https://www.faz.net/-hbv-w102

Vermögensfrage : Finanzplanung junger Leute oft mangelhaft

Bild: F.A.Z.-Kai

Eigenheim und Altersvorsorge sind hehre Ziele - doch in jungen Jahren sollten sich Anleger auf andere Dinge beschränken. Doch anstatt dies zu akzeptieren, setzen Banken, Bausparkassen und Versicherungen ihnen oft nur Flausen in den Kopf.

          4 Min.

          Die Fähigkeit junger Erwachsener, vernünftig mit Geld umzugehen, lässt in vielen Fällen zu wünschen übrig. Das ist das Ergebnis einer Studie, die der Deutsche Sparkassen- und Giroverband und das Institut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in dieser Woche in Berlin vorgestellt haben. Sie haben im Mai dieses Jahres etwa 1000 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 39 Jahren über ihre Einstellungen zu Finanzen und Geld und über den konkreten Umgang mit Einkommen und Vermögen befragt. Die Ergebnisse sind ernüchternd, für Fachleute aber keine Überraschung.

          Volker Looman
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Nur jeder zweite Befragte beschäftigt sich gerne mit Geld. 44 Prozent betrachten die Auseinandersetzung mit privaten Finanzen als notwendig. Sie können mit den Informationen der Banken, Bausparkassen und Versicherungen aber nicht viel anfangen. Jeder sechste – hochgerechnet sind das 3,5 Millionen Personen – fühlt sich beim Umgang mit Geld überfordert. Insbesondere bei den Geringverdienern verbindet jeder dritte Befragte die Geschichte mit Arbeit und Problemen.

          Was soll man in diesem Alter zu einer Rentenversicherung sagen?

          Selbst wer ordentlich verdient und Geld auf die Seite legt, hat Schwierigkeiten mit den Finanzen, weil die Prioritäten falsch gesetzt werden. Die jungen Leute schließen langfristige Sparverträge ab und vernachlässigen den Aufbau finanzieller Reserven. Das kann in Notzeiten zu heftigen Problemen führen, weil die Sparer entweder gar nicht oder nur mit erheblichen Verlusten an ihr Geld kommen. Wie das in einzelnen Fällen aussieht, wird in folgendem Beispiel deutlich.

          Ein 25 Jahre alter Betriebswirt hat an der Berufsakademie studiert und steht seit zwei Jahren bei einem Mittelständler in Lohn und Brot. Er verdient im Monat etwa 3000 Euro. Die Freundin, mit der er zusammenlebt, ist ein Jahr jünger und hat ebenfalls die Berufsakademie besucht. Sie arbeitet in einer Steuerberaterkanzlei und verdient rund 2500 Euro im Monat. Das sind für junge Leute keine ganz schlechten Zahlen, wie der Schwabe sagt. Allerdings verheißt der Blick hinter die Kulissen wenig Gutes. Der junge Mann hat das Girokonto um 1000 Euro überzogen. Die roten Zahlen sind freilich keine Errungenschaft der letzten Wochen. Sie bestehen seit der ersten Gehaltszahlung, so dass man von Dauerschulden reden muss. Außerdem besteht ein Autokredit von 6000 Euro. Nun hat der Mann die Bekanntschaft eines „Finanzoptimierers“ aus Hannover gemacht. Das Ergebnis der Bemühungen sind ein Riester-Sparvertrag und eine Rentenversicherung mit Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit. Was soll man dazu sagen?

          Versorgungslücken trotz guter Ausbildung und ordentlicher Löhne

          Bei der jungen Frau ist die Lage etwas erfreulicher. Sie teilt mit ihrem Freund zwar das Bett, aber nicht das Geld. Hier geht sie eigene Wege, und das ist wahrscheinlich auch gar nicht schlecht. Sie hat auf dem Girokonto ein Guthaben von 2000 Euro. Auf dem Sparbuch liegen etwa 5000 Euro, weil es Mutter und Großmutter mit der jungen Frau in der Vergangenheit immer mal wieder gut gemeint haben. In einen Bausparvertrag fließen 100 Euro im Monat. Außerdem gibt es einen Riester-Sparvertrag und eine Unfallversicherung. Wie soll man diese Situation beurteilen?

          Die Verhältnisse sind – auf gut deutsch gesagt – zum Haareraufen. Gute Ausbildung, ordentliche Löhne, hier Schulden, da Versorgungslücken, die finanzielle Bildung ist eine Katastrophe. Dafür werden die üblichen Argumente ins Feld geführt. Gespräche über Geld seien in Deutschland ein Tabu. Der Umgang mit Geld müsse in der Schule vermittelt werden. Die Werbung verführe junge Menschen zum Konsum. Die Banken machten die Kreditvergabe zu leicht. Und der Staat müsse die Bürger besser schützen. Die einzelnen Argumente mögen mehr oder weniger stimmen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass jeder Mensch, der älter als 18 Jahre ist, für sich in Anspruch nimmt, erwachsen zu sein. Folglich ist er auch verantwortlich, was er macht, und gegen die Folgen ist kein Kraut gewachsen. Man kann sich nur wünschen, dass sich die Steuerfachfrau ihren Freund kräftig zur Brust nimmt und ihm mit einfachsten Worten vermittelt, worauf es beim Vermögensaufbau ankommt.

          Weg mit dem Auto, weg mit den Schulden, her mit den Sparmaßnahmen

          Im vorliegenden Beispiel sollte die erste Maßnahme die Tilgung der Schulden auf dem Girokonto sein. Danach sind die „Einräumung der Überziehung“ zu streichen und die Kreditkarte einzuziehen. Die beiden Maßnahmen sind fromme Wünsche, doch wenn Banken und Sparkassen ernsthaft zur Gesundung dieses Landes beitragen wollen, führt am Verbot von Überziehungen und Kreditkarten kein Weg vorbei. Die zweite Maßnahme sind der Verkauf des Autos und die Rückzahlung des Kredites. Natürlich hört sich das wie eine widerwärtige Gemeinheit an, doch was soll die Jammerei? Was nicht geht, geht eben nicht. Und was nicht passt, sollte auch nicht passend gemacht werden. Die junge Frau kann ihrem Freund, wenn sie es gut mit ihm meint, zum nächsten Geburtstag ein Fahrrad schenken. Sonst muss der junge Mann zu Fuß gehen oder Bahn und Bus benutzen.

          Bei der finanziellen Kehrwoche sollten auch der Riester-Vertrag und die Privat-Rente in die Mülltonne geworfen werden, weil sie einfach nicht in den Vermögensaufbau des Betriebswirtes passen. Der junge Mann benötigt, um es auf den Punkt zu bringen, nur vier Verträge. Er braucht eine Privat-Haftpflicht-Versicherung. Er sollte sich gegen die Folgen der Berufsunfähigkeit absichern. Er benötigt ein Girokonto ohne Kreditkarte und Überziehung. Und er braucht ein Sparkonto, auf das er jeden Monat 200 bis 300 Euro einzahlt. Davon kann, sobald genügend Geld zusammen gekommen ist, ein Auto gegen Barzahlung gekauft werden. Oder es kann der berühmte Notgroschen gebildet werden.

          An den teilweise rüden Verkaufsmaßnahmen wird sich nur wenig ändern

          Eigenheim und Altersvorsorge sind hehre Ziele, doch was sollen diese Flausen? In jungen Jahren geht es um andere Dinge, und es wäre schön, wenn Banken, Bausparkassen und Versicherungen diese Gegebenheiten akzeptieren würden. Beim Geld hört freilich die Freundschaft auf, und aus diesem Grund ist nicht damit zu rechnen, dass sich an den zum Teil rüden Verkaufsmethoden in Zukunft viel ändern wird. Die Anleger müssen sich im Grunde vor sich selbst schützen. Doch wie soll das klappen? Die junge Steuerberaterin ist zwar auf dem besten Wege, sich ein kleines Vermögen aufzubauen, doch hier und da kommt auch sie nicht richtig in die Gänge. Sie hat zum Beispiel weder eine Privat-Haftpflicht-Versicherung noch eine Absicherung gegen Berufsunfähigkeit. Das sind jedoch Bausteine, auf die kein Mensch verzichten sollte.

          Das Girokonto und das Sparbuch sind in Ordnung. Der Bausparvertrag und die Riesterrente sind jedoch fragwürdig. Was will die junge Frau mit diesen Verträgen erreichen? Natürlich geht es, daran besteht kein Zweifel, um das Eigenheim oder die Altersversorgung, und die Ziele sollen zu gegebener Zeit auch angepackt werden. Momentan ist es dafür aber einfach viel zu früh. Wer nur in die Zukunft sieht, setzt sich dem Risiko aus, die Gegenwart zu übersehen, und das Leben findet nun einmal heute statt.

          Vor diesem Hintergrund sollte die junge Frau erst einmal die Risiken absichern. Dann sollte sie die finanzielle Rücklage auf 10.000 Euro aufstocken. Schließlich könnte sie sich an dem Sparprozess für das Auto und die Wohnungseinrichtung beteiligen. Das schmeckt zwar manchen Frauen überhaupt nicht, doch die Gleichberechtigung sollte nicht gerade beim Geld aufhören. Wenn diese Ziele erreicht worden sind, kann mit dem Sparen fürs Eigenheim begonnen werden, und zwar von beiden Partnern, und ohne Kredite im Kreuz!

          Weitere Themen

          Laden zu – und wer zahlt?

          BGH-Verfahren : Laden zu – und wer zahlt?

          Als die Pandemie anrollte, hofften Tausende von Gastwirten auf ihre Versicherungen. Doch die verweigerte die versprochene Entschädigung. Zu Recht? Das muss jetzt der BGH entscheiden.

          Topmeldungen

          Bild aus anderen Tagen: Olaf Scholz (Mitte) bei einer FDJ-Veranstaltung in Wittenberg im September 1987

          Bundeskanzler Olaf Scholz : Weder Stasi-Opfer noch Agent

          Etliche Medien haben berichtet, dass Bundeskanzler Olaf Scholz jahrelang vom DDR-Staatssicherheitsdienst bespitzelt worden sei. Diese Behauptung ist falsch. Das zeigt ein Blick in die Stasi-Unterlagen. Ein Gastbeitrag.
          Die kleinen Detektive Rico Doretti (Anton Petzold, li.) und Oskar (Juri Winkler) ermitteln in einem Erpressungsfall.

          Autor Andreas Steinhöfel : Das späte Glück des traurigen Kindes

          In den beliebten Kinderbüchern über Rico und Oskar spielt Berlin eine Hauptrolle. Der Autor Andreas Steinhöfel hat es in der Stadt selbst nicht ausgehalten. Er ist an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt – trotz schmerzhafter Erinnerungen.