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Die Vermögensfrage : Einfach ein Depot eröffnen

Früh übt sich, wer Aktionärin werden will: Touristen am Bullen in New York Bild: Reuters

Privatanleger sind so gut gestellt wie nie zuvor. Und die Geldanlage in Wertpapieren ist beileibe kein Hexenwerk. Im Idealfall macht die Altersvorsorge damit sogar Spaß.

          7 Min.

          Der Wertpapierhandel hierzulande ist so gut überwacht wie nie, er ist so günstig wie nie, und er lohnt sich angesichts der mageren Zinsen auf dem Sparbuch auch so sehr wie nie. Doch die Mehrheit der Bevölkerung bleibt abstinent. Und dieser Anteil wächst auch noch. 28 Millionen Wertpapierdepots von Privatanlegern hatte die Bundesbank noch 2009 gezählt. 2014 waren noch 22,6 Millionen übrig. Mehr als fünf Millionen Depots sind also in einer Zeit geschlossen worden, in denen die Aktien- und Anleihemärkte ein herausragendes Anlageumfeld boten. 2 Billionen Euro werden stattdessen nahezu zinslos auf Giro- und Tagesgeldkonten gebunkert.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Gründe dafür sind verschieden. Einige meinen, sie würden mit ihrem bescheidenen Vermögen an den globalen Finanzmärkten angesichts von Investmentbankern, Betrügern und Finanzhaien abgezockt. Andere meinen, ihre paar Euro seien sowieso viel zu wenig, um dafür eigens ein Depot zu eröffnen, das sei nur etwas für Reiche. Und wieder andere glauben die Finanzmärkte komplett durchschauen und begreifen zu müssen, bevor sie auch nur einen Euro anlegen.

          Im Folgenden soll gezeigt werden, warum alle drei Einschätzungen nicht zutreffend sind. Zunächst einmal ist es sehr einfach, ein Depot zu eröffnen. Dafür ist nicht der Nachweis eines Vermögens von auch nur einem einzigen Euro nötig. Der Antrag auf eine Depoteröffnung nimmt im Regelfall weniger als 15 Minuten in Anspruch. Meist ist noch eine Identifizierung bei der Deutschen Post nötig. Gelegentlich bieten Banken aber auch schon Video-Ident-Verfahren zum Beispiel mittels Skype an.

          Jedermann kann ein Depot eröffnen

          Einer Depoteröffnung ist kein Wissenstest vorgeschaltet. Jedermann kann ein Depot eröffnen. Er braucht nur ein Konto, von dem die Zahlungen für Wertpapierkäufe abgebucht werden können und auf das die Verkaufserlöse fließen. Das Konto muss noch nicht einmal bei der depotführenden Bank sein. Ein oft teurer Irrtum, von dem viele Filialbanken zehren. Wer sich nämlich eine Online-Depotführung zutraut, kann viel Geld sparen. In aller Regel kostet bei einer Direktbank die Depotführung selbst nämlich nichts. Wer also nach einem anfänglichen Elan das Depot später nicht mehr nutzt, muss dafür genauso nichts zahlen wie derjenige, der rege handelt.

          Deutschland lernt sparen (8) : So finden Sie Ihr persönliches Depot

          Auch die Gebühren je Wertpapierauftrag sind online günstiger. Onvista, Flatex und die Aktionärsbank verlangen pauschal nur 5 Euro je Wertpapiertransaktion. Die meisten Direktbanken verlangen 0,25 Prozent des Kurswertes. Bei einem Kauf für 1000 Euro wären das 2,50 Euro. Oft gibt es jedoch eine Mindestgebühr von knapp 10 Euro. So verlangt die ING Diba mit derzeit gut einer Million Depots wenigstens 9,90 Euro je Transaktion, höchstens aber 59,90 Euro. Hinzu kommen gegebenenfalls noch börsenspezifische Gebühren.

          Auch wer lieber das Depot bei seiner Filialbank hat, sollte über die Online-Variante nachdenken. Sie ist meist viel günstiger als das klassische Depot. Die Sicherheit der Depotverwahrung oder der Handelstransaktionen ist genau gleich. Nur die Art der Auftragserteilung weicht ab: Beim Online-Depot gibt der Anleger die Order selbst ein, beim klassischen Depot ruft er seinen Bankberater an oder sucht ihn in der Filiale auf.

          Preise vergleichen lohnt sich

          Die Commerzbank bietet in ihrem „Direktdepot“ wie die Direktbanken und Online-Broker auch eine kostenfreie Depotführung mit 0,25 Prozent Transaktionsentgelt, mindestens 9,90 Euro, wenn wenigstens eine Transaktion im Quartal getätigt wird. Eine Höchstgebühr gibt es jedoch nicht. Das Online-Depot der Deutschen Bank in der Variante „Privatdepot Comfort“ kostet hingegen mindestens 20 Euro im Jahr. Wer zum Beispiel 50.000 Euro im Depot hat, zahlt schon 70 Euro Grundgebühr. Jede Online-Transaktion kostet zudem 1 Prozent vom Kurswert, mindestens aber 20 Euro. Für Vielhändler gibt es günstigere Transaktionsentgelte, bei allerdings höheren Grundgebühren. Auch die meisten Filialbanken verlangen 1 Prozent vom Kurswert. Der Mindestpreis je Auftrag beträgt in der Regel etwa 20, manchmal sogar 30 Euro. Dazu kommen Grundgebühren, die sich meist am Depotwert orientieren. Für kleine Depots betragen sie nur wenige Euro im Monat.

          Ein Preisvergleich lohnt. Die Zeitschrift „Finanztest“ hat zuletzt im Juli 42 Anbieter verglichen. Im Beispielfall eines Depots mit 96.000 Euro Volumen und sechs Transaktionen im Jahr zeigten sich unter den Online-Anbietern Flatex, die Aktionärsbank und Onvista mit 30 Euro am günstigsten. Das Postbank Online-Depot kam auf 120 Euro, Deutsche Bank Maxblue und ING Diba auf 150 Euro, der teuerste Anbieter jedoch auf 1006 Euro.

          Unter den Filialbanken hat die Postbank mit knapp 200 Euro das günstigste Angebot, die Kreissparkasse Köln war mit 635 Euro die günstigste Sparkasse. Auch hier waren bei den teuren Anbietern mehr als 1000 Euro fällig. Gleichwohl bleibt der Trend intakt, dass die Depotführung und auch die Wertpapiertransaktionen im Zeitablauf immer günstiger wurden und werden. Die FMH Finanzberatung bietet auf ihrer Internetseite www.fmh.de einen kostenlosen Depotvergleich. Der Anleger kann hier eingeben, wie oft er handelt, um welche Beträge es dabei geht, wie groß sein Depot insgesamt ist, ob er im Ausland Transaktionen tätigt und vieles mehr.

          Handeln wie die Profis

          Doch dafür muss der Anleger sich schon Gedanken gemacht haben, was er mit seinem Depot überhaupt machen will. Der Pflicht der Depotauswahl, die durchaus ihre Mühe wert ist, folgt die Kür der Geldanlage. Das ist keine Mühsal mehr. Nachdem die Depotauswahl schon gezeigt hat, dass niemand Millionär sein muss, der ein Depot eröffnet, wird auch im Wertpapierhandel schnell klar, dass der Privatanleger so gut gestellt ist wie nie zuvor. Er verfügt über Handelsmöglichkeiten und Zugriff auf Anlageklassen, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Zudem hat der Börsenhandel eine ganz andere Qualität als in früheren Tagen. Wurde ehedem auf dem Parkett auf Zuruf gehandelt und handschriftlich Kurse notiert und telefonisch übermittelt, kann heute jeder am heimischen Rechner oder in der Bankfiliale Echtzeit-Kurse sehen, zu denen er genau wie die Profis handeln kann.

          Die Handelsüberwachung beobachtet zudem sehr genau, dass es hier zu keinen Verzerrungen kommt. Der Anleger bleibt zudem auch immer Eigentümer der Wertpapiere. Die Bank verwahrt sie nur für ihn. In einem Insolvenzfall der Depotbank sind sie anders als die Einlagen auf Sparbüchern und Konten unabhängig von allen Einlagensicherungssystemen komplett geschützt und nie Teil der Insolvenzmasse.

          Die Entscheidung, welche Wertpapiere letztlich ins Depot des Anlegers wandern, kann ihm indes niemand abnehmen. Als Trost für diejenigen, die meinen, sie müssten die Finanzmärkte bis in die letzte Verästelung durchdrungen haben, bevor sie sich an den Markt wagen, sei gesagt: Dann wäre die Börse leer. Alle fischen im Trüben, denn niemand kennt die Zukunft. Mit dieser Unsicherheit muss der Mensch leben wie der Anleger auch.

          Privat geschätzte Marken sollten ins Depot wandern

          Die angezeigten Kurse sind zudem die einzige Wahrheit der Märkte. Genau so viel sind die Unternehmen, Anleihen oder Rohstoffe wert. Wer das für übertrieben hält, sollte auf fallende Notierungen setzen, wem das günstig vorkommt, auf steigende. Der Anleger muss sich zudem von seinem Gefühl leiten lassen, welche Geschäftsmodelle er für zukunftsträchtig hält und welche nicht. Ein Blick in das eigene Konsumverhalten und das der Freunde, Verwandten und Kollegen kann ein guter Indikator sein, welche Produkte am Markt ankommen. Marken, die privat geschätzt werden, sollten auch Einzug ins Depot erhalten.

          Eine Coca-Cola-Aktie ist seit Jahrzehnten eine ziemlich solide Geldanlage und einer der Garanten für den Aufstieg Warren Buffetts zu einem der reichsten Menschen der Welt. Er ist immer dem Grundsatz gefolgt, nur Aktien von Unternehmen zu kaufen, deren Geschäftsmodell er versteht. Das scheint kein schlechter Ansatz. Unter Privatanlegern hierzulande sind womöglich aus ähnlichen Motiven die Aktien von Daimler oder BMW besonders beliebt, unter den Auslandswerten liegt Apple vorne. Alles keine schlechten Anlageentscheidungen.

          Dem Einwand, man habe von all den Dingen doch gar keine Ahnung, kann die vielstrapazierte Anekdote von dem Affen mit seinen Dartpfeilen entgegnet werden. Der hat die Pfeile auf den Kursteil einer Zeitung geworfen und die getroffenen Aktien gekauft. Das Ergebnis war besser als das von Fondsmanagern. Die kochen wie alle Anleger auch nur mit Wasser, lassen sich dafür aber gut bezahlen. Das soll nicht heißen, dass sie per se schlechte Arbeit machen, doch jeder Anleger sollte sich überlegen, ob ihm die Sache 5 Prozent Ausgabeaufschlag (bei Online-Depots meist weniger) und 1,5 Prozent Gebühr im Jahr wert ist. Indexfonds (ETFs) sind deutlich günstiger. Sie können wie Aktien einfach und schnell gehandelt werden.

          Aktien-Kauf ist keine blinde Zockerei

          Zumindest in einer Hinsicht sollten sich Anleger die Fonds zum Vorbild nehmen: Sie streuen ihr Vermögen über viele Einzeltitel. Wer also einen nennenswerten Teil seines Vermögens in Wertpapieren anlegt, sollte über die nötige Streuung nachdenken, um Risiken zu reduzieren. Zwar ist die über Jahrzehnte gute Rendite an den Aktienmärkten das stärkste Argument für die Geldanlage in Aktien. Doch gelten die etwa 8 Prozent Rendite im Jahr nicht für alle Titel, sondern bilden einen Durchschnitt. Sie gelten auch nicht für jedes Jahr.

          Es gibt bessere und schlechtere Aktienjahre. Jahre, die insgesamt ein Minus einbrachten, sind selten. Nur 2000 bis 2002 folgten drei Verlustjahre aufeinander. Da sind mitunter starke Nerven gefragt. Die Auswahl von Aktien ist auch keine blinde Zockerei. Es ist die Miteigentümerschaft an realen Unternehmen mit dem Recht, auf Hauptversammlungen zu sprechen und über die Geschicke des Unternehmens abzustimmen sowie an den Gewinnen aus der Geschäftstätigkeit beteiligt zu werden.

          Wer Wertpapiere in sein Depot legt, wird sogleich merken, dass ihm die Banken allerlei Möglichkeiten bieten, seinen Wertpapierauftrag abzusichern. Das fängt bei der ratsamen Definition des Kurses an, den Anleger maximal bereit sind, für das Wertpapier zu zahlen. Gerade bei wenig liquiden Wertpapieren beugt diese Angabe unliebsamen Überraschungen vor. Das reicht aber auch bis zu gleichzeitig abschließbaren Verkaufaufträgen, die automatisch ausgeführt werden, wenn der Kurs zum Beispiel 10 Prozent unter den Einstiegspreis fällt oder 10 Prozent unter zwischenzeitlich erreichte Höchstkurse. Der Möglichkeiten gibt es viele. Auch hier muss jeder Anleger ausprobieren und Erfahrungen sammeln, mit welcher Art der Geldanlage er sich wohl fühlt, ob er zum Beispiel langfristig orientiert anlegt, was sich meist eher auszahlt, oder ob er lieber kurzfristig agiert.

          Investieren in alle Welt leicht gemacht

          Die Aktie ist zwar hierzulande eines der Urprodukte an den Börsen und auch heute noch das transparenteste, einfachste und meist auch am besten handelbare Börsenprodukt. Nicht zuletzt deshalb wird die Aktie in Banken ungern vertrieben; in der klaren Struktur lassen sich schlicht keine Gebühren verdienen. Es ist aber längst nicht das einzige Wertpapier. Wer nicht Miteigentümer eines Unternehmens mit allen Chancen und Mitsprachemöglichkeiten, aber auch Risiken werden möchte, kann den Staaten oder Unternehmen auch nur Geld leihen und entsprechende Anleihen kaufen, auch in fremden Währungen. Der Zertifikatemarkt bietet zudem allerlei Strukturen, die meist auf eine Veränderung des Aktienrisikos abzielen.

          Das können Garantiezusicherungen sein, aber auch Hebelfunktionen für stärkere Renditeausschläge. Daneben haben Privatanleger mittlerweile auch guten Zugang zu Rohstoffen. Über Fonds und ETFs, aber auch über Einzelaktien und -anleihen lässt sich zudem in alle halbwegs etablierten Finanzmärkte der Welt investieren. Das muss nicht gleich die erste Transaktion im neuen Depot sein. Banken bieten zudem zahlreiche Seminare oder Webinare, die den Anleger an die Themen heranführen.

          Wer den Kontakt zu seiner Filiale schätzt, kann sich natürlich auch anhören, was der Berater ihm gerne verkaufen möchte. Es geht allerdings nichts darüber, selbst Erfahrungen zu sammeln – gute wie schlechte. Angesichts der vielen Vorurteile gegenüber Kapitalmärkten mag mancher überrascht sein, wie positiv diese unter dem Strich sein können. Der eigentliche Zweck der Übung, das hart verdiente Geld einigermaßen rentierlich anzulegen und damit zum Beispiel für das Alter vorzusorgen, kann damit sogar mit Spaß verbunden werden. Wer das nicht glaubt, sollte einfach mal ein Depot eröffnen und loslegen.

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