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Qualität sichern : Warum die Finanzberatung klare Ausbildungsstandards braucht

Hinter dem Rücken des Mandanten

Um hier gar keine Begierden zu wecken, hat der Gesetzgeber schon vor vielen Jahrzehnten den Paragraph 667 in das BGB eingefügt. Darin heißt es: „Der Beauftragte hat alles, was er zur Ausführung des Auftrages erhält, und was er aus der Geschäftsbesorgung erhält, herauszugeben.“ Wenn ein Investor einen „echten“ Berater beauftragt, ihn bei der Prüfung von drei Geldanlagen zu unterstützen, kann der Fachmann ruhig 3000 Euro nebst gesetzlicher Mehrwertsteuer verlangen. Sofern bei der Geschäftsbesorgung oder Vermittlung aber Provisionen von 10.000 Euro anfallen, steht dieses Geld ausschließlich dem Auftraggeber zu.

Anwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer verstoßen gegen mindestens drei Gesetze, wenn sie die Provisionen behalten: einmal gegen Paragraph 667 des Bürgerlichen Gesetzbuches (Herausgabepflicht), dann gegen Paragraph 266 des Strafgesetzbuches (Untreue) und schließlich gegen Paragraph 370 der Abgabenordnung (Steuerhinterziehung). Die Anwälte und Steuerberater kommen außerdem mit ihren jeweiligen Standesgesetzen und Richtlinien in Konflikt, so dass es kein Wunder ist, dass in den vergangenen Jahren viele „Ehrenberufler“ nicht nur ihre Gesicht, sondern auch ihre Zulassung als Anwalt oder Steuerberater verloren haben.

Die dritte Beratungsform ist eine Mischung aus Beratung und Vermittlung. Es gibt freie „Berater“, die für ihre Tätigkeit „angemessene“ Honorare verlangen, danach aber Finanzgeschäfte gegen Provision vermitteln. Teilweise verrechnen sie Honorare und Provisionen miteinander. Meistens lassen sie die Provisionen aber direkt oder indirekt über ein Unternehmen der Ehefrau oder Freundin in die eigene Tasche laufen. Genauso ist es denkbar, dass die Immobilienfirmen oder die Versicherer dem Berater für den diskreten Wink zur rechten Zeit jedes Jahr einen neuen Oberklassewagen mit dem guten Stern vor die Türe stellen oder ihn zum Segeltörn im Mittelmeer einladen. Die Handreichung mag die Beziehung zwischen Finanzdienstleister und Berater stärken, doch für das Verhältnis zwischen Berater und Mandant sind die Zahlungen Gift. Hier wird vordergründig „neutral“ beraten, aber mit Provisionsgeschäften und Vergünstigungen hinter dem Rücken des Mandanten zusätzlich Geld verdient.

Die Qualität der Finanzberatung ist keine Frage der Entlohnung

Jeder Anleger muss sich selbst entscheiden, mit welchem Berater er zusammenarbeitet. Da leistet ihm auch das neue Honorar-Anlage-Beratungs-Gesetz keine Hilfe. Erstens deckt das Gesetz nur die Beratung über Geldanlagen ab. Und zweitens ist das Gesetz kein Siegel über die Qualität der Beratung. Folglich werden viele Privatleute beim richtigen Umgang mit Geld weiterhin im Regen stehen, weil sie kaum Berater finden, die ganzheitliche Finanzberatung anbieten, die Anlagen, Kredite und Versicherungen umfasst, oder weil sie letzten Endes nicht bereit sind, für die Beratung offene Honorare zu bezahlen. Die Probleme werden an Beispielen aus der Praxis deutlich.

Ein junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern ist auf der Suche nach passenden Versicherungen. Außerdem will es ein bisschen Geld für ein Eigenheim ansparen. Das sieht auf den ersten Blick harmlos aus: Doch die Suche nach dem richtigen Berater ist schwierig. Soll die Familie die Hausbank ansprechen? Soll es die Bausparkasse aufsuchen? Soll es die Versicherung fragen? Soll es zu einer Vertriebsgruppe wie DVAG, MLP oder OVB gehen? Soll es an einen Honorarberater konsultieren? Soll es sich an einen Versicherungsberater wenden?

Die Fragen zeigen in aller Deutlichkeit, dass die Qualität der Finanzberatung keine Frage der Entlohnung ist. Hausbank, Bausparkasse, Versicherung und Vertriebsgruppe bekommen für ihre Arbeit eine Provision. Und der Honorarberater und der Versicherungsberater erhalten für ihre Tätigkeit ein Honorar. Damit ist der jungen Familie freilich nicht gedient. Sie braucht einen Experten oder eine Fachfrau, die zwei Dinge erledigen: Aufklärung über passende Risikovorsorge und Sparverträge und Hilfestellung bei der Beschaffung geeigneter Verträge.

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