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Vermögensfrage : Soll ich meine Lebensversicherung kündigen?

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Eine Lebensversicherung ist eine langfristige Anlage: Doch manchmal lohnt es sich für Kunden, auch darüber nachzudenken. Bild: dpa

Lebensversicherungen bringen immer weniger Zinsen. Bisher hieß es trotzdem: Die Kündigung lohnt sich nicht. Doch das ändert sich.

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          Der Satz kommt so unscheinbar daher, wie die Ankündigung großen Elends bei einem vorsichtigen Analysten eben so klingt: „Die Einführung von Solvency II zum 1. Januar 2016 setzt die Lebensversicherer im Hinblick auf eine stärkere Eigenmittelbildung zusätzlich unter Druck.“ Reiner Will, Geschäftsführer der deutschen Ratingagentur Assekurata, hätte es auch anders formulieren können: Die Verzinsung der Lebensversicherung wird jetzt noch ein Stück weiter in den Keller gehen, weil sich die Lebensversicherer nun auch noch um ihr Eigenkapital kümmern müssen. Dann nehmen gleich drei Kanonen die Rendite in der Lebensversicherung unter Beschuss: Das extrem niedrige Zinsniveau der Kapitalmärkte, auf denen die Versicherer ständig fällige hochverzinsliche durch niedrigverzinsliche Wertpapiere ersetzen müssen, die sogenannte Zinszusatzreserve, die für die Verpflichtungen gegenüber ihren Altkunden aufgebaut werden muss, und die notwendige Bildung weiteren Eigenkapitals im Rahmen neuer Vorschriften.

          Wie ernst diese Lage der Lebensversicherer bei der deutschen Finanzaufsicht genommen wird, verdeutlichte Felix Hufeld, der neue Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) Mitte Mai in Bonn: „Sollten die Zinsen weiter so niedrig bleiben, werde die Bafin auch mehr Unternehmen in die aufsichtliche Manndeckung nehmen müssen.“ Nun ist das Bild von der Manndeckung, in die normalerweise nur die besonders guten Gegenspieler genommen werden, ein bisschen ungeeignet zur Umschreibung notleidender Lebensversicherer, bei denen die Finanzaufsicht besonders genau hinsehen will, klar ist aber, was gemeint war: Hufeld rechnet mit „erheblichen Anstrengungen“ der Branche, die neuen Eigenkapitalforderungen zu erfüllen.

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          Keine drei Prozent Zins

          Für die deutschen Anleger sind das ganz schlechte Nachrichten. Sie haben sich zwar längst daran gewöhnt, dass die angekündigten Leistungen mit jedem Brief vom Versicherer immer kleiner werden. Inzwischen erfahren sie jedoch, dass die einst nur belächelten garantierten Leistungen auf einmal ernst genommen werden müssen, und dass genau diese Garantien bei neuen Verträgen oft nicht einmal mehr ausreichen, um die Einzahlungen zu erhalten. Von realer Kapitalerhaltung ganz zu schweigen.

          Die Zahlen, die zum Niedergang der Zinsen herumgereicht werden, schönen dabei noch das wahre Ausmaß der neuen Zinsbescheidenheit: Die laufende Gesamtverzinsung beträgt nach Angaben der Bafin in den Überschussbeteiligungen für 2015 im Branchendurchschnitt 3,06 Prozent. Für 2010 hatten hier noch 4,13 Prozent zu Buche gestanden. Bezogen auf die Beiträge der Sparer, sind die Zinssätze allerdings niedriger. Assekurata hat für 64 Lebensversicherer auf der Basis derselben Überschussbeteiligungen die Beitragsrendite eines Mustervertrages in der Rentenversicherung ermittelt. Heraus kommen dabei Beträge zwischen 1,93 Prozent und 3,99 Prozent. Im Schnitt sind es 2,87 Prozent.

          Wichtig dabei: Die Assekurata-Zahlen gelten für Rentenversicherungen. Bei kapitalbildenden Lebensversicherungen mit Todesfallschutz ist die Rendite niedriger. Experten ziehen für diesen Todesfallschutz im Durchschnitt ein Fünftel der Rendite ab. Damit blieben als aktuelle Verzinsung von gut 31 Millionen Kapitalversicherungen im Durchschnitt rund 2,3 Prozent. Die Spanne der Gesellschaften dürfte dann zwischen 1,5 und 3,2 Prozent liegen.

          Neue Eigenmittel und Reserven kosten die Versicherer Milliarden

          Noch, denn der Zinsrutsch geht weiter. Nicht nur, weil die Versicherer noch lange Zeit hochverzinsliche Anlagen durch niedrigverzinsliche ersetzen müssen, sondern weil sie jetzt auch noch ihre Eigenmittel stärken und noch mehr Reserven für ihre Altkunden zurücklegen müssen. Beides, die neuen Eigenmittel und die Reserven, kostet die Versicherer Milliarden, beides wird die Beitragsrenditen weiter drücken. Das gilt besonders für jüngere Verträge.

          „Die Lebensversicherer können jeden Euro nur einmal ausgeben. Und jetzt verlangt der Gesetzgeber, dass eben die Altversicherten mit ihren hohen Garantieleistungen vorgehen. Dieser Prozess wird sich noch beschleunigen, wenn die Dotierung der Zinszusatzreserve nicht bald neu geregelt wird“, erklärt Michael Thiemermann, Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft und Geschäftsführer der Kivi GmbH, Kölner Institut für Versicherungsinformation und Wirtschaftsdienste.

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