https://www.faz.net/-hbv-ywf0

Die Vermögensfrage : Der trügerische Traum vom mühelosen Reichtum

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Kai

Die Hoffnung auf eine reale Vermehrung des Kapitals allein durch Zins und Zinseszinsen erfüllt sich selten. Gier, Inflation, Kriege, Reformen und Steuern lassen Geld und Zinsen nie zur Blüte kommen. Doch viele Sparer lügen sich gerne in die Tasche.

          Der Traum, durch Zinsen und Zinseszinsen reich zu werden, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit uralt. Kostproben über die sagenhafte Auswirkung des Zinses gibt es in Hülle und Fülle. Wenn unsere Ahnen vor 2010 Jahren den Vorläufer eines Euro zu 1 Prozent pro Jahr angelegt hätten, müssten sich die Erben heute nicht über Riester und Rürup ärgern, sondern hätten 485 Millionen auf dem Konto. Oder hätten die Altvorderen mit der Geldanlage nicht wenigstens um 1510 herum beginnen und von ihrer Bank jährlich 3 Prozent bekommen können? Da sähe die Altersversorgung immer noch ordentlich aus, weil auch zwei Millionen sechs Hundert einundzwanzig Tausend acht Hundert siebenundsiebzig Euro kein Anlass zur Klage sind.

          Beklagenswert ist allein, dass diese Träume nur selten in Erfüllung gegangen sind: Gier, Inflation, Kriege, Reformen und Steuern ließen Geld und Zinsen nie zur Blüte kommen, und damit werden sich auch die heutige Menschen abfinden müssen. Selbst in friedlichen Zeiten ist der Traum vom Reichtum dank Zinsen und Zinseszinsen eine Schnapsidee, wie die folgenden Beispiele aus dem Alltag zeigen.

          Eigenheime als beste Geldanlage?

          Staatsanleihen wie in Tabelle 1 bringen, wenn das Kapital auf zehn Jahre angelegt wird, ungefähr 3,5 Prozent pro Jahr. Von diesen Erträgen müssen jeweils am Jahresende die Abgeltungsteuer und der Solidaritätszuschlag – zusammen 26,375 Prozent – an die Staatskasse abgeführt werden. Wenn sich noch die Inflation mit einem Wert von jährlich 3 Prozent durch die Hintertür in die Rechnung schleicht, gerät Holland in Not. Man braucht von Finanzmathematik nicht viel zu verstehen, um zu erkennen, dass 3,5 Prozent, zuerst um 26,375 Prozent gekürzt, dann um 3 Prozentpunkte gesenkt, ins Minus führen. Die Liebhaber von Zahlen sollten trotzdem einen Blick in die zweite Tabelle werfen, weil die Rechenschritte für die Untersuchung komplexerer Finanzprodukte als Anleihen und Sparbücher von Nutzen sein können.

          Der effektive Zahlungsstrom nach Steuern beginnt mit 50.000 Euro. Ihm folgen neun Ausschüttungen von jeweils 1288,44 Euro. Abgeschlossen wird die Zahlungsreihe durch 51 288,44 Euro. Hinter diesem Betrag verbergen sich die letzte Ausschüttung und die Rückzahlung des Kapitals. Wenn die Kaufkraft der Rückflüsse jedes Jahr um 3 Prozent sinkt, muss der Anleger noch nicht ernsthaft um sein Kapital bangen. Nur muss er die Hoffnung begraben, die eingesetzten 50.000 Euro vermehren zu können. Die Rendite des realen Zahlungsstroms liegt bei minus 0,41 Prozent pro Jahr. Das bedeutet in Zahlen: Der Anleger legt 50.000 Euro an und erhält in zehn Jahren rund 48.000 Euro zurück. In Worten lautet die Botschaft: Der Anleger ist mit einem blauen Auge davon gekommen, doch von Zins und Zinseszins kann keine Rede sein.

          Etwas besser sieht die Lage bei Eigenheimen aus, die viele Deutsche für die beste Geldanlage halten. Das hängt mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem Wunsch zusammen, unter dem eigenen Dach zu leben. Wer spitzem Bleistift nachrechnet, wird bald auch in puncto Eigenheim schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In der dritten Tabelle stehen die Daten eines durchschnittlichen Hauses. Es kostet 300.000 Euro. Hinzu kommen die Nebenkosten. Dafür erspart sich der Besitzer die jährlichen Mieten. Sie beginnen bei 12.000 Euro, und wenn 2000 Euro für die Instandhaltung aufwendet werden, sinkt der erste Mietvorteil auf 10.000 Euro. Er möge in Zukunft um 2 Prozent pro Jahr steigen. Im selben Zeitraum soll der Wert des Hauses um jährlich 1 Prozent anwachsen.

          Das Ergebnis ist in der vierten Tabelle zu sehen. Es geht mit dem Gesamtpreis von 315.000 Euro los. Danach folgen die Mietvorteile. Und am Ende stehen der letzte Mietvorteil und der künftige Wert des Hauses. Die Zahlenreihe ist vor und nach Abgaben gleich, weil bei diesem Geschäft keine Steuern anfallen. Nur die Inflation treibt die realen Zahlen wieder in den Keller. Bei einer jährlichen Geldentwertung von 3 Prozent verliert allein der Schlusswert rund ein Viertel seines Wertes. Dadurch beträgt die Verzinsung dieses Eigenheims rund 0,86 Prozent pro Jahr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.