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Die Vermögensfrage : Magerzinsen zwingen Anleger zum Verzehr ihres Vermögens

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Hauptsache flüssig: Mit der richtigen Vorsorge sollten Geldsorgen auf hohem Niveau stattfinden Bild: dpa

Die verbissene Jagd nach hohen Zinsen verstellt häufig einen realistischen Blick auf die Risiken dieser Geldanlagen - es droht sogar der Totalverlust. Zinslose Anlagen sind im Zweifel ertragreicher.

          Privatleute empfinden Zinsänderungen auf unterschiedlichste Art und Weise. Schuldner zum Beispiel spüren, wenn nach dem Auslauf einer Zinsbindung neue Konditionen auszuhandeln sind, sehr schnell und in klingender Münze, was die Erhöhung oder die Senkung von Sollzinsen bedeutet. Ganz anders sieht die Wahrnehmung bei Geldanlagen aus, vor allem bei Sparverträgen für den Ruhestand. Sie werden über lange Zeiträume abgeschlossen. Die Renditen sind von Anfang an unbekannt, und die Folgen von Zinsänderungen, vor allem von Senkungen, werden erst viele Jahre später spürbar.

          Das beste Beispiel sind die klassischen Kapitallebensversicherungen. Wer zum Beispiel vor 15 Jahren eine Police mit einer Laufzeit von 30 Jahren und einer Monatsprämie von 250 Euro abgeschlossen hat, sitzt jetzt in der Halbzeitkabine. Ihm mag vor Beginn der Partie vorgerechnet worden sein, dass bei dem Geschäft am Ende der Laufzeit etwa 200000 Euro herauskommen werden. Doch erstens ist dem Sparer gesagt worden, die Hochrechnung sei unverbindlich. Zweitens stellt sich die Frage, ob er sich an die Prognose überhaupt noch erinnert, und drittens steht in den Sternen, ob dem Vorsorgenden bewusst ist, was es bedeutet, wenn die Zinsen in Zukunft nicht mehr 4 oder 5, sondern nur noch 2 oder 3 Prozent betragen. Und noch ungewisser ist die Reaktion auf solche Veränderungen. Wird der Anleger an die Decke gehen? Wird er sich damit abfinden? Oder wird er die Sparleistung erhöhen, um ursprüngliche Ziel doch zu erreichen?

          Wer Sorgen hat, hat auch Likör

          Ähnlich ist die Situation bei Anlegern, die das Ende ihres Berufslebens erreicht haben oder die schon im Ruhestand sind, mit den Erträgen ihrer Geldanlagen die Rente aufbessern wollen und nun erleben müssen, dass die Zinsen in den Keller gerutscht sind. Was macht ein Pensionär oder Rentner, der 100000 Euro auf dem Konto hat und jeden Monat rund 250 Euro haben will. Früher hätten die Anleger über solche Fragen gelacht, weil die Zinsen bei 4 oder 5 Prozent lagen, so dass jährliche Entnahmen von 3000 Euro kein Problem waren. Heute hat sich der Wind gedreht und bläst den Senioren ins Gesicht. Zinsen von 1 Prozent bedeuten eine Zusatzrente von 61 Euro, so dass der Anleger weniger die Qual der Wahl, sondern eher die Wahl der Qual hat: Gürtel enger schnüren, Herztropfen schlucken, Vermögen umschichten oder das Kapital angreifen.

          Die schlechteste Lösung sind Angst und Alkohol, obwohl Wilhelm Busch schon vor 150 Jahren von dem alten Brauch zu berichten wusste: Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Sie führen aber zu Depressionen und Verdruss, so dass es eine Überlegung wert sein kann, ob ein wenig Freude am Rechnen und maßvolle Korrekturen beim Aufbau des Vermögens auf lange Sicht nicht vorteilhafter sind. Wie das geht, wird in folgendem Beispiel deutlich.

          Ein Mann ist 50 Jahre alt. Seine Frau ist ein Jahr jünger, und beide Partner sind berufstätig. Die Schulden für das Eigenheim sind getilgt, so dass sich das Paar dem Aufbau des freien Vermögens widmen kann. Die ersten Fragen lauten: Wie hoch ist die gesamte Wunschrente? Wie hoch werden die gesetzlichen Rentenzahlungen sein? Wann soll die Rente zum ersten Mal bezahlt werden? Wie lange soll die Wunschrente fließen? Wie wird die Inflation beurteilt? Mit welchem Anlagezins nach Steuern wird gerechnet?

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