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Die Vermögensfrage : Zankapfel Zusatzversorgung

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Unterm Strich müssen alle Pflichtversicherten seit 2002 den Gürtel enger schnallen: Durch die Umstellung auf das Punktesystem wurde das Niveau der Zusatzrente im öffentlichen Dienst deutlich gesenkt. Davon betroffen sind nicht nur die rund 1,7 Millionen Pflichtversicherten bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL), sondern auch rund 3,5 Millionen Versicherte bei kommunalen und kirchlichen Zusatzversorgungskassen, die in der Arbeitsgemeinschaft kommunale und kirchliche Altersversorgung (AKA) zusammengefasst sind.

Bei der Systemumstellung unterschieden die Experten zwischen rentennahen und rentenfernen Jahrgängen. „Für die jeweiligen Versicherten galten jeweils unterschiedliche Berechnungsregelungen“, sagt Percy Bischoff, Sprecher der VBL. Für die damals rund 600.000 rentennahen Versicherten, also diejenigen, die am 1. Januar 2002 pflichtversichert waren und das 55. Lebensjahr bereits vollendet hatten, änderte sich de facto kaum etwas. Ihre Ansprüche wurden nach den Grundsätzen des ehemaligen Gesamtversorgungssystems berechnet.

Hunderte gingen vor Gericht

Anders verhielt es sich bei den rentenfernen Versicherten, also denjenigen, die am 1. Januar 2002 pflichtversichert waren und das 55. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten. Davon betroffen waren rund 4,8 Millionen Versicherte. Bei ihnen wurden in einem aufwendigen Rechenverfahren die bis 2001 erworbenen Rentenanwartschaften ermittelt. Diese wurden dann als Startgutschriften gutgeschrieben. Und es sind eben jene Startgutschriften der rentenfernen Versicherten, die den Unmut auf sich ziehen.

Hunderte gingen seit 2002 vor Gericht. Die Kritik lautet: Insbesondere die rentenfernen Jahrgänge würden mit einer zu geringen Startgutschrift abgespeist. Zudem seien diese Startgutschriften nicht dynamisch und würden bis auf sogenannte Bonuspunkte nicht angepasst.

Die rentenfernen Jahrgänge „bekommen sogar weniger, als wenn ihr Anspruch komplett nach dem neuen System berechnet worden wäre“, lautete etwa das Fazit der Experten von Finanztest, die die Startgutschriften im Jahr 2007 untersuchten. Sie verglichen das Startguthaben mit dem Wert, den Betroffene bis Ende 2001 erworben hätten, wären ihre Rentenansprüche von vornherein nach dem Punktemodell berechnet worden.

Studie zu Startgutschriften

Dieses Verfahren legen auch der Zusatzversorgungs-Experte und Mathematiker Friedmar Fischer und der Finanzmathematiker Werner Siepe in einer aktuellen Studie „Startgutschriften – Quo vadis?“ zugrunde. Sie ermittelten für 42 Modellfälle, wie hoch die Rentenansprüche bei der Systemumstellung gewesen wären, wenn man diese von vornherein nach dem für die Betroffenen eigentlich ungünstigeren Punktemodell berechnet hätte. Ihre auf diesem Weg ermittelten Rentenanwartschaften bezeichnen sie als „fiktive“ Punkterente.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass die von den Zusatzversorgungskassen berechnete Startgutschrift in 38 von 42 Modellfällen die „fiktive“ Punkterente unterschreitet. Im Extremfall mache sie nicht einmal die Hälfte dieser Punkterente aus. „Dabei sollte die ‚fiktive‘ Punkterente eine Mindestrente sein, die auf keinen Fall unterschritten werden sollte“, sagt Fischer. Besonders hohe Verluste mussten Ende 2001 alleinstehende, ältere rentenferne Versicherte der Jahrgänge 1947 bis 1956 hinnehmen.

Die Autoren verdeutlichen dies an einem Beispiel: Ein im Jahr 1947 geborener Mann hat 29 Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet. Fischer und Siepe haben für ihn eine fiktive Punkterente von 519 Euro im Monat berechnet. Von seiner Zusatzversorgungskasse hat er jedoch lediglich eine Startgutschrift von 373 Euro erhalten.

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