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Die Vermögensfrage : Riestern lohnt sich für fast alle

Rechnung mit vielen Unbekannten: die Altersvorsorge will gut geplant sein. Bild: ddp Images

Hohe Gebühren haben viele Riester-Sparer verärgert. Doch nicht alle Verträge sind überteuert. Durch staatliche Zulage und mit einem sorgsam ausgewählten Produkt können Anleger sinnvoll für ihr Alter vorsorgen.

          Viele der derzeit 16 Millionen Riester-Verträge beruhen auf einem Missverständnis. Die staatliche Zulage wurde mit einer Art Staatsgarantie für eine gute Altersvorsorge verwechselt. Ein oft teurer Irrtum. Die Anbieter von Riester-Verträgen hatten leichtes Spiel. „Wenn Sie bis zum Jahresende noch abschließen, sichern Sie sich die volle Förderung noch für das ganze Jahr“, ließen sich die Kunden nicht selten zu einem schnellen Vertragsabschluss drängen. Doch die staatliche Zulassung als zertifizierter Riester-Anbieter ist nichts anderes als eine Prüfung formaler Kriterien. Sie sagt nichts darüber aus, ob der Anleger tatsächlich einen vernünftigen Vertrag für seine Altersvorsorge abgeschlossen hat.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Tatsächlich hat der Abschluss vieler Riester-Verträge ohne den Blick ins Kleingedruckte stattgefunden und das Erwachen ist vielfach böse. In diesen Wochen erhalten die Riester-Kunden wieder ihre Jahresabrechnungen. Beispielhaft eine im Dezember 2006 abgeschlossene Riester-Rente: Das Vertragsguthaben beträgt nach mehr als acht Jahren 12200 Euro. Doch der Kunde hat 13400 Euro eingezahlt. Dazu kamen fast 2000 Euro staatliche Zulagen. Doch der Versicherer hat fast 5000 Euro an Gebühren kassiert. Die haben damit die staatlichen Zulagen weit überwogen und auch die Erträge aus der Geldanlage von rund 1800 Euro locker aufgefressen. Von den Kosten war im Beratungsgespräch natürlich nie die Rede. Nur von den Zulagen. Die Anbieter verweisen nun darauf, dass die Kosten in den ersten fünf Jahren besonders hoch seien und dann geringer würden. Aber selbst im Jahr neun des Vertrages fallen noch 220 Euro Gebühren an.

          Der Absatz neuer Riester-Verträge ist mittlerweile zum Erliegen gekommen. Dabei ist Riester für fast alle Anspruchsberechtigten – im Wesentlichen sind das die Beitragszahler in die Rentenversicherung und die Beamten – sinnvoll. 154 Euro im Jahr beträgt die Grundzulage für einen Riester-Vertrag. Dazu kommen 185 Euro im Jahr für jedes vor 2008 geborene Kind und 300 Euro für jedes Kind, das 2008 oder später geboren wurde. Wegen der hohen Kinderförderung entstand der Eindruck, die Riester-Rente eigne sich nur für kinderreiche Familien. Doch das ist falsch. Bis zu 2100 Euro Jahresbeitrag können als Sonderausgabe bei der Einkommensteuer geltend gemacht werden. Schon Kinderlose mit mittleren Einkommen haben einen Steuervorteil von 500 Euro im Jahr und erhalten zusätzlich die Grundzulage von 154 Euro. Für Gutverdiener beträgt der Steuervorteil oft mehr als 800 Euro im Jahr bei einer Beitragszahlung von knapp 2000 Euro.

          Mindestbeitrag beträgt 60 Euro im Jahr

          Um die Zulagen zu erhalten, muss der Riester-Sparer wenigstens 4 Prozent seines Vorjahreseinkommens in den Riester-Vertrag einzahlen, abzüglich der Zulagen. Wer zum Beispiel 50000 Euro verdient hat, müsste 2000 Euro einzahlen. Da er zwei kleine Kinder hat, kann er von diesem Mindestbeitrag seine eigene Zulage von 154 Euro und je 300 Euro für die beiden Kinder abziehen. Er muss also nur mindestens 1246 Euro einzahlen, um die Zulage von 754 Euro im Jahr zu erhalten. Um die volle Zulage zu erhalten, müssen jedoch nie mehr als 2100 Euro abzüglich Zulagen eingezahlt werden. Dem Riester-Sparer steht es dennoch frei, jährlich einen höheren Betrag einzuzahlen. Das kann Steuervorteile haben und sorgt zudem für ein höheres Sparguthaben im Vertrag, das im Alter für die Rente zur Verfügung steht.

          Der Mindestbeitrag sind 60 Euro im Jahr. Schon mit diesem geringen Beitrag können sich Personen in Elternzeit, Arbeitslosigkeit, Bezieher von Krankengeld, aber auch Mini-Jobber, die sich nicht von der Rentenversicherungspflicht haben befreien lassen, den Anspruch auf die eigene staatliche Zulage und die Kinderzulage erwerben. Für sie bespart dann fast ausschließlich der Staat den Riester-Vertrag. Allerdings wird mit einem solch geringen Eigenbeitrag auf Dauer auch kein hoher Renten-Anspruch aus dem Riester-Vertrag erwachsen. Aber allein die Zulagen summieren sich mit zwei kleinen Kindern – für die solange Kindergeld fließt auch Zulagenanspruch besteht – binnen 20 Jahren auf mehr als 15000 Euro.

          Durch die Zulagen lohnt sich Riestern für die meisten Sparer. Doch es reicht nicht, bloß Anspruch auf staatliche Zulagen zu haben oder einen Steuervorteil einzustreichen. Es ist unerlässlich, sich die Angebote genauer anzuschauen, um nicht wie eingangs beschrieben in eine Gebührenfalle zu tappen. Und hier sehen die klassischen Riester-Versicherungslösungen nicht gut aus. Ihr Vorteil war bislang eine hohe Sicherheit. Denn den Sparern wurde garantiert, dass ihnen im Rentenalter nicht nur ihre eingezahlten Beiträge und die Zulagen zur Verfügung stehen, sondern dass ihr Kapital auch verzinst wird. Betrug die Mindestverzinsung bei den ersten Riester-Verträgen aber noch 3,25 Prozent ist sie mittlerweile für Neuverträge auf 1,25 Prozent gesunken. Das heißt nicht, dass das Kapital der Anleger am Ende wirklich nur mit 1,25 Prozent im Jahr verzinst wird. Garantiert wird ihm eine höhere Verzinsung aber nicht mehr.

          Riesterfonds ohne garantierte Verzinsung

          Und damit ist die Garantie aus der teuren klassischen Riester-Rentenversicherung kaum mehr höher als bei den günstigeren Riester-Fondssparplänen. Hier sind nicht Versicherer die Anbieter, sondern Fondsgesellschaften. Das Geld der Anleger fließt vornehmlich in Aktien-, aber auch in Anleihe- oder Mischfonds. Dem vollen Kapitalmarktrisiko wird der Riester-Sparer indes nicht ausgesetzt. Seine eingezahlten Beiträge plus der staatlichen Zulage stehen ihm auch hier bei Rentenbeginn mindestens zur Verfügung. Nur eine garantierte Verzinsung hat er nicht.

          Doch die Chance auf eine höhere Rendite als bei den Versicherungsverträgen ist groß. Marktführer unter den Anbietern von Riester-Fonds ist mit 1,8 Millionen Verträgen die Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Der meist verkaufte Riester-Vertrag heißt hier Uni Profi Rente. Das Geld der Anleger fließt zunächst ausschließlich in den global anlegenden Aktienfonds Uni Global, später auch in den Anleihefonds Uni Euro Renta. Die Aktienquote soll so lange wie möglich 100 Prozent betragen. Kommt es jedoch zu Kursrückschlägen am Aktienmarkt und der Rentenbeginn des Sparers ist nicht mehr allzu fern, finden Umschichtungen in den Rentenfonds statt.

          Damit will die Union Investment den garantierten Kapital- und Zulagenerhalt zum Rentenbeginn sichern. Eine Umschichtung zurück in den Aktienfonds findet nicht statt. Das hat in den Jahren 2008 und 2009 zu einigem Ärger von Kunden geführt, deren Riester-Produkte nahe der Kurstiefs am Aktienmarkt zu einem Gutteil oder komplett in den Anleihefonds umgeschichtet wurden. Die anschließende Aktienhausse ist diesen Anlegern weitgehend entgangen. Im Regelfall, vor allem bei jüngeren Sparern mit noch langen Vertragslaufzeiten, ist die Aktienquote jedoch hoch, so dass dieser Riester-Vertrag eine wesentlich höhere Rendite erwarten lässt als die Versicherungs-Verträge. Eine Rückkehr aus Anleihe- in Aktienfonds und zudem eine größere Fondsauswahl bietet die seit 2012 angebotene Variante „Select“.

          Billig sind die Riester-Renten der Union Investment jedoch nicht. Der Anleger zahlt bei der Uni Profi Rente bei jedem Kauf des Aktienfonds 5 Prozent Ausgabeaufschlag und anschließend jährlich gut 1,5 Prozent für den Fonds. Der Kauf des Rentenfonds wird mit einem Ausgabeaufschlag von 3 Prozent belegt und dann jährlich knapp 0,9 Prozent. Dies sind dieselben Gebühren, die ein Fondskäufer auch ohne die Riester-Dienstleistungen zahlen muss. Insofern ist es ein faires Angebot. Das Produkt kann nur bei der Volks- und Raiffeisengruppe erworben werden und ist nicht mit Rabatten online oder bei anderen Banken erhältlich.

          Insofern ist die DWS Toprente aus dem Hause der Deutschen Bank günstiger zu haben. Auch hier fallen prinzipiell die Ausgabeaufschläge und Verwaltungsgebühren der Fonds an. Wer das Produkt direkt bei der DWS erwirbt, bekommt jedoch einen Rabatt von 50 Prozent auf die Ausgabeaufschläge. Es sind zudem immer wieder Anbieter am Markt, die das Produkt auch ganz ohne Ausgabeaufschläge anbieten. Die DWS stellt zwei Varianten zur Auswahl: bei der Variante „Dynamik“ werden bis zu 100 Prozent des Geldes in Aktienfonds angelegt werden. Sie eignet sich vor allem für jüngere Anleger mit Ansparphasen von noch wenigstens 20, besser 30 Jahren. Bei der Variante „Balance“ beträgt der Aktienanteil nur bis zu 60 Prozent. Für den Riester-Fonds steht die gesamte Fondspalette der Deutschen Bank zur Verfügung.

          Es wird also nicht nur in die teuren aktiv gemanagten Fonds der DWS investiert, sondern auch in die günstigeren Indexfonds von db X-Trackers. Je nach Börsenentwicklung finden auch hier Umschichtungen statt. Anders als bei der Uni Profi Rente kann jedoch auch aus dem Anleihefonds in den Aktienfonds umgeschichtet werden. Die DWS bietet zudem auch noch die DWS Riester Rente Premium an. Sie wird vor allem von Vermittlern und Beratern angepriesen, weil sie höhere Gebühren aufweist. Wie bei den Riester-Versicherungen werden dem Anleger in den ersten fünf Beitragsjahren hohe Gebühren aufgeladen. In diesem Fall 5,5 Prozent der zu erwartenden Beitragssumme der voraussichtlichen Gesamtlaufzeit. Dazu kommen die laufenden Fondskosten. Daher ist die günstigere DWS Toprente vorzuziehen, vor allem, wenn sie mit Rabatten auf den Ausgabeaufschlag erworben wird.

          Neue Konkurrenz für Union Investment und Co.

          Den weitgehend zwischen Union Investment, Deutscher Bank und zu einem kleineren Teil der zur Sparkassengruppe gehörenden Deka Bank aufgeteilten Markt aufzumischen, versucht seit dem Sommer die Fairr.de GmbH. Sie bietet ihr Fairriester genanntes Produkt zu jährlichen Gesamtgebühren von teilweise weniger als 1 Prozent im Jahr an. Das vor allem im Internet, aber auch bei einigen Honorarberatern erhältliche Produkt, investiert ausschließlich in günstige Indexfonds. Wer mehr als 10000 Euro im Vertrag angelegt hat, zahlt an die hinter dem Produkt stehende Hamburger Privatbank Sutor und den Anbieter Fairr.de zusammen nur 0,5 Prozent im Jahr. Dazu kommen die Fondsgebühren, die allerdings bei Indexfonds oft nur 0,1 Prozent im Jahr ausmachen. Die Gebühren für geringere Anlagebeträge sind höher, sollen aber ab April gesenkt werden.

          Fairriester verfolgt zudem einen anderen Anlageansatz. Während die klassischen Anbieter von Riester-Fonds aus Vorsichtsgründen bei Rückschlägen am Aktienmarkt oft die Aktienquote zurückfahren, also prozyklisch agieren, hält Fairriester lange an einer hohen Aktienquote fest und senkt sie erst linear zum Ende der Ansparphase hin. Bei Union, DWS und Deka kann die Aktienquote hingegen auch kurz vor Beginn der Auszahlphase noch 100 Prozent betragen, wenn der Sparer dem nicht widerspricht und eine Umschichtung in Anleihefonds fordert.

          Für den Anleger ist der Verlauf der Aktienquoten wie ihn Fairriester bietet im Regelfall attraktiver. Der Anbieter geht dabei aber das Risiko ein, am Beginn der Rentenphase bei sehr ungünstigem Marktverlauf weniger Geld als die eingezahlten Beiträge und Zulagen im Fairriester-Vertrag des Anlegers zu haben. Damit der staatlichen Garantie Genüge getan wird, würde die Sutor Bank die Verträge entsprechend aufstocken und dafür rechtzeitig im Bedarfsfall Rückstellungen bilden.

          Das angesparte Fondsvermögen verbleibt in allen Fällen immer im Eigentum des Sparers, auch und gerade wenn der Anbieter insolvent werden sollte. Stirbt der Sparer vor seinem 85. Geburtstag, wird der Riester-Fondsvertrag vererbt. Ehepartner mit eigenem Riester-Vertrag und noch förderberechtigte Kinder erhalten ihn komplett mit Zulagen. Andere Erben müssen die Zulagen zurückzahlen. Nach dem 85. Geburtstag hängt die Vererbung von den individuellen vertraglichen Regelungen ab. Bei Riester-Versicherungen hängt die Vererbbarkeit in der Auszahlphase immer von der vertraglich vereinbarten Garantiezeit ab.

          Bei Renteneintritt können generell bis zu 30 Prozent aus dem Riester-Vertrag entnommen werden. Wer mehr entnehmen will, muss die Zulagen zurückzahlen. Wer im Alter die staatliche Grundsicherung erhält, muss die Riester-Rente darauf anrechnen lassen, erhält also entsprechend weniger Grundsicherung. Doch es wäre fahrlässig, mit dem Verweis, man werde dereinst im Alter wohl ohnehin nur die Grundsicherung erhalten, auf jegliche private Altersvorsorge zu verzichten. Die Höhe der staatlichen Alimente ist nicht in Stein gemeißelt. Der Anspruch auf Arbeitslosengeld und Hartz IV-Leistungen in der Ansparphase werden jedoch nicht durch Vermögen in einem Riester-Vertrag geschmälert.

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