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Die Vermögensfrage : Die Überwachung der Finanzberatung ist ein bürokratisches Monster

Schützt die Anleger nicht: eine Überwachungskamera im Frankfurter Bankenviertel Bild: ullstein bild

Die Regulierung der Bankberatung kostet die Bürger viel Geld - und bietet kaum Schutz. Hier kommt ein Vorschlag, der sinnvoller wäre.

          7 Min.

          Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) in Bonn hat in diesem Jahr knapp 11.000 Beschwerden und Anzeigen wegen schlechter Anlageberatung registriert. Das geht aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums an die Grünen hervor. Die Zahl mag den Eindruck verstärken, die Arbeit der Banken sei mangelhaft, doch der Wert ist mit Vorsicht zu genießen. Keiner kennt die Anteile unzufriedener und zufriedener Kunden, und wenn es ums Geld geht, geht es nicht nur um Anlagen, sondern auch um Kredite und Versicherungen.

          Volker Looman
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Auch hier gibt es nur Vermutungen, wie schlecht oder gut sich die Bürger beraten fühlen. Folglich ist und bleibt Geld eine geheimnisvolle Sache. Der Gesetzgeber versucht seit Jahren, die Qualität der Finanzberatung zu erhöhen. So hat er sich zum Beispiel in jüngster Zeit in besonderem Maße um Regulierungen des Finanzmarktes bemüht. Das ist auf der einen Seite zu begrüßen, weil Gauner und Betrüger auf diesem Markt nichts zu suchen haben. Fraglich ist auf der anderen Seite nur die Effizienz der Maßnahmen.

          Die Instrumente sind fragwürdig und teuer

          Wie ein nüchterner Blick auf den Finanzmarkt zeigt, kümmern sich heute drei Behörden um acht Gruppen von Finanzberatern. Die Finanzaufsicht Bafin, 80 Industrie- und Handelskammern und 295 Landratsämter verwalten Anlageberater, Anlagevermittler, Honorarberater, Immobilienmakler, Kreditvermittler, Vermögensverwalter, Versicherungsberater und Versicherungsvermittler, deren Zahl in die Hunderttausende geht.

          Die Instrumente der Behörden im Kampf gegen schlechte Beratung heißen Registrierung, Anlageprotokoll und Produktinformationsblatt, doch die Werkzeuge sind vor dem Hintergrund, dass in Deutschland vier Fünftel aller Privathaushalte höchstens zehn bis elf Geldverträge braucht, fragwürdige und teure Instrumente. Die meisten Menschen brauchen ein Girokonto, ein Sparbuch, eine Privat-Haftpflicht-Versicherung, eine Krankenkasse, eine Invaliditäts-Versicherung, eine Lebensversicherung, die Staatsrente sowie Anleihen, Immobilien und Aktien.

          Ist für diese Handvoll von Verträgen ein riesiger Apparat von Beamten und Wirtschaftsprüfern notwendig? Oder wäre es nicht eine Überlegung wert, das viele Geld in die Aufklärung der Bürger zu stecken, frei nach dem Motto: Bildung ist die beste Versicherung des Geldes?

          Die Vielfalt in der Beratung ist kein Segen

          Die heutige Vielfalt der Finanzberatung mag auf den ersten Blick ein Segen sein, doch bei genauem Hinsehen ist mit diesem Wildwuchs keinem Menschen gedient. Die meisten Anleger wissen gar nicht, wie die einzelnen „Geldberater“ arbeiten und wovon diese Leute leben. Die Finanzdienstleister stöhnen über die „Regulierungswut“ der Behörden, und die Beamten verwalten einen Finanzmarkt, der auf diese Weise nicht in den Griff zu bekommen ist. Das wird beim Studium der Tätigkeiten der Finanzberater deutlich.

          Anlageberater sind nach dem Verständnis der Bafin die Fachleute, die sich ausschließlich mit dem Kauf und Verkauf einzelner Anleihen und Aktien beschäftigen. Das sind in erster Linie die Wertpapierberater in den Banken. Sie benötigen für ihre Arbeit eine Lizenz nach Paragraph 1 des Kreditwesengesetzes. Bei den Mitarbeitern der Institute ist die Lizenz fester Bestandteil ihrer Anstellung, doch wer sich eines Tages als Wertpapierberater selbständig machen will, muss sich diese Lizenz bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht besorgen.

          Sonst gibt es Ärger, weil Anlageberatung ohne Lizenz wie Autofahren ohne Führerschein ist. Wenn der Berater nicht nur berät, sondern auch Wertpapiere verkauft, muss er sich beim Landratsamt noch die Erlaubnis nach Paragraph 34 der Gewerbeordnung besorgen.

          Anlagevermittler verkaufen „nur“ Investmentfonds

          Der Führerschein für die Anlageberatung ist mit so hohen Auflagen verbunden, dass selbständige Einzelkämpfer in vielen Fällen als Anlagevermittler unterwegs sind. Hier ist der bürokratische Aufwand nicht ganz so hoch. Trotzdem sind auch für diese Tätigkeit die Zulassungen der Bafin und des Landratsamtes notwendig. Der Unterschied zur Anlageberatung ist der Umstand, dass Anlagevermittler „nur“ Investmentfonds verkaufen dürfen. Sie müssen ihren Mund halten, wenn es um die Frage geht, ob die Aktie von Siemens oder Volkswagen die bessere Anlage ist, doch sie dürfen Investmentfonds empfehlen, in denen beide Papiere enthalten sind.

          Honorarberater nach Paragraph 34h der Gewerbeordnung sind Leute, die über Investmentfonds beraten, ohne von einem Produktgeber irgendwelche Zuwendungen zu erhalten oder von ihm in anderer Weise abhängig zu sein. Sie dürfen keine Fondsanteile vermitteln. Statt dessen sollen sie ihrer Empfehlung „eine hinreichende Anzahl von auf dem Markt angebotenen Finanzanlagen zugrunde legen, die von ihrer Erlaubnis umfasst sind und die nach Art und Anbieter oder Emittenten hinreichend gestreut und nicht beschränkt sind auf Anbieter oder Emittenten, die in einer engen Verbindung zu ihnen stehen oder zu denen in sonstiger Weise wirtschaftliche Verflechtungen bestehen“.

          Honorarberater leben von den Honoraren der Anleger

          Die Honorarberater leben von den Honoraren der Anleger. Sie dürfen nach dem Willen des Gesetzgebers „keine Zuwendungen von Dritten, die nicht Anleger sind oder von dem Anleger zur Beratung beauftragt worden sind, im Zusammenhang mit der Beratung, insbesondere auf Grund einer Vermittlung als Folge der Beratung annehmen, es sei denn, die empfohlene Finanzanlage oder eine in gleicher Weise geeignete Finanzanlage ist ohne Zuwendung nicht erhältlich“. Zuwendungen sind in diesem Fall unverzüglich nach Erhalt und ungemindert an den Kunden auszukehren.

          Vermögensverwalter sind, wenn sie die Lizenz nach Paragraph 32 des Kreditwesengesetzes haben, sowohl Anlegerberater als auch Anlagevermittler und Honorarberater. Sie dürfen ihre Kunden über einzelne Anleihen und Aktien beraten, und sie dürfen diese Papiere auch vermitteln. Die Befugnisse gehen in der Regel noch weiter. Sie erhalten von Ihren Kunden die Vollmacht, ohne Rücksprache jederzeit Anleihen und Aktien kaufen und verkaufen zu können. Es geht eben um die „vollständige“ Verwaltung des Vermögens, und für diese Tätigkeit sind Vertrauen und Vollmachten zwingende Voraussetzungen.

          Dafür erhält der Verwalter vom Anleger ein Honorar, das in der Regel ein Prozentsatz des verwalteten Vermögens ist. Die Vergütung zwingt den Verwalter zur Treue gegenüber dem Kunden, so dass Vergütungen von dritter Seite nicht erlaubt sind. Immobilienmakler mit der Zulassung nach Paragraph 34c der Gewerbeordnung sind Menschen, die „gewerbsmäßig den Abschluss von Verträgen über Grundstücke, grundstücksgleiche Rechte, gewerbliche Räume oder Wohnräume vermitteln“. Kreditvermittler werden mit Immobilienmaklern oft in einem Atemzug genannt.

          Das liegt weniger an der Tätigkeit, sondern vielmehr an der Tatsache, dass hier dieselbe Lizenz notwendig ist. In Paragraph 34c der Gewerbeordnung steht, dass die Vermittlung von Kreditverträgen oder der Nachweis zum Abschluss solcher Verträge erlaubnispflichtige Tätigkeiten sind, die bei den Landratsämtern anzumelden sind.

          Die Arbeit der Versicherungsberater ist eine Tätigkeit nach Paragraph 34e der Gewerbeordnung und bedarf der Zulassung der Industrie- und Handelskammer. In dieser Vorschrift heißt es: „Wer gewerbsmäßig Dritte über Versicherungen beraten will, ohne von einem Versicherungsunternehmen einen wirtschaftlichen Vorteil zu erhalten oder von ihm in anderer Weise abhängig zu sein, bedarf der Erlaubnis der zuständigen Industrie- und Handelskammer“.

          Versicherungsberater dürfen keine Provision entgegennehmen

          Die Erlaubnis beinhaltet die Befugnis, Dritte bei der Vereinbarung, Änderung oder Prüfung von Versicherungsverträgen oder bei der Wahrnehmung von Ansprüchen aus dem Versicherungsvertrag im Versicherungsfall rechtlich zu beraten und gegenüber dem Versicherungsunternehmen außergerichtlich zu vertreten. Versicherungsberater dürfen keine Provision von Versicherungsunternehmen entgegennehmen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie kann im Einvernehmen mit dem Bundesministerium der Justiz durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates zum Schutze der Allgemeinheit und der Versicherungsnehmer nähere Vorschriften über das Provisionsannahmeverbot erlassen.

          In der Rechtsverordnung kann bestimmt werden, dass die Einhaltung des Provisionsannahmeverbotes auf Kosten des Versicherungsberaters regelmäßig oder aus besonderem Anlass zu überprüfen und der Prüfungsbericht der zuständigen Behörde vorzulegen ist, soweit es zur wirksamen Überwachung erforderlich ist. Zur Überwachung des Provisionsannahmeverbotes kann in der Rechtsverordnung bestimmt werden, dass der Versicherungsberater über die Einnahmen aus seiner Tätigkeit genaue Aufzeichnungen zu führen hat.

          Die meisten kommen „locker“ mit elf Finanzverträgen aus

          Der Versicherungsvermittler darf Provisionen annehmen, wenn die Zulassung nach Paragraph 34f der Gewerbeordnung vorliegt. Dort steht geschrieben: „Wer gewerbsmäßig als Versicherungsmakler oder als Versicherungsvertreter den Abschluss von Versicherungsverträgen vermitteln will, bedarf der Erlaubnis der zuständigen Industrie- und Handelskammer.“ In der Erlaubnis ist anzugeben, ob sie einem Versicherungsmakler oder einem Versicherungsvertreter erteilt wird.

          Die einem Versicherungsmakler erteilte Erlaubnis beinhaltet die Befugnis, Dritte, die nicht Verbraucher sind, bei der Vereinbarung, Änderung oder Prüfung von Versicherungsverträgen gegen gesondertes Entgelt rechtlich zu beraten; diese Befugnis zur Beratung erstreckt sich auch auf Beschäftigte von Unternehmen in den Fällen, in denen der Versicherungsmakler das Unternehmen berät.

          Die acht Berufsbilder sind der deutsche Ansatz, die Turbulenzen auf den Finanzmärkten in den Griff zu bekommen. Die Anstrengungen der Politik und Verwaltung sind, um es mit Nachdruck hervorzuheben, aller Ehren wert, doch ist der ganze Kampf nicht der Versuch, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen? Die meisten Bürger kommen „locker“ mit elf Finanzverträgen über die Runden, und dafür ist in der Regel nicht viel Beratung notwendig. Girokonto ohne Kreditlinie und Sparbuch für den Notgroschen sind die Grundlagen des Finanzlebens. Sind dafür große Erklärungen notwendig?

          Mit drastischen Worten

          Privat-Haftpflicht-Versicherung, Krankenkasse, Invaliditätsversicherung und Lebensversicherung sind Verträge zur Risikovorsorge, die sich mit wenigen Worten begründen und erläutern lassen. Kredite mögen beim Bau und Kauf von Eigenheim sinnvoll sein. Sonst sind sie vom Übel, und diese Botschaft könnte der Staat seinen Bürgern – ähnlich wie die Warnung vor Nikotin – mit drastischen Worten vor Augen führen.

          Schließlich kommen die Geldanlagen an die Reihe, doch was soll man dazu sagen? Die Staatsrente ist für Angestellte einfach Pflicht, und bei der Kür kommen Anleihen, Immobilien und Aktien in Frage. Ist dafür die staatliche Überwachung der Finanzberatung nötig? Oder wäre es nicht einfacher und sinnvoller, die Bürger in eine „Finanzschule“ zu stecken? Die beste Kopiervorlage für diese Idee ist der Führerschein.

          Wer in Deutschland ein Motorrad oder ein Auto fahren will, braucht einen Führerschein, und den gibt es nach dem erfolgreichen Besuch einer Fahrschule. Warum überträgt der Staat dieses Konzept nicht auf die Privatfinanzen? Der Dreh- und Angelpunkt im Umgang mit Geld ist das Girokonto. Ohne dieses Konto läuft in dieser Republik nichts.

          Endlich raus aus dem Hamsterrad

          Folglich wäre es eine Überlegung wert, die Eröffnung dieses Girokontos vom erfolgreichen Besuch einer Finanzschule abhängig zu machen. Dort wird an fünf Samstagen das kleine Einmaleins der Versicherungen und Kredite vermittelt. Mitarbeiter von Banken, Bausparkassen und Versicherungen haben als „Lehrkräfte“ in diesen Schulen wegen Befangenheit nichts verloren. Stattdessen ist der Staat gefordert.

          Er könnte den einen oder anderen Beamten für diese Aufgabe gewinnen, und ihm stünde ein Heer frustrierter Mitarbeiter zur Verfügung, das in Banken, Bausparkassen und Versicherungen sitzt und für das neue Jahr nur einen Wunsch hat: Endlich raus aus dem Hamsterrad, endlich keinen Verkaufsdruck mehr, endlich wieder Arbeit mit Sinn und Tiefgang!

          Der Autor ist Finanzanalytiker in Bremen.

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