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Vermögensfrage : Hütchendarlehen sind eine teure Angelegenheit

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Kai

Der niedrige Anfangszins mancher Hypotheken ist nur optisches Blendwerk - und führt wegen der Gebühr für die Zinssicherung zu hohen Gesamtkosten. Bei diesem „Risiko“ stellt sich die Frage, was die Kunden an diesen Krediten trotzdem so fasziniert.

          Die Geldaufnahme ist für die meisten Privatleute in erster Linie eine Sache des Zinses. Je niedriger der Satz ist, so lautet die landläufige Meinung, desto günstiger sei das Darlehen. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die Banken mit ihren „Hütchendarlehen“ bei vielen Privatleuten leichtes Spiel haben. Dahinter verbergen sich Hypotheken mit geringem Anfangszins. Die Kosten können weiter sinken, und nach oben werden sie durch einen Hut – englisch Cap – begrenzt, so dass die Zinsen nicht beliebig steigen können.

          Die Darlehen erfreuen sich vor allem bei Spitzenverdienern großer Beliebtheit, weil die Verbindlichkeiten nach freiem Ermessen, im Zweifel also auch auf einen Schlag und ohne Kosten getilgt werden können. Die Vorteile sind freilich zweifelhaft, weil in aller Regel nicht der Kunde, sondern die Bank gewinnt. Das wird in folgendem Beispiel deutlich. Ein Arzt braucht für den Umbau seiner Praxis etwa 200.000 Euro. Der Mediziner hat den Betrag nicht im Geldbeutel, so dass ein Kredit notwendig ist. Er erkundigt sich bei seiner Hausbank nach den Konditionen, und das Kreditinstitut macht dem verehrten Doktor ein verlockendes Angebot.

          Der anfängliche Nominalzins liegt bei 2 Prozent pro Jahr. Er ist variabel, doch er wird gegen Zahlung einer Gebühr gedeckelt. Er kann im kommenden Jahrzehnt auf höchstens 5,5 Prozent pro Jahr steigen. Dafür ist zwar eine Prämie von 4 Prozent fällig, doch die Zinssicherungsgebühr wird im wahrsten Sinne des Wortes schön geredet. Erstens müsse sie nicht bar bezahlt werden, heißt es in den Verhandlungen, und zweitens sei sie steuerlich absetzbar.

          Im Vergleich zu den Alternativen wirkt der Kredit ziemlich teuer

          Der letzte Punkt kommt bei dem Arzt besonders gut an. Auch sonst sieht der Mediziner in dem „Hütchenkredit“ nur Vorteile. Der jährliche Zins ist gering, die monatliche Belastung niedrig, die steuerlichen Anreize sind hoch, und der Kredit kann in beliebiger Form zurückgezahlt werden. Was soll schiefgehen? Die Antwort ist einfach: Im Vergleich zu den Alternativen ist der Kredit ziemlich teuer. Doch das wird erst auf den zweiten Blick deutlich.

          Der anfängliche Nominalzins von 2 Prozent pro Jahr ist optisches Blendwerk. Maßgebend sind die einmalige Gebühr von 4 Prozent und die jährliche Zinsobergrenze von 5,5 Prozent. Weil die Gebühr nicht bar bezahlt, sondern auf die Hypothek gepackt wird, ist der Kredit nichts anderes als ein Darlehen mit Disagio und einer Zinsbindung von zehn Jahren.

          Der Arzt muss sich mit 208.333 Euro verschulden. Von diesem Betrag werden ihm 96 Prozent beziehungsweise 200.000 Euro ausbezahlt. Der Arzt muss damit rechnen, dass die Bank den Nominalzins nach kurzer Schonfrist auf 5,5 Prozent erhöht, und dieser Satz gilt zehn Jahre. In Zahlen heißt dies, dass der Kredit mehr als 6 Prozent kostet, und das ist im Vergleich zu den Alternativen, die der Kapitalmarkt sonst bietet, ein teures Vergnügen. Normale Darlehen mit dinglicher Sicherheit und zehnjähriger Zinsbindung kosten zurzeit zwischen 4 und 4,5 Prozent, so dass der Arzt auf dem besten Weg ist, finanziell auf Abwege zu geraten.

          Kredite und Aktien passen nicht zusammen

          Die Widrigkeiten beginnen bei der Laufzeit des Darlehens. Weil die Zinsen des Kredites steuerlich Werbungskosten sind, neigen viele Spitzenverdiener dazu, ihre Schulden langsam zu tilgen. Sie werden von Banken und Vermittlern animiert, die Tilgung in alternative Geldanlagen zu stecken. Früher waren Lebensversicherungen der große Renner, heute werden Fondspolicen angeboten. Gegen die Sparverträge ist von der Sache her nichts einzuwenden, doch ob sie sich zur Schuldentilgung eignen, ist fraglich.

          Bei dieser Analyse spielt die Laufzeit des Darlehens eine wichtige Rolle. Kredite sind Kredite, und irgendwann müssen die Schulden beglichen werden. Vor diesem Hintergrund ist die Empfehlung vieler Finanzberater mit Vorsicht zu genießen, die Schulden stehen zu lassen und die Tilgung in andere Anlagen zu stecken. Kredite und Aktien passen nicht zusammen, und die Anhäufung von Schulden ist ein Spiel mit dem Feuer.

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