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Die Vermögensfrage : Jetzt ins Eigenheim!

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Wohnobjekte der Begierde: Selbst sanierte Altbauten in Hamburg können sich für willige Käufer derzeit lohnen. Bild: Ullstein

Sehr niedrige Zinsen machen es möglich: Trotz vielerorts gestiegener Immobilienpreise lohnt es sich auch jetzt noch, in die eigenen vier Wände zu ziehen.

          Das Verdikt des großen Vermögensverwalters war so knackig wie irreführend: „Was bei Steinen und Beton was ist, wird derzeit zu Fantasiepreisen gehandelt. Und was im Preis halbwegs vernünftig daherkommt, ist am Rand der Welt oder in Gruselgegenden“, fasste der exzellente Analytiker die aktuelle Lage am Immobilienmarkt kurz und bündig zusammen. Aus der Traum vom eigenen Haus? Alle Chancen schon wieder verpasst? Gemach. Das vernichtende Urteil zur Vermögensbildung in Immobilien kam wohl eher aus Sicht eines institutionellen Anlegers und hatte mit der Sicht des Mieters auf der Suche nach dem eigenen Haus nur wenig zu tun. Für Mieter darf das Thema differenzierter angegangen werden. Verpasst ist die Chance des Lebens längst noch nicht. Denn nichts anderes als die Chance des Lebens sind die trotz des Anstiegs der vergangenen Wochen nach wie vor extrem niedrigen Hypothekenzinsen.

          Zwei reale und höchst vergleichbare Fälle verdeutlichen, was die so niedrigen Zinsen tatsächlich bedeuten: Zwei junge Familien in ein und derselben bevorzugten rheinischen Großstadt, alle jung, alle fleißig, jeweils mit Kleinkindern und zwei Einkommen gerüstet, aber nach wie vor Mieter. Die einen im Jahre 1985, die anderen im Jahre 2015. Beide finden ein Haus, beide Häuser liegen in guter Stadtrandlage, das eine kostet 380000 Mark, das andere 370000 Euro. Beide Familien müssen noch viel Geld in den Umbau stecken, beide brauchen unter dem Strich 400000. Die einen Mark, die anderen Euro. Kreditwürdig sind sie alle. Sie bekamen und bekommen ihr Geld.

          Das Eineinhalbfache der Kreditsumme allein für Zinsen

          Die einen, die noch in Mark rechneten, bekamen ihre Darlehen zu effektiv knapp acht Prozent Zins, fest nur für fünf Jahre, weil alles andere zu teuer geworden wäre. Ihre Monatsrate: 2880 Mark, davon zunächst mehr als 2550 DM an Zinsen im Monat. Was sich damals für die jungen Käufer am Himmel dunkel und drohend abzeichnete: Wenn die Zinsen und Tilgung so bleiben, wird die Rate mehr als 28 Jahre lang fällig werden. Schlimmer noch, am Ende muss das Haus mit knapp 980000 Mark fast zweieinhalb Mal bezahlt werden. Allein für die Zinsen werden dabei 580000 Mark geflossen sein, knapp das Eineinhalbfache der Kreditsumme. Das wären dann ziemlich genau 1700 Mark Zins pro Monat der Gesamtlaufzeit. Ein stolzer Betrag, der sich damals auf das Doppelte der mit den Zinsen durchaus vergleichbaren Kaltmiete für die Mietwohnung der jungen Familie belief. Von wegen „Mit der Miete ins Haus“. Mit „zwei Mieten nur für die Zinsen“ wäre damals ehrlicher gewesen. Natürlich fielen die Urlaube ein paar Jahre aus. Getilgt werden musste ja schließlich auch noch.

          Die anderen, die heute in Euro rechnen, haben überhaupt keine dunklen Ahnungen mehr. Sie wissen schon sicher, was sie das Geld für das Haus kosten wird. Ihre Finanzierung mit einem Kombikredit einer Bausparkasse ist bis zur letzten Rate fest vereinbart: Nach 23 Jahren und einem Monat wird Schluss sein. Ihr Haus wird sie dann alles in allem nur 490000 Euro gekostet haben. An Zinsen werden sie 90000 Euro bezahlt haben. Nur 90000 Euro, nicht einmal ein Viertel der Kreditsumme. Genauer gesagt: 325 Euro je Monat der Finanzierung. 325 Euro, das ist weit weniger als die Hälfte ihrer aktuellen Kaltmiete. „Mit der Miete ins Haus“ – heute können junge Familien mit Blick auf die Zinsen darüber breit grinsen. Es reicht eben manchmal auch die halbe Miete. Für die Zinsen wohlgemerkt. Dass die Miete unter dem Strich dennoch meist nicht reicht, weil der Kredit auch noch getilgt werden muss. Und dass heute drei Prozent Anfangstilgung besser sind als das früher übliche eine Prozent, darf nicht verschwiegen werden. Tilgung ist aber ein Abstottern der besonderen Art: Am Ende gehört dem Sparer das Haus. Zinsen sind dagegen weg, genau wie die Miete.

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