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Die Vermögensfrage : Ohne Zins fehlt im Alter viel Geld

Reicht das Ersparte? Wer im Alter nicht auf jeden Cent gucken will, sollte sich beizeiten Gedanken über die Vorsorge machen. Bild: Imago

Die private Altersvorsorge braucht eine regelmäßige Verzinsung. Ohne Zins und Zinseszins geht die Rechnung einfach nicht auf. Wie die Niedrigzinspolitik zur Schicksalsfrage für die Generationen wird.

          7 Min.

          Ein anschauliches Beispiel für den Effekt des Zinseszinses ist der Dax. Wer seine Dividende seit 1988 jedes Jahr sofort und unversteuert wieder in Dax-Aktien gesteckt hat, wie es das Indexkonzept vorsieht, kann sich an einem Anstieg von 1000 auf aktuell knapp 10.000 Dax-Punkte erfreuen. Wer die Dividenden allerdings immer gleich verfrühstückt hat, der kommt aktuell nur auf 4850 Punkte. Die Differenz sind aber nicht allein die Dividenden. Es ist vor allem der Ertrag, den die angelegten Dividenden wieder erwirtschaftet hätten – der Zinseszins.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Um die Wiederanlage von Dividenden müssen sich die Aktionäre weiterhin kümmern. Die Sparer in Zinsprodukten hingegen haben kaum noch etwas zur Wiederanlage. Die durchschnittliche Verzinsung auf Tagesgeldkonten beträgt derzeit 0,2 Prozent. Das Sparbuch wirft etwa 0,05 Prozent ab. Selbst wer sein Geld für mehrere Jahre fest anlegt, bekommt dafür allenfalls 1 Prozent Zinsen. Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit werden derzeit zu Kupons von 0,5 Prozent emittiert. Für kürzere Laufzeiten gibt es gar keinen Kupon mehr.

          Weiterhin hohe Sparquote

          Das hat Relevanz auch für Anleger, die selbst keine Bundesanleihen erwerben. Denn diese und ähnliche Papiere spielen eine wichtige Rolle für Lebensversicherer, Pensionsfonds, Stiftungen, Krankenkassen und Versorgungswerke. Wer 30 Jahre lang 300 Euro im Monat in einen Vertrag einzahlt und mit einer Rendite von 4 Prozent im Jahr kalkuliert hat, der durfte am Ende mit einer Ansparsumme von 206.000 Euro rechnen. Reduziert sich aber zum Beispiel zur Hälfte der Ansparzeit der Zins von 4 auf 1 Prozent, so hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) errechnet, muss die Sparleistung verdoppelt werden, um zum gleichen Resultat zu kommen. Wer das nicht tut, der kommt am Ende nur auf 143.000 Euro. Ihm fehlen gegenüber der ursprünglichen Annahme 63.000 Euro. Er hat im Alter 30 Prozent weniger Kapital in seinem Altersvorsorgevertrag. Dabei hat er sogar 15 Jahre lang eine ordentliche Rendite von 4 Prozent gehabt und „nur“ 15 Jahre 1 Prozent.

          Doch der so wichtige Zinseszinseffekt, der gerade gegen Ende lang laufender Verträge immer wichtiger wird, geht fast verloren. „Die Niedrigzinspolitik entwickelt sich zur Schicksalsfrage für Generationen“, wählt GDV-Präsident Alexander Erdland drastische Worte. „Sie zerstört das Fundament für einen sicheren Ruhestand von Millionen Menschen in Europa.“ Er fordert daher von der Europäischen Zentralbank (EZB) eine Umkehr des geldpolitischen Kurses. „Er entpuppt sich als zu risikoreich.“

          Ob die EZB aber auf ihn und andere hören wird, ist derzeit nicht abzusehen. Die Deutschen sparen indes weiter. In einer repräsentativen Befragung des Instituts Elbe 19 im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment unter 8000 Deutschen gaben 90 Prozent an zu sparen. 5 Prozent fehlten die Mittel dazu, die übrigen 5 Prozent sparten trotz vorhandener Mittel nicht, unter anderem weil ihnen die Zinsen zu niedrig sind. Die Sparquote mit 10,6 Prozent der verfügbaren Haushaltseinkommen bleibt trotz der niedrigen Zinsen hoch. Denn das Thema ist positiv besetzt. „Es geht um das Gefühl, sich Handlungsfähigkeit für die Zukunft zu erhalten“, sagt Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender der Union Investment. Im Aufbau ihrer Rücklagen empfinden viele einen Zugewinn persönlicher Freiheit.

          Steigende Nachfrage nach offenen Immobilienfonds

          Allerdings leidet die Sparzufriedenheit unter den Niedrigzinsen. Das Interesse an Alternativen zu Zinsprodukten steigt daher, je länger die Niedrigzinsphase dauert. Besonders augenfällig wird dies am Beispiel der offenen Immobilienfonds. Als sie 2011/2012 in eine tiefe Krise gerieten, schien ihr Ende nahe. Anleger zogen plötzlich größere Beträge ab. Die Fonds konnten jedoch nicht so schnell Immobilien verkaufen und damit den Anlegern ihr Geld nicht sofort zurückzahlen. Die Fonds schlossen, teilweise bis heute. Doch eine vernünftige Abwicklung der meisten Krisenfälle und eine neue Regulierung, die solche Extremfälle künftig vermeiden soll, haben der Branche wieder Vertrauen beschert. Die Nachfrage ist größer denn je. Dabei sind die Renditen nicht üppig. Zwei bis drei Prozent sind es nach Kosten bei den meisten Fonds. Doch das ist immerhin sichtbar mehr als auf den Sparbüchern oder Tagesgeldkonten. Und was den meisten Anlegern noch wichtiger ist: die Erträge schwanken kaum. Die regelmäßigen Ausschüttungen der Erträge sind stabil. Die breit gestreute Geldanlage in Büros, Hotels und Einkaufszentren gilt zudem als relativ sicher.

          Doch die große Nachfrage der Privatanleger nach offenen Immobilienfonds machen den Markt nur noch eingeschränkt zugänglich. Die Kunden der Volks- und Raiffeisenbanken können zwar ihr Interesse kundtun. Alle drei großen Produkte der hauseigenen Fondsgesellschaft Union Investment nehmen aber derzeit kein Geld mehr an. Nur bestehende Sparpläne auf die Fonds laufen weiter. Zwar kaufen die offenen Immobilienfonds Uni Immo Europa, Uni Immo Deutschland und Uni Immo Global sehr rege Immobilien. Es floss jedoch stets noch mehr Geld zu. Die Liquidität in den Fonds soll jedoch nicht einen allzu großen Anteil einnehmen – rund 20 Prozent sind in der Branche üblich – zumal das herumliegende Geld im aktuellen Zinsumfeld eine Rendite nahe null abwirft und somit die Durchschnittsrendite der Fonds belastet.

          Auch B-Städte und B-Lagen zählen zu Investitionszielen

          Der Deutschlandfonds der Union Investment ist daher seit Juni geschlossen. Der Europafonds wurde Anfang des Jahres kurz geöffnet und prompt flossen 800 Millionen Euro in den Fonds mit einem Volumen von derzeit etwa 11 Milliarden Euro, und die Annahme neuer Mittel wurde wieder gestoppt. Der globale Fonds nahm in dieser Woche kurz wieder etwas Geld an. „Wir gehen auch in B-Städte wie Bremen oder Nürnberg, wir kaufen auch Leerstand, wir investieren auch im frühen Stadium in Bauprojekte, und wir haben eine breite Basis durch die internationale Ausrichtung der Fonds. Mehr geht nicht auch im Sinne des Bestandsschutzes für unsere bisherigen Kunden“, beschreibt Fabian Hellbusch von der Union Investment Real Estate GmbH die Lage. „Wir sind nicht bereit, jeden Preis mitzugehen und halten unsere hohen Qualitätsansprüche aufrecht.“

          Für diese Strategie gibt es Lob der Ratingagentur Scope. „Der nächste Schritt wäre auch Immobilien an B-Standorten in B-Lagen zu kaufen, also weniger attraktive Objekte in Kleinstädten und ländlichen Gebieten“, sagt Sonja Knorr, Analystin von Scope. „Die Risiken bei solchen Objekten sind allerdings ungleich höher.“ Entsprechend groß sei die Gefahr, bei einer Abkühlung des Immobilienmarktes herbe Verluste zu erleiden, wenn Kunden Geld abziehen und die Fonds Objekte verkaufen müssen. „Vor diesem Hintergrund ist es richtig, dass die Fonds Zuflüsse stoppen, statt ständig wachsende Risiken einzugehen“, sagt Knorr. „Viele Fondsmanager investieren aktuell schon stark zyklisch und am liebsten in Großprojekte mit Volumina von mehreren hundert Millionen Euro.“

          Neuanleger muss Geld mindestens zwei Jahre im Fonds belassen

          Doch der Markt in Deutschland gibt nicht mehr viel her. In Städten wie Bremen gibt es zwei bis drei Objekte, die groß genug sind für die Ansprüche der offenen Immobilienfonds. Einfacher haben es da die auf Europa oder die ganze Welt ausgerichteten Fonds. „Irgendwo auf der Welt ist der Immobilienzyklus immer gut“, heißt es dazu von der Deutschen Bank, die global eigene Fachleute vor Ort hat und mit ihren Fonds Grundbesitz Europa und Grundbesitz Global am Markt ist, während der neue Fonds Grundbesitz Deutschland derzeit keine neuen Mittel mehr annimmt. Die Sparkassenfondsgesellschaft Deka hat für ihre Fonds Deka Immobilien Europa und Deka Immobilien Global zwar keinen generellen Annahmestopp verhängt. Die Nachfrage kann aber dennoch nicht vollständig befriedigt werden. Für jede Sparkasse ist ein jährliches Kontingent für die Immobilienfonds festgesetzt worden, die je nach Sparkasse schon ausgeschöpft sind. Der Commerzbank-Fonds Hausinvest nimmt indes weiter Mittel an. Bis April wurden zwar schon so viele Zuflüsse erreicht wie im gesamten Jahr 2015. Doch bislang kann der Fonds die Mittel zur Reduzierung der Fremdfinanzierung und für Neuinvestitionen noch gut verwenden.

          Die Gefahr, dass die Kunden ihr nun zufließendes Geld aus den offenen Immobilienfonds auch schnell wieder abziehen, ist durch die neuen Vorschriften für die Fonds gemindert. Mindestens zwei Jahre muss ein Neuanleger das Geld im Fonds belassen. Die Kündigungsfrist beträgt ein Jahr. „Dennoch ist die Gefahr eines Ausverkaufs nicht gebannt, wenn die Stimmung eines Tages kippt“, warnt Analystin Knorr. Denn im Durchschnitt stammt der größte Teil der Einlagen immer noch von Altanlegern – und die dürfen auch weiterhin Anteile im Wert von bis zu 30.000 Euro von heute auf morgen zurückgeben.

          Mischfonds sind keine Schnäppchen

          Gleichwohl stuft die Analystin alle genannten offenen Immobilienfonds mit guten und sehr guten Noten ein. Die Anleger sollten jedoch einen Blick auf die mitunter hohen Gebühren werfen. Vor allem der Ausgabeaufschlag von oft 5 Prozent mindert die Rendite nach Kosten erheblich. Union Investment und Deka schaffen es, diese hohen Gebühren am Markt weitgehend durchzusetzen. Für die Fonds der Deutschen Bank und der Commerzbank finden sich hingegen immer wieder Aktionen mit reduziertem Ausgabeaufschlag. Auch wer den Hausinvest-Fonds über die Internetseite Hausinvest.de erwirbt, kann mit Gebührenrabatten rechnen.

          Ebenfalls kein Schnäppchen sind die Mischfonds und damit die zweite Fondskategorie, die von der Niedrigzinsphase besonders profitiert. Die Anleger erhalten hier eine Mischung aus Aktien und Anleihen. Ihnen wird suggeriert, dass ein Fondsmanager mit seiner Expertise stets weiß, welche Kategorie gerade zu bevorzugen ist. Das klappt natürlich nicht immer. Der Anleger hat aber das Gefühl, von der eigentlich unbeliebten Anlageform Aktien doch ein wenig zu profitieren und fühlt sich mit der angeblich sicheren Anlageform Anleihen zur Risikominderung ganz wohl. Im Ergebnis liegen Mischfonds in der Tat sowohl bei Risiko wie bei Rendite zwischen Aktien und Anleihen. Das sind aber Durchschnittswerte. Vor dem Kauf sollten die Anleger sich daher zumindest die Mühe machen und die Historie des Fonds betrachten. Das ist zwar keine Garantie für die Zukunft, aber ein wichtiges Indiz.

          Kunden sollten nach Indexfonds fragen

          Die Gebühren der Fonds sollten zudem nicht unterschätzt werden. So wie der Zinseszins gerade langfristig eine große Bedeutung hat, wirken die Gebühren ebenso bedeutsam in die Gegenrichtung. Ein Fonds mit 5 Prozent jährlicher Rendite und 1,5 Prozent Gebühren im Jahr plus 5 Prozent Ausgabeaufschlag, lässt nach 30 Jahren und monatlicher Einzahlung von 300 Euro am Ende 178.000 Euro erwarten. Wer allerdings ein renditegleiches Produkt ohne Ausgabeaufschlag und mit 0,15 Prozent jährlicher Gebühr findet, kommt auf 238.000 Euro. Im ersten Fall fielen 390.00 Euro Gebühren an, im zweiten Fall 4000 Euro. Die übrige Differenz von 25.000 Euro sind der entgangene Zinseszins auf die gezahlten Gebühren.

          Gerade weil die Bankberater es ihren Kunden nie aktiv anbieten werden, sollten die Anleger nach Indexfonds (ETFs) fragen. Denn der beschriebene Unterschied zwischen den Fonds ist keine Fiktion, sondern der aktuelle Preisunterschied zwischen einem vom Fondsmanager geführten Fonds und einem einen Index nachbildenden Fonds. In vielen Fällen ist der teure Fondsmanager sein Geld nicht wert. Er erwirtschaftet keine Mehrrendite. Gerade in den großen Märkten wie deutschen oder europäischen Anleihen oder Aktien lohnt daher langfristig der Kauf eines ETF. Wer sich dann sogar zumindest als Beimischung an Aktienfonds heranwagt, der kann den schönen Zinseszinseffekt des Dax voll mitnehmen.

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