in den Ring zu werfen. Das ist aber leichter gesagt als getan.

          Wer soll die Restschuld übernehmen?

          Das mit Abstand größte Problem ist die Frage, wer die Restschuld übernehmen soll. Der Schuldner selbst ist, obwohl in der Zwischenzeit besser verdienend, dazu nicht in der Lage. Er hat keine 94333 Euro im Sparstrumpf, und der Gang mit dem Klingelbeutel durch den Freundeskreis oder die Verwandtschaft verspricht keinen Erfolg. Genauso wenig Erfolg verspricht aber auch das Gespräch mit der Hausbank. Längst pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass die betroffenen Banken „stocksauer“ sind auf Kunden, die von dem Widerruf tatsächlich Gebrauch machen. Sie empfinden das Ansinnen als frech, und als oberfrech, um nicht zu sagen, unverschämt, empfinden sie das Begehren der Kunden, die alten Kreditzinsen mal eben schnell in neue Sollzinsen zu tauschen.

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