https://www.faz.net/-hbv-qhrs

Vermögensfrage : Protokolle keine Garantie für solide Anlageberatung

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Kai

Seit dem 1. Januar 2010 müssen Banken jedes Gespräch mit Privatkunden, dass sich um Geldanlagen dreht, dokumentieren. Doch das ist nicht nur eine Zumutung, sondern auch eine unlösbare Aufgabe. Denn wer ist eigentlich in der Pflicht: Bank oder Kunde?

          5 Min.

          Das Urteil der Stiftung Warentest über die Qualität der Anlageberatung in Banken fiel in diesem Jahr besonders hart aus: Jämmerlich, mangelhaft, skandalös. Im Mittelpunkt der Kritik steht die Tatsache, dass die Banken ihren Kunden in vielen Fällen kein Protokoll aushändigen. Das sei ein Verstoß gegen Paragraph 31 Absatz 4 des Wertpapierhandelsgesetzes, beklagt die Stiftung. Seit dem 1. Januar 2010 müssen Banken, die mit Privatleuten über Geldanlagen sprechen, vor dem Abschluss der Verträge ein schriftliches Protokoll über die Beratung vorlegen. Das sieht auf den ersten Blick harmlos aus, doch bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass das Gesetz beide Parteien vor Aufgaben und Probleme stellt, die in dieser Form nicht zu lösen sind.

          Mit einem Betrag von 35.000 Euro sprachen die Tester bei den Banken vor. Fachleute wissen seit Jahr und Tag, dass sich Anleger, die mit dieser Geldsumme in eine Bank gehen, auf drei Dinge einstellen müssen. Sie sind für die Institute kleine Fische. Über die Wünsche und Ziele der Kunden wird, wenn es hoch kommt, eine Viertelstunde gesprochen. Der Rest dient der groben Vorstellung einiger Finanzprodukte. Über die Gebühren und Kosten wird nicht viel geredet, sondern auf das Kleingedruckte in den Prospekten verwiesen. Nach einer Stunde sind solche Gespräche in der Regel zu Ende. Da ist es fast egal, ob die Beratenen mit oder ohne Protokoll nach Hause gehen. In vielen Fällen sind die Kunden hilfloser, ratloser und unsicherer als zuvor.

          Weder Bank noch Kunde sind zu sauberer Arbeit bereit

          Die geistige Verwirrung hat handfeste Gründe. In dieser Form ist „ordentliche“ Anlageberatung schlicht und ergreifend unmöglich. Es ist völlig gleichgültig, ob es sich um die Anlage von 10.000 oder 500.000 Euro dreht. In allen Fällen wären mindestens drei Gespräche von jeweils 60 Minuten notwendig, weil saubere Arbeit einfach viel Zeit kostet. Dazu sind aber weder Bank noch Kunde bereit, und das ist der Grund, warum die Anlageberatung ist, wie sie nun einmal ist. An diesem Zustand werden auch die Protokolle in Zukunft nicht viel ändern können.

          In dem Wertpapierhandelsgesetz steht, dass sich Banken über die finanziellen Verhältnisse ihrer Kunden informieren müssen. Das heißt aber im Klartext, dass sich die Kunden „entblößen“ müssen. Sie haben über ihr Vermögen zu berichten. Sie müssen über ihre Schulden sprechen. Sie haben ihre Einkommen offen zulegen. Sie müssen die Ausgaben auflisten. Möchten die Anleger über diese Grundlagen aber wirklich reden? Wollen sie zum Beispiel sagen, dass trotz ordentlicher Einkünfte bisher gar kein Vermögen in nennenswerter Höhe vorhanden ist und die 35.000 Euro bloß ein Erbe der verstorbenen Tante sind? Möchten die Anleger dem Gegenüber offenlegen, dass das Girokonto um 5000 Euro überzogen ist und das Auto auf Pump fährt? Wollen sie dokumentieren, monatlich 4000 Euro zu verdienen, im selben Zeitraum aber auch Ausgaben von 3800 Euro zu haben?

          Wer schnell mal etwas anlegen möchte, will nicht alles offenlegen

          Die wenigen Fragen zeigen in aller Deutlichkeit, wie heikel solche „Vorgespräche“ über Geld sind. Theoretisch sind sie notwendig, doch praktisch werden sie kaum geführt, weil sie ein Tabu sind. Schuldnerberater und Verbraucherschützer können ein Lied davon singen, wie lange es dauert, Licht in das Dunkel privater Finanzen zu bringen. Wem das Wasser finanziell bis zum Hals reicht, wird notgedrungen in die „Protokollierung“ dieser Zahlen einwilligen, aber was ist mit den Anlegern, denen es gut geht? Mit den Anleger, die nur „mal eben schnell“ 35.000 Euro anlegen wollen und nicht bereit sind, einer Bank ihre finanziellen Verhältnisse offenzulegen, weil sie sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben, dem Berater der Bank, den sie zweimal in der Woche im Kirchenchor und im Tennisclub treffen, alles im Detail zu berichten?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

          Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

          Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
          Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

          Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

          Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.