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Die Vermögensfrage : Die Verwechslung von Rückfluss und Rendite

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Hohe Rückflüsse verstellen den Blick für die Rendite. Die Höhe der Rückzahlungen ist kein Maß für die Höhe der Verzinsung einer Anlage. Aussagekräftig ist ein Blick auf das verbleibende Kapital.

          Reiche Senioren sind in den Augen vieler Banken ideale Kunden. Sie haben Geld, sind treu und stellen wenig Fragen. Leichte Beute für hungrige Verkäufer. Würden nur einfachste Fragen nach den Gebühren, der Sicherheit und der Verfügbarkeit der Anlagen gestellt, würden viele Geschäfte gar nicht zustande kommen. Weil für solche Fragen aber oft der Mut fehlt, kommt es immer wieder zu Pannen und Pleiten. Im folgenden Fall konnte das Unheil in letzter Sekunde verhindert werden.

          Ein vermögendes Ehepaar, beide Partner sind jeweils 80 Jahre alt, hat vor einem Jahr drei Wohnungen verkauft und dafür 600.000 Euro bekommen. Der Betreuer der Hausbank witterte damals das große Geschäft, doch daraus wurde nichts. Das Ehepaar entschied sich, weil es das Geld einfach und sicher anlegen wollte, für sechs langweilige Anlagen. Zuerst wurden 100.000 Euro in Festgeld investiert, dann wurden fünf Sparbriefe à 100.000 Euro mit Laufzeiten von 12 bis 60 Monaten gekauft. Außerdem nahm sich das Ehepaar damals vor, bei Fälligkeit eines Sparbriefes immer wieder dieselbe Geldanlage zu kaufen.

          Alternative Vorschläge

          Jetzt ist der erste Sparbrief zurückgezahlt worden, und die Verhältnisse haben sich geändert. Die Zinsen sind in den Keller gerutscht. Der alte Betreuer ist im Ruhestand. Auf seinem Stuhl sitzt ein Juniorberater. Außerdem ist der alte Anlageplan abhandengekommen. Das sind für den Verkäufer, der Karriere machen will, beste Voraussetzungen, um ertragreiche Finanzprodukte ins Spiel zu bringen.

          Mit dem Ausdruck des größten Bedauerns teilt er dem Ehepaar mit, dass die Zinsen für Sparbriefe dramatisch gefallen seien. Statt ehemals 4 Prozent gebe es zurzeit nur noch 1 bis 2,5 Prozent, und das sei doch etwas wenig. Die Senioren sind über den Rückgang in der Tat enttäuscht, doch statt sich über die Sicherheit der Geldanlage zu freuen, sind sie für die alternativen Vorschläge des Beraters offen. Dessen Angebot ist aber weder eine Solaranlage noch ein Windkraftrad, sondern eine Versicherung mit Sofortrente. Die Anleger sollen auf den Namen der Ehefrau einmalig 100.000 Euro anlegen. Dafür erhalten sie, erklärt der Verkäufer, lebenslang Jahresrenten, die bei 7500 Euro beginnen und im Laufe der Zeit auf 8000 Euro steigen.

          Hinter den Kulissen

          Das Interesse an dem Vertrag ist auf beiden Seiten groß, und wer die Gründe erfahren will, braucht nur hinter die Kulissen zu schauen. Die Bank erhält für die Vermittlung der Rentenpolice eine Provision von 4000 Euro. Die Anleger leben in dem Glauben, dass die 100.000 Euro einen Jahresertrag von 7 bis 8 Prozent abwerfen. Außerdem hat ihnen der Berater erklärt, dass die Rückflüsse nicht der Abgeltungsteuer unterliegen.

          Der Vorschlag ist für Beobachter mit wachem Verstand ein Albtraum. Das beginnt bei der Gier des Bankers nach der Provision und endet bei der Meinung der Anleger, dass der Vorschlag rentabel sei. Die Hintergründe der Aussage werden in der Tabelle deutlich. Hier wird in Zahlen dargestellt, wie sich die Police im Vergleich zu anderen Geldanlagen rechnet. Ausgangspunkt der Betrachtung ist die Tatsache, dass die Anlegerin heute 80 Jahre alt ist und niemand weiß, wie alt die Dame werden wird. Denkbar sind 90 Jahre; genauso sind aber auch 95 Jahre möglich. In der Tabelle werden für drei Geldanlagen jeweils 10 Jahre abgebildet.

          Verzinsung geht zurück

          Bei der Rentenversicherung sind 100.000 Euro anzulegen. Dafür fließen nach Angaben des Unternehmens pro Jahr zwischen 7483 und 8033 Euro zurück. Gleichzeitig sinkt aber das Kapital ab. Würde die Anlegerin zum Beispiel in neun Jahren sterben, werden die Hinterbliebenen noch 41.939 Euro erben. Wird der Vertrag zurückgekauft, sind die Werte nicht höher, so dass deutlich wird, dass die jährliche Verzinsung niemals 7 bis 8 Prozent beträgt. Durch das sinkende Guthaben kommen lediglich 1,75 Prozent pro Jahr heraus.

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