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Die Vermögensfrage : Vorsicht mit der Betriebsrente

  • -Aktualisiert am

Siemens-Generator mit Durchblick: Der fehlt vielen bei der Betriebsrente. Bild: dpa

Arbeitnehmer können sich ihre Betriebsrente selbst organisieren. Aber das lohnt sich nicht für jeden. Zu oft werden die Sparer doppelt belastet.

          8 Min.

          Die Debatte um die Altersvorsorge ist entbrannt. Die Riester-Rente ist nach Ansicht einiger Politiker gescheitert. Gestritten wird nun in Zeiten niedriger Zinsen um das Niveau der gesetzlichen Rente. Und die betriebliche Altersversorgung soll ausgebaut werden. Die Kritik an Riester verunsichert vor allem Bürger, die dem Aufruf nachgekommen sind, aus eigener Kraft für den Ruhestand vorzusorgen.

          Nun soll es künftig die Betriebsrente sein. Bei der Vorsorge über den Chef sind jedoch Reformen notwendig, um diese Form der Altersvorsorge attraktiver zu gestalten. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie, die das Bundesfinanzministerium bei der Universität Würzburg in Auftrag gegeben hat.

          Tatsächlich ist die Betriebsrente vor allem bei größeren Unternehmen verbreitet. Und obwohl jeder sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer seit 2002 das Recht auf eine Entgeltumwandlung hat, fristet dieser Zweig der Vorsorge ein stiefmütterliches Dasein. Die Zahl der Abschlüsse stagniert. Und rechnet man die fünf Millionen Beschäftigten im öffentlichen und kirchlichen Dienst aus der Statistik heraus, sorgt gerade einmal jeder Zweite in der Privatwirtschaft über den Chef für das Alter vor. In Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten sind es noch nicht einmal ein Drittel. Das soll sich nach Ansicht der Bundesregierung ändern. Doch lohnt sich die Entgeltumwandlung überhaupt?

          Auch der Chef spart mit der Betriebsrente

          „Die Entgeltumwandlung kann sich rechnen, wenn der Chef etwas dazugibt“, sagt Martin Schulz, Projektleiter Altersvorsorge bei Finanztest. Aber so pauschal wie noch vor einigen Jahren ließe sich das heute auch nicht mehr sagen. Niedrige Zinsen und schrumpfender Garantiezins setzten der Betriebsrente zu. Auch würden mehr fondslastigere Produkte und solche, die lediglich die eingezahlten Beiträge garantieren, angeboten.

          Darüber hinaus zeigt sich nicht jeder Chef spendabel und gibt etwas zur Altersvorsorge hinzu. Zwar hat jeder sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer seit 2002 das Recht, bis zu 4 Prozent seines Bruttogehalts steuer- und sozialabgabenfrei in eine Direktversicherung, einen Pensionsfonds oder eine Pensionskasse einzuzahlen. Im laufenden Jahr sind dies bis zu 2976 Euro. Zudem können weitere 1800 Euro steuerfrei eingezahlt werden.

          Allerdings existiert kein Anspruch darauf, dass der Chef etwas beisteuert – obwohl auch er bei einer Entgeltumwandlung in der Regel Sozialversicherungsbeiträge spart. „Die Vertriebsleute haben damals den Unternehmen die Entgeltumwandlung mit dem Argument schmackhaft gemacht, sie könnten Sozialversicherungsbeiträge sparen“, sagt Rentenberater Walter Vogts aus Ilbesheim.

          Daher überrasche die Knauserigkeit einiger Unternehmen nicht. Sie steckten die Ersparnisse lieber in die eigene Tasche. Arbeitnehmern würde die Entgeltumwandlung oft mit dem Argument schmackhaft gemacht, in jungen Jahren Sozialabgaben und Steuern zu sparen. Unterschlagen würden dabei jedoch negative Auswirkungen auf andere Sozialleistungen, auf die gesetzliche Rente sowie die Belastungen im Ruhestand, berichtet Vogts.

          Die Betriebsrente hat auch ihre Nachteile

          Im Alter müssen die Auszahlungen aus der betrieblichen Altersversorgung versteuert werden. Ausnahmen gibt es lediglich für Direktversicherungen, die vor 2005 abgeschlossen wurden. Zudem wird bei gesetzlich Versicherten der volle Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag fällig – aktuell immerhin bis zu 18,3 Prozent.

          Hinzu kommt: Die Entgeltumwandlung lässt in vielen Fällen die Auszahlungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung sowie Lohnersatzleistungen wie Krankengeld, Arbeitslosengeld oder Elterngeld schrumpfen. Denn wer weniger in das Sozialsystem einzahlt, bekommt am Ende auch weniger heraus. „Ein Umstand, der häufig nicht thematisiert wird und in der Praxis immer dann auffällt, wenn der Ernstfall eintritt“, sagt Vogts. Daher sollten Verbraucher ihren Vertrag beitragsfrei stellen, sobald absehbar ist, dass in absehbarer Zeit Eltern- oder Arbeitslosengeld beantragt wird.

          Doppelte Sozialversicherungsbeiträge

          Doch von Anfang an. 2003 beschlossen Regierung und Opposition unter der Federführung von Ulla Schmidt (SPD) und Horst Seehofer (CSU) das sogenannte GKV-Modernisierungsgesetz (GMG). Die beiden Politiker einigten sich nach zähen Verhandlungen in einer Nacht, die Seehofer später als eine „der schöneren Nächte in meinem Leben“ bezeichnete. Betriebsrentnern und Arbeitnehmern stoßen die finanziellen Auswirkungen jener Nacht jedoch bitter auf: Seit 2004 müssen gesetzlich versicherte Betriebsrentner auf die Auszahlungen im Alter den vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag zahlen – und zwar unabhängig davon, ob sie in jungen Jahren die Abgaben sparen konnten oder nicht.

          Der Obolus wird sowohl auf Kapitalauszahlungen als auch auf monatliche Renten fällig. Ein Beispiel: Ein Vorsorgesparer hat in eine Direktversicherung eingezahlt und lässt sich 120.000 Euro zu Rentenbeginn auf sein Konto überweisen. Bei Kapitalauszahlungen teilt die Krankenkasse den Betrag durch 120. Der Versicherte muss dann in den kommenden zehn Jahren bei einem Beitragssatz von 15,7 Prozent Monat für Monat 157 Euro an die Krankenkasse und 23,50 beziehungsweise 26 Euro an die Pflegeversicherung zahlen. Summa summarum sind dies in zehn Jahren 21.660 beziehungsweise 21.960 Euro.

          Durch die Regelung werden etliche gesetzlich versicherte Betriebsrentner doppelt zur Kasse gebeten. Sie zahlen in jungen Jahren und im Alter Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge. Die Doppelverbeitragung, wie Experten das doppelte Abkassieren der Kranken- und Pflegeversicherung auch bezeichnen, lässt den Vorteil der Entgeltumwandlung im Vergleich zu anderen Vorsorgeformen schrumpfen. „Die Gesetzesänderung 2003/2004 müsste rückgängig gemacht werden“, fordert daher Klaus Stiefermann von der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung. Doch auch wenn das Steuerrecht eine doppelte Besteuerung von Beiträgen verbietet, hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil 2010 darauf verwiesen, dass dies für die Doppelverbeitragung in der gesetzlichen Krankenversicherung nicht gilt.

          Arbeitnehmer profitieren oft

          Ob und in welcher Höhe Arbeitnehmer Sozialabgaben in jungen Jahren sparen können und inwiefern gesetzliche Rente und Lohnersatzleistungen dezimiert werden, hängt letztendlich von der Höhe des Bruttoeinkommens ab. Grob lassen sich dabei drei Gruppen unterscheiden: Gruppe eins sind Arbeitnehmer, deren Bruttoverdienst unter der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung von 4237,50 Euro im Monat beziehungsweise 50.850 Euro im Jahr liegt. Sie sparen den Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung (rund 20 Prozent) sowie Steuern.

          Finanzmathematiker Werner Siepe rechnet dies vor: Ein Arbeitnehmer verdient 3500 Euro im Monat und zahlt monatlich 248 Euro in die betriebliche Altersversorgung ein. „Er spart somit die Hälfte des Bruttobeitrags ein und zahlt netto nur 124 Euro“, sagt Siepe. Im Alter gehen von der Bruttobetriebsrente in Höhe von beispielsweise 218 Euro 42 Euro für die Kürzung der gesetzlichen Rente sowie 40 Euro für den Beitrag zur Kranken- und Pflegeversicherung ab. Summa summarum sind dies 82 Euro. Den restlichen Betrag muss der Ruheständler versteuern.

          Diese Gruppe profitiert von der aktuellen Regelung – auch wenn im Alter der volle Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag fällig und die gesetzliche Rente dezimiert wird. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Thomas Schanz, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Beratungsgesellschaft Kern Mauch & Kollegen. Der Betriebsrenten-Experte hat rund 15.000 Berechnungen zur reinen Entgeltumwandlung für verschiedene Szenarien durchgeführt.

          Gutverdiener müssen aufpassen

          Anders verhält es sich hingegen bei denjenigen, deren Bruttoeinkommen vor Entgeltumwandlung in Höhe von 248 Euro monatlich zwischen 4486 und 6448 Euro liegt (Gruppe 2). Wenn das Einkommen auch nach Abzug der Entgeltumwandlung die Beitragsbemessungsgrenze übersteigt, sparen die Betroffenen in jungen Jahren keine Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge. „Sie können gerade noch rund 11 Prozent Sozialversicherungsbeiträge einsparen – den Arbeitnehmeranteil in der gesetzlichen Renten- und Arbeitslosenversicherung“, sagt Siepe.

          Im Alter wird jedoch der volle Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag fällig, gesetzliche Rente und Lohnersatzleistungen schrumpfen. Finanzmathematiker Siepe gibt zur anteiligen Kürzung der gesetzlichen Rente ein Beispiel: Ein heute 50 Jahre alter Arbeitnehmer, der 17 Jahre jeweils 2976 Euro in die Entgeltumwandlung investiert hat, spart monatlich durchschnittlich 25 Euro brutto an Rentenversicherungsbeiträgen. Da er und sein Arbeitgeber in den 17 Jahren weniger in das gesetzliche Rentensystem einzahlen, fällt seine gesetzliche Rente um rund 48 Euro brutto geringer aus.

          Kommen wir zu Gruppe drei: Diejenigen, deren Bruttogehalt vor Entgeltumwandlung 6448 Euro im Monat übersteigt, sparen in jungen Jahren keinen Cent Sozialabgaben. Allerdings fällt die Steuerersparnis bei einem Grenzsteuersatz von 40 Prozent und mehr entsprechend hoch aus, und auch die Ansprüche, die in der gesetzlichen Rentenversicherung erworben werden, werden nicht dezimiert. Im Alter müssen auch sie – obwohl sie in jungen Jahren keinen Cent Sozialbeiträge sparen – den vollen Beitrag zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung auf ihre Bruttorente zahlen. „Diese doppelte Belastung in der Rentenphase wiegt schwer und kann die Entgeltumwandlung unrentabel machen, sofern es vom Arbeitgeber keinen Zuschuss gibt“, sagt Siepe. Spitzenverdiener punkteten jedoch mit entsprechend hohen Steuerersparnissen, da der Steuersatz im Alter in der Regel geringer ist.

          Wenn überhaupt, dann privat riestern

          Die Neuregelung von 2004 löste eine Klagewelle aus. Doch sowohl Bundessozial- als auch Bundesverfassungsgericht urteilten, dass die neue Regelung nicht zu beanstanden sei. Die Rechtsprechung ist bislang allerdings zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, wie Verträge behandelt werden, die privat weitergeführt werden. Wer mit einer Direktversicherung vorsorgt und diese privat weiterführt, muss auf Auszahlungen, die auf ungeförderten Einzahlungen beruhen, im Alter keine Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge zahlen. „Das gilt jedoch nur dann, wenn sich der Verbraucher nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen in der Police als Versicherungsnehmer eintragen lässt und im Alter in der gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert ist“, sagt Altersvorsorgeexperte Schulz.

          Wer hingegen nach dem Ausscheiden aus dem Betrieb weiter privat in einen Pensionsfonds oder eine Pensionskasse eingezahlt hat, muss auf die Auszahlungen den vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag zahlen. In einer Anhörung des Gesundheitsausschusses Anfang des Jahres monierten daher etliche Sachverständige die bisherige Regelung als inkonsistent und intransparent. Doch bei den Pensionskassen ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Aktuell liegt das Verfahren noch bei den Richtern in Karlsruhe.

          Besonders ungünstig – und zwar unabhängig von der Höhe des Bruttoeinkommens – fahren diejenigen, die eine betriebliche Riester-Rente abgeschlossen haben. Sie sparen in jungen Jahren keinen Cent Sozialabgaben und müssen im Alter die vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge zahlen. Daher lautet die Empfehlung von Experten: Wenn überhaupt, dann privat riestern. Wer bereits seine Unterschrift unter einen entsprechenden Vertrag gesetzt hat, sollte diesen beitragsfrei stellen, rät Adrian Englschalk, Vorsorgeexperte bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Dirk Kiesewetter, Professor für betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Universität Würzburg, fordert in seinem Gutachten „die ökonomisch nicht zu rechtfertigende Doppelverbeitragung der Riester-geförderten betrieblichen Altersversorgung“ zu beseitigen.

          Vor Abschluss einer Entgeltumwandlung müssen auch die Belastungen im Alter und die Auswirkungen auf die Höhe der gesetzlichen Rente und andere Lohnersatzleistungen durchgerechnet und mit alternativen Angeboten verglichen werden. Denn die Entgeltumwandlung ist mit einigen Restriktionen versehen. Wer betrieblich vorsorgt, kann nicht einfach auf das Geld zurückgreifen, um etwa eine Immobilie zu finanzieren. Das Geld gibt es frühestens zu Rentenbeginn.

          „Wünschenswert wäre ein Gesamtpakt für die Altersvorsorge“

          Schwierigkeiten ergeben sich in der Praxis mitunter auch beim Wechsel des Arbeitgebers. „Die Übertragung ist zwar seit 2005 geregelt, findet in der Praxis jedoch vergleichsweise selten Anwendung. Die Folge sind dann zahlreiche laufende Verträge, die ein Arbeitnehmer innerhalb seines Berufslebens sammelt“, sagt Verbraucherschützer Adrian Englschalk.

          Zahlreiche Verbände wie der Sozialverband Deutschland (SoVD), der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und Gesundheits- und Sozialrechtsexperten sprachen sich im Januar dafür aus, die doppelte Beitragszahlung zur gesetzlichen Krankenversicherung bei der betrieblichen Altersvorsorge möglichst zu verhindern. Das fordert auch Klaus Stiefermann von der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung.

          Zudem wäre es aus Sicht vieler Experten sinnvoll, wenn die Arbeitgeber zumindest einen Teil ihrer eingesparten Sozialleistungen an den Arbeitnehmer weitergeben würden. Und einen Anreiz zum Sparen schafft man bei Geringverdienern - sofern sie überhaupt die finanziellen Mittel haben - auch nur dann, wenn das mühsam Ersparte im Alter nicht auf die Grundsicherung angerechnet wird. Das alles muss natürlich finanzierbar sein. „Wünschenswert wäre allerdings ein Gesamtpakt für die Altersvorsorge insgesamt und kein Flickenteppich“, sagt Schulz.

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