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Die Vermögensfrage : Werbeversprechen der Banken sind leere Worthülsen

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„Wieviel Gebühren das kostet? Aber da stehen wir doch drüber...“ Bild: Kai

Banken wollen ihre Produkte an die Frau oder den Mann bringen, und dabei zählen nur Erträge, Margen und Provisionen. An einer unabhängigen Beratung sind sie nicht interessiert.

          Die deutschen Banken haben, wie in Presse, Funk und Fernsehen zu bewundern ist, ihre großen Herzen für kleine Leute entdeckt. Sie möchten den Menschen zuhören, sie wollen Wege frei machen, und in Zukunft sollen nur noch Produkte verkauft werden, welche die Finanzberater selbst verstehen. Es steht in den Sternen, welcher Teufel die Institute geritten hat, solchen Unfug in die Welt zu setzen. Es ist traurige Wahrheit, dass einzelne Banken in den letzten Jahren in vielen Haushalten regelrechte Blutbäder hinterlassen haben. Da klingt es wie Hohn und Spott, dass in Zukunft alles besser werden soll. Die Institute haben, Werbung hin, Werbung her, keinerlei Interesse an Beratung. Sie wollen ihre Produkte an die Frau oder den Mann bringen, und dabei zählen nur Erträge, Margen und Provisionen.

          Fachleute wissen seit Jahr und Tag, dass sich Anleger, die mit 25.000 oder 50.000 Euro in eine Bank gehen, auf drei Dinge einstellen müssen. Sie sind für die Institute kleine Fische. Über die Wünsche und Ziele der Kunden wird, wenn es hoch kommt, eine Viertelstunde gesprochen. Der Rest dient der groben Vorstellung einiger Finanzprodukte. Über die Gebühren und Kosten wird nicht viel geredet, sondern auf das Kleingedruckte in den Prospekten verwiesen. Nach einer Stunde sind solche Gespräche in der Regel zu Ende. Da ist es fast egal, ob die Privatleute mit oder ohne Protokoll nach Hause gehen. In vielen Fällen sind die Kunden hilfloser, ratloser und unsicherer als zuvor.

          Heikle Gespräche über Geld

          Die geistige Verwirrung hat handfeste Gründe. In dieser Form ist ordentliche Anlageberatung unmöglich. Es ist gleichgültig, wie hoch der Anlagebetrag ist. In allen Fällen wären zwei bis drei Gespräche notwendig, weil saubere Arbeit einfach Zeit kostet. Dazu sind aber weder Bank noch Kunde bereit, und das ist der Grund, warum die Anlageberatung ist, wie sie nun einmal ist. An diesem Zustand werden auch Beipackzettel und Beratungsprotokolle nichts ändern. Und die Ankündigung, in Zukunft kundengerecht beraten zu wollen, ist eine leere Worthülse.

          Im aktuellen Wertpapierhandelsgesetz steht, dass sich Banken über die finanziellen Verhältnisse ihrer Kunden informieren müssen. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass sich die Kunden entblößen müssen. Sie haben über ihr Vermögen zu berichten. Sie müssen über ihre Schulden sprechen. Sie haben ihre Einkommen offenzulegen. Sie müssen die Ausgaben auflisten. Möchten die Anleger über diese Grundlagen wirklich reden? Wollen sie zum Beispiel sagen, dass trotz ordentlicher Einkünfte bisher gar kein Vermögen vorhanden ist und die 35.000 Euro ein Erbe der verstorbenen Tante sind? Möchten die Anleger offenlegen, dass das Girokonto um 5000 Euro überzogen ist und das Auto auf Pump gekauft worden ist? Wollen sie dokumentieren, monatlich 4000 Euro zu verdienen, im selben Zeitraum aber auch Ausgaben von 3800 Euro zu haben?

          Die wenigen Fragen zeigen in aller Deutlichkeit, wie heikel Gespräche über Geld sind. Theoretisch sind sie notwendig, doch praktisch werden sie kaum geführt, weil sie ein Tabu sind. Schuldnerberater und Verbraucherschützer können ein Lied davon singen, wie lange es dauert, Licht in das Dunkel privater Finanzen zu bringen. Wem das Wasser finanziell bis zum Hals reicht, wird notgedrungen in die Protokollierung dieser Zahlen einwilligen, aber was ist mit den Anlegern, denen es gut geht, die nur mal eben schnell 10.000 Euro anlegen wollen und nicht bereit sind, einer Bank ihre finanziellen Verhältnisse offenzulegen, weil sie sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben, dem Berater der Bank, den sie zweimal in der Woche im Kirchenchor oder im Tennisclub treffen, alles im Detail zu berichten?

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