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Die Vermögensfrage : Die aktive Vermögensverwaltung ist ein teures Vergnügen

  • -Aktualisiert am

Bild: Kai

Anleger hoffen auf solide Wertzuwächse, wenn sie ihr Geld einem Vermögensverwalter anvertrauen. Die hohen Kosten bleiben aber oft verborgen.

          6 Min.

          Das vergangene Jahr war für Anleger im wahrsten Sinne des Wortes ein Lotteriespiel. In der Mongolei ist der Wert der Aktien um 37Prozent gestiegen, in Deutschland ist der Wert um 15 Prozent gefallen. Die Kurse nordamerikanischer Staatsanleihen sind um 20 Prozent geklettert, in Italien sind die Werte vergleichbarer Papiere um 7 Prozent gesunken. Die Ergebnisse werden bei den Investoren in den nächsten Tagen, wenn die Jahresabrechnungen der Vermögensverwalter ins Haus flattern, gemischte Gefühle auslösen. Hier wird Sekt gereicht, dort wird Magenbitter vonnöten sein. Und wie lautet die Moral von der Geschichte? Geldanlage ist eben ein Glücksspiel, und wer Roulette-Tische nicht mag, sollte Spielbanken weder allein noch in Begleitung angeblicher Experten betreten.

          Solche trivialen Botschaften hören Vermögensverwalter in der Regel nicht gerne. Das ist kein Wunder, weil die Zunft vom Roulette nicht ganz schlecht lebt, wie der Schwabe sagt. Daher sollten Anleger von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Kosten dieser Manager werfen. Natürlich haben die Verwalter einen Anspruch auf ordentliche Bezahlung, doch die Art, wie die Verwaltung hier und da abgerechnet wird, wirft Fragen auf. Die Vergütung besteht in der Regel aus zwei Komponenten. Das ist die jährliche Grundgebühr. Sie beträgt zwischen 0,5 und 1,5 Prozent des verwalteten Vermögens. Hinzu kommt ein Erfolgshonorar von 10 bis 20 Prozent des Zuwachses. Das scheinen auf den ersten Blick einfache und klare Spielregeln zu sein, doch bei genauem Hinsehen sind Details zu klären. Das beginnt zum Beispiel bei der Festlegung, wie hoch das verwaltete Vermögen ist, und endet bei der Überlegung, wie der Erfolg gemessen wird.

          Heikle Sache

          Einfach ist die Geschichte, wenn man das Depot jährlich abrechnet und in dieser Zeit nicht anrührt, also kein Geld abgezogen oder zugeführt wird. Dann ist der Depotstand zu Anfang des Jahres die Grundlage der Vergütung. Wenn am 1. Januar des Jahres beispielsweise 100.000 Euro im Depot liegen und eine Grundgebühr von 1Prozent vereinbart wird, werden am 31. Dezember dieses Jahres genau 1000 Euro fällig sein. Wurde außerdem ein Erfolgshonorar von 10 Prozent festgelegt, sind weitere 2000 Euro zu bezahlen, wenn das Depot am Ende des Jahres einen Stand von 120.000 Euro aufweist.

          Heikel wird die Sache, wenn das Konto monatlich oder vierteljährlich abgerechnet wird. Hier kommt es in beiden Fällen zu „versteckten“ Erträgen, die den Anlegern in der Regel nicht bewusst sind. Grundlage der vierteljährlichen Abrechnung sind die Kontostände am Ende der Quartale. Lagen die Depotwerte zum Beispiel bei 103.000, 108.000, 112.000 und 120.000 Euro, wird aus diesen Beträgen jeweils ein Viertelprozent berechnet. Das sind insgesamt 1107,50 Euro, so dass die Grundvergütung über dem vereinbarten Satz von 1 Prozent liegt. Wird jetzt außerdem noch das Erfolgshonorar von 10 Prozent fällig, ist diese Beteiligung zu hoch, weil der Verwalter bereits bei der Grundvergütung am Erfolg beteiligt war.

          Knifflig wird die Geschichte, wenn das Depot während des Kalenderjahres starken Schwankungen unterworfen war. Beispiel: Das Konto stand am Anfang des Jahres bei 100.000 Euro. Nach drei Monaten ist der Wert auf 95.000 Euro gesunken. Anschließend stieg der Wert bis zum Ende des Halbjahres auf 103.000 Euro. Im dritten Quartal sackte der Wert auf 96.000 Euro ab. Und im Verlaufe des letzten Quartals stieg der Wert wieder auf 100.000 Euro.

          Zündstoff für endlose Streitereien

          Aus Sicht des Anlegers ist der Wert des Depots gleich geblieben. Folglich kann nach Meinung des Anlegers keine Erfolgsbeteiligung anfallen. Das wird der Verwalter mit hoher Wahrscheinlichkeit anders sehen. Er hangelt sich mit seiner Abrechnung von Quartal zu Quartal. Das heißt in Zahlen, dass aus Kontoständen von 100000 Euro, 95000 Euro, 103000 Euro und 96000 Euro jeweils ein Viertelprozent berechnet wird. Das ergibt unter dem Strich eine Grundvergütung von 985Euro. Hinzu kommen „Erfolgsbeteiligungen“ für das zweite und das vierte Quartal. Sie liegen, wenn fair gehandelt wird, bei 200 Euro und 100 Euro, so dass insgesamt 300 Euro in Rechnung gestellt werden. Folglich muss der Privatmann dem Vermögensverwalter insgesamt 1285Euro bezahlen.

          Die Berechnung der Erfolgsbeteiligung bietet, wenn sie nicht einfach und klar geregelt wird, Zündstoff für endlose Streitereien. Zuerst ist die Frage zu klären, wie Verluste behandelt werden. Aus Sicht des neutralen Betrachters wäre es recht und billig, wenn die Verwalter für Verluste büßen müssten. Das ist freilich ein frommer Wunsch. Es wird sich auf dieser Welt kein Verwalter finden, der zum Ausgleich finanzieller Verluste bereit ist.

          Die maximale „Kulanz“ wird, das ist der zweite Punkt, der Vortrag von Verlusten sein. Im vorliegenden Beispiel ist im ersten Quartal ein Verlust von 5000 Euro entstanden. Er könnte in das zweite Quartal vorgetragen werden, so dass am Ende des Halbjahres der Erfolg nicht 8000 Euro, sondern nur 3000 Euro beträgt. Wird ein Vortrag vereinbart, stellt sich natürlich die Frage, wie lange vorgetragen wird. Ist das ein Jahr, sind das zwei Jahre? Hier gibt es keine verbindlichen Regelungen. Wichtig ist nur, dass beide Parteien eine Vereinbarung treffen, die einfach, klar und nachvollziehbar ist.

          Im Vergleich ein „Nasenwasser“

          Der zusätzliche Ertrag durch die unterjährige Abrechnung ist freilich ein „Nasenwasser“ im Vergleich zu den berüchtigten Kickbacks und Retrozessionen. Davon betroffen sind Banken, welche die Kundengelder einer Investmentgesellschaft übergeben haben, und freie Verwalter, welche die Kundengelder bei einer Bank deponiert haben. In beiden Fällen ist es an der Tagesordnung, dass die Bank von der Investmentgesellschaft und der Verwalter von der Bank jedes Jahr eine Bestandsprovision erhalten, die zwischen 0,25 und 1Prozent liegt.

          Die versteckten Zahlungen sorgen seit vielen Jahren für erbitterte Auseinandersetzungen zwischen Anlegern und Verwaltern. Und ein Ende des Streites ist nicht in Sicht. Eine Zeitlang bestand die Hoffnung, dass die Vermögensverwalter durch das neue Anlegerschutzgesetz aus Brüssel, die seit dem 1. November 2007 auch in Deutschland gültige Markets in Financial Instruments Directive (MiFID), zur Offenlegung der Kickbacks und Retrozessionen gezwungen werden könnten, doch die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.

          Der Bundesgerichtshof (BGH) hat bereits 2000 entschieden, dass „heimliche“ Vereinbarungen zwischen Banken und Vermögensverwaltern eine „schwerwiegende Treuwidrigkeit hinter dem Rücken des Kunden“ seien, durch die das Vertrauen in den Verwalter entfalle. Zugleich sah das Gericht aber auch die zahlende Bank in der Pflicht, den Kunden vor Vertragsabschluss über die drohenden Interessenkonflikte aufzuklären. Weil das Institut diese Aufklärung aber unterlassen hatte, wurde es - über die Erstattung der gezahlten Provisionen hinaus - auch für die Schäden, die bei den Wertpapiergeschäften entstanden waren, in Regress genommen.

          Neutrale Beratung nur auf Honorarbasis möglich

          Vor diesem Hintergrund kann der Hinweis nicht oft genug wiederholt werden, dass es in Deutschland drei Beratungsformen gibt, wenn es um Geld geht. Die größte Bedeutung hat die traditionelle Anlage-, Finanz- und Vermögensberatung. Hier treffen sich die Vertragspartner zu kostenlosen und unverbindlichen Gesprächen. Damit ist diese Beratung in Wirklichkeit aber eigentlich gar keine Beratung, sondern ein zielgerichtetes Verkaufsgespräch, in dem es um den Abschluss eines Geschäftes geht.

          Die neutrale Beratung, die sich so viele Anleger wünschen, ist nur auf Honorarbasis möglich. Anwälte, Rentenberater und Steuerberater schließen, um gängige Beispiele zu nennen, mit ihren Mandanten individuelle Dienstleistungs- oder Werkverträge ab. Grundlage dieser Vereinbarungen sind die Paragraphen 611, 631 und 675 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Darin verpflichten sich die Berater, bestimmte Leistungen oder Werke zu erbringen. Gleichzeitig versprechen sie ihren Mandanten, ausschließlich deren Interessen zu vertreten.

          Um hier gar keine Begierden zu wecken, hat der Gesetzgeber schon vor vielen Jahrzehnten den Paragraph 667 in das BGB eingefügt. Darin heißt es: „Der Beauftragte hat alles, was er zur Ausführung des Auftrages erhält und was er aus der Geschäftsbesorgung erhält, herauszugeben.“ Wenn ein Investor einen „echten“ Berater beauftragt, ihn bei der Geldanlage oder Verwaltung zu unterstützen, kann der Fachmann durchaus 10000 Euro nebst Mehrwertsteuer verlangen. Sofern bei der Geschäftsbesorgung allerdings Provisionen von 20000 Euro anfallen, steht dieses Geld ausschließlich dem Auftraggeber zu.

          Mischung aus Beratung und Vermittlung

          Das gilt auch für die Verwaltung des Vermögens. Falls die laufende Betreuung jährlich 1 Prozent des Vermögens kostet, wenn also bei einem Vermögen von 500000 Euro jährlich 5000 Euro zu bezahlen sind, ist gegen diese Vereinbarung nichts einzuwenden. Der Verwalter kann, wenn es durchsetzbar ist, auch 1,5 oder 2Prozent verlangen. Fließt von Banken oder Versicherern aber Geld an den Vermögensverwalter, egal ob es sich um 3000 oder 4000 Euro handelt, so stehen diese Beträge ausschließlich und in voller Höhe dem Anleger zu.

          Die dritte Beratungsform ist eine Mischung aus Beratung und Vermittlung. Es gibt Berater, die für ihre Tätigkeit ein Honorar verlangen, darüber hinaus aber auch Finanzgeschäfte gegen Provision vermitteln. Teilweise verrechnen sie die Honorare und Provisionen miteinander. Meistens lassen sie die Provisionen aber direkt oder indirekt über ein Unternehmen der Ehefrau oder Freundin in die eigene Tasche laufen. Genauso ist es denkbar, dass die Finanzinstitute dem Berater für die Schleuserdienste jedes Jahr ein neues Auto vor die Türe stellen oder ihn zum Karneval nach Brasilien einladen.

          In der Vermögensverwaltung besteht die Versuchung, sowohl bei der Anlage als auch bei der Verwaltung die Hand aufzuhalten. Die Beschaffung börsennotierter Indexfonds bringt einem Verwalter außer einem warmen Händedruck nicht viel ein. Da ist die Vermittlung, wenn es zum Beispiel um die Anlage und Verwaltung von 500000 Euro geht, in drei Investmentfonds gewinnbringender. Hier gibt es erst einmal die Ausgabeaufschläge von mindestens 3 Prozent. Hinzu kommen die Bestandsprovisionen von 0,75 Prozent pro Jahr. Noch lukrativer ist freilich die individuelle Vermögensverwaltung. Sie bringt dem Manager jährlich 1 Prozent des Kunden und 0,5 Prozent der Bank, so dass bei einer Anlagedauer von zehn Jahren richtig Geld in die Kasse kommt.

          Die Beispiele führen jedem Betrachter das Dilemma der Anleger und Verwalter vor Augen. Die Investoren wollen ihr Vermögen mehren und suchen neutralen Rat. Die Verwalter müssen aber Produkte verkaufen, solange die Investoren weder die Beratung noch die Geschäftsbesorgung offen bezahlen wollen. Die beiden Parteien können die Sache drehen und wenden, wie sie wollen. Die neutrale Vermögensverwaltung ist nur auf Honorarbasis und bei vollständiger Herausgabe aller Provisionen möglich. Solange aber keine Bereitschaft vorhanden ist, die Leistungen direkt zu entlohnen, wird der Traum von der neutralen und unabhängigen Verwaltung nie in Erfüllung gehen.

          Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen

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