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Die Vermögensfrage : Das explosive Gemisch von Prokon

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Schlecht gerechnet? Prokon-Geschäftsführer Carsten Rodbertus Bild: dpa

Der Zusammenbruch des Windparkbetreibers Prokon ist ein klassisches Lehrstück: Langfristige Investitionen dürfen nicht mit kurzfristigen Krediten finanziert werden. Für Windparks sind Genussscheine als Finanzierungsform ungeeignet.

          Prokon hinten, Prokon vorne, Prokon überall. Die Zahlungsunfähigkeit des Herstellers und Betreibers von Windparks ist das Tagesgespräch im Norden dieser Republik. Das ist kein Wunder. Es geht um 75.000 Anleger, die dem Unternehmen mit 1300 Mitarbeitern rund 1,4 Milliarden Euro anvertraut haben. Sie haben die Sorge, ihre Genussrechte in den Wind schreiben zu müssen. Das ist zwar traurig, doch überraschend ist der Orkan nicht. Der Grund ist die alte Unternehmer-Krankheit, langfristige Projekte mit kurzfristigen Krediten finanziert zu haben.

          Vor diesem Hintergrund ist die Aussage von Verbraucherschützern, die Anleger treffe keine Schuld, mit größter Vorsicht zu genießen. Die meisten Investoren, nach Angaben von Prokon ältere Leute, die Geld für einen guten Zweck anlegen wollten, mögen in vielen Fällen nicht gewusst haben, was Genussrechte sind, doch Arglosigkeit und Unwissenheit, hier und da vielleicht aber auch ein wenig Gier, weil die Zinsen der Genüsse so hoch waren, sind und bleiben bei der Geldanlage schlechte Begleiter. Folglich trifft die Investoren, auch wenn das Urteil unangenehm ist, erhebliche Mitschuld, wie folgende Analyse zeigt.

          Prokon hat sich zu 95 Prozent mit Hilfe von Genussscheinen finanziert. Das heißt, dass die 75.000 Anleger die „Hausbank“ des Unternehmens waren. Wenn die Gemeinschaft insgesamt 1,4 Milliarden Euro gegeben hat, entfallen im Schnitt auf jeden Anleger rund 18.700 Euro. Das sind nach einem Bier und zwei Korn rund 20.000 Euro. Das Geld ist in Windparks geflossen. Die nominalen Daten dieses Geschäfts stehen in Tabelle 1. Es versteht sich von selbst, dass mit Hilfe von 20.000 Euro kein Blumentopf zu gewinnen ist, doch wenn sich 100 Leute finden, kommt ein Windrad schon in Gang.

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          Die erste Erkenntnis ist die Tatsache, dass Windräder langfristige Geschäfte sind. Sie drehen sich im Schnitt etwa 20 Jahre. Die 20.000 Euro werden, wenn die Sache solide ist, zum Kurs von 100 Prozent investiert. Das ist aber keine Selbstverständlichkeit, weil in jeder Beteiligung, die über Fonds läuft, der Anlagekurs durch das Agio auf 105 Prozent klettert. Im vorliegenden Beispiel sind Nominalkapital und Anlagebetrag identisch. Der Ertrag liegt in der Regel bei 8 Prozent pro Jahr. Folglich erhält der Anleger jährliche Ausschüttungen von 1600 Euro. Die Erträge sind durch die Abschreibungen nicht in voller Höhe steuerpflichtig. Die Finanzverwaltung erlaubt dem Anleger, den Verschleiß des Windrades jedes Jahr mit einem Sechzehntel der Anschaffungskosten geltend zu machen.

          Die zweite Erkenntnis ist der Umstand, dass Windräder nach 20 Jahren abgeschrieben sind. Das sind sie freilich nicht nur in steuerlicher Hinsicht, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Die Anlagen sind in der Regel nichts mehr wert. Über diesen Punkt werden seit Jahr und Tag erbitterte Diskussionen geführt. Die einen Betrachter, vorzugsweise Verkäufer von Windrädern, sind der Auffassung, die Anlagen seien nach 20 Jahren noch Geld wert, und die anderen Betrachter, vorzugsweise Kaufleute alter Schule, vertreten die Meinung, dass die Anlagen nur noch Schrott seien. Die „richtige“ Einschätzung wird, das liegt in der Sache der Natur, gewaltige Auswirkung auf die Rentabilität des Geschäfts haben.

          Die nominalen Daten der ersten Tabelle führen in der zweiten Übersicht zu einem Zahlungsstrom. Er beginnt mit der Startsumme von 20.000 Euro. Danach folgen 16 jährliche Rückflüsse von je 1508 Euro. Sie sind der Saldo der Einnahmen (1600 Euro) und der Abgaben auf die steuerlichen Erträge von 350 Euro. Die steuerlichen Überschüsse unterliegen der persönlichen Besteuerung, und im vorliegenden Beispiel wurden ein Steuersatz von 25 Prozent und der Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent angesetzt. Das führt zu einem Steuersatz von insgesamt 26,375 Prozent, so dass die Abgaben rund 92 Euro betragen. Nach 16 Jahren fällt die Abschreibung weg, und die Abgaben steigen auf 422 Euro. Dadurch sinken die letzten Ausschüttungen auf 1178 Euro pro Jahr.

          Verzinsung weder gut noch schlecht

          Die Beteiligung ist in ihrem Verlauf, wenn der Endwert auf null Euro sinkt, mit einem Entnahmeplan vergleichbar. Der Anleger steckt in die Büchse oben 20.000 Euro hinein, und unten kommen 16 Erträge à 1508 Euro und vier Rückflüsse à 1178 Euro heraus. Die Zahlungen verleiten zur Addition der Werte. Die Summe von 28.840 Euro kann zu der Annahme führen, der „Gewinn“ von 8840 Euro betrage im Schnitt jährlich 442 Euro, was eine Rendite von 2,21 Prozent pro Jahr zur Folge habe. Das ist aber nicht richtig. Die tatsächliche Verzinsung beträgt, wie in der dritten Tabelle zum Ausdruck kommt, fast 4 Prozent pro Jahr. Dahinter steckt die alte Zinsrechnung wie auf dem Sparbuch. Der Anleger überweist am Anfang einmalig 20.000 Euro, bekommt in der Folge jährliche Beträge zwischen 1508 und 1178 Euro zurück, und nach 20 Jahren wird das Buch geschlossen.

          Die jährliche Verzinsung von 3,92 Prozent ist weder gut noch schlecht. Sie ist das mathematische Ergebnis des Zahlungsstroms. Das gilt auch für die 5,98 oder die 7,37 Prozent, wenn der Anleger auf der Meinung besteht, das Windrad habe nach 20 Jahren noch einen Restwert von 50 oder 100 Prozent der Anfangssumme. Wer die Ansicht vertritt, dass ein Auto, ein Flugzeug, eine Lokomotive oder ein Schiff nach 20 Jahren mehr als Schrott wert ist, wird von dieser Meinung nicht abzubringen sein. Nun wird es freilich spannend.

          Der Anleger hat das Geld nicht im Sack, wie es im Schwäbischen heißt. Folglich muss er sich das Geld bei anderen Menschen leihen. Das hat Prokon in Form von Genussrechten getan. Sie sind nichts anderes als Kredite. Sie haben im Idealfall eine Laufzeit, die genauso lang ist wie der Zweck, für den sie verwendet werden. Entscheidend sind zwei Fragen: Wie hoch ist die jährliche Verzinsung, und wie sieht es mit der Rückzahlung am Ende der Laufzeit aus? Die erste Frage hat Prokon mit einer Grundverzinsung von 6 Prozent beantwortet. In guten Jahren hat das Unternehmen einen Schnaps von 2 Prozent dazugegeben, so dass die Anleger jährlich 8 Prozent erhalten haben. Und wie sieht es mit der Rückzahlung aus?

          Die Luft wird dünn

          Bei dieser Frage werden die 75.000 Anleger mit hoher Wahrscheinlichkeit von der „Selbstverständlichkeit“ ausgehen, dass die Einlage in voller Höhe zurückgezahlt wird. Wenn diese Annahme „richtig“ ist, wird unter dem Strich ein Zahlungsplan wie in Tabelle 5 herauskommen. Der Anleger stellt 20.000 Euro zur Verfügung. Dafür erhält er 19 Erträge von jeweils 884 Euro und nach 20 Jahren einen Rückfluss von 20.884 Euro. Das ergibt nach den anerkannten Regeln der Finanzmathematik eine Verzinsung von 4,42 Prozent pro Jahr, wie ein Blick in Tabelle 6 verrät.

          Nun wird die Luft, um es vorsichtig auszudrücken, dünn bis sehr dünn. Die Gründe werden deutlich, wenn die letzten Spalten der zweiten und der vierten Tabelle nebeneinandergelegt werden. Die anfänglichen 20.000 Euro heben sich auf. Das ist in Ordnung. In den folgenden Jahren sind die Erträge der Windräder höher als die Kosten der Genussrechte. Das ist gut so, weil Prokon von „irgendetwas“ leben muss. Das dicke Ende kommt freilich am Ende, und dieses Ende ist nun wohl schneller gekommen als erwartet. Am Schluss der Veranstaltung sitzt der Initiator auf einem Haufen „schrottiger“ Windräder, doch die Anleger wollen ihr Geld zurück. Was soll man dazu sagen, außer der Feststellung, dass das wohl nicht gutgehen kann?

          Der Herzinfarkt von Prokon beruht auf der Tatsache, dass die Genussrechte nach einer Mindestlaufzeit von sechs Monaten jeweils zum Monatsende kündbar waren. Davon haben in den letzten Wochen mehr Anleger als erwartet Gebrauch gemacht, so dass das Unternehmen – auf gut Deutsch gesagt – wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Rund 227 Millionen Euro haben sie laut Prokon-Angaben von Ende vergangener Woche zurückgefordert. Nun hauen sich die Anleger, Juristen und das Unternehmen die Köpfe ein, und was bei diesem Hauen und Stechen herauskommen wird, steht in den Sternen.

          Anleger wird nicht leer ausgehen

          Der mit Abstand heikelste Punkt ist der Renditeabstand zwischen den Windrädern und den Genussrechten. Das wird beim Vergleich der Tabellen 3 und 6 deutlich. Mit welchem Wert hat Prokon gerechnet, auf welchen Wert haben die Anleger gehofft? Das Unternehmen hat mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Endwert von null Euro beziehungsweise eine Rendite von 3,9 Prozent unterstellt. Sonst müsste sich der Initiator vorwerfen lassen, von Anfang an mit gezinkten Karten gespielt zu haben. Bei einem Restwert von 50 Prozent käme eine Rendite von 6 Prozent heraus. Das würde eine Marge von 1,6 Prozent bedeuten, weil die Kosten der Finanzierung, vollständige Rückzahlung der Genussscheine unterstellt, laut Tabelle 6 bei 4,4 Prozent liegen.

          Umgekehrt müssen sich die Anleger fragen, was sie sich bei diesem Geschäft gedacht haben. Dachten sie in erster Linie an ihr Gewissen, folgten sie der Aufforderung, dass es Zeit ist, etwas zu verändern, wie Prokon in der Werbung suggeriert hatte? Hatten sie die Verzinsung von „mindestens“ 6 Prozent im Visier? Oder verloren sie vielleicht aus dem Auge, dass die Laufzeiten von Anlage und Kredit, in diesem Fall die Laufzeiten des „langen“ Windrades und des „kurzen“ Genussscheins, eine „handwerklich fehlerhafte Kombination“ sind, wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz meint?

          Die einzelnen Fragen werden, dazu ist keine übersinnliche Hellseherei notwendig, zu langwierigen Auseinandersetzungen führen, und die Geschichte wird zu gegebener Zeit mit einem „Kompromiss“ enden. Die Anleger werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht leer ausgehen. Erstens hat sich Prokon zu 95 Prozent mit Hilfe von Genussrechten finanziert, so dass die Zahl der „vorrangigen“ Gläubiger klein ist, und zweitens sind die jungen Windparks noch Geld wert. Folglich können die Privatleute hoffen, mit einem tiefblauen Auge und der bitteren Erfahrung aus der Sache herauszukommen, dass auch grüne Geldanlagen schwarze Seiten haben.

          Die meisten Windräder mögen auf einem Fundament auf Beton stehen. In wirtschaftlicher Hinsicht sind sie aber auf Sand gebaut, weil die Erträge staatliche Subventionen sind. Was solche staatliche Versprechen wert sind, sollten Privatleute am sozialen Wohnungsbau in Berlin begutachten. Dort sind vor der Wende ganze Heerscharen gutbetuchter Anleger mit Hilfe von Fördermitteln geködert worden, preiswerten Wohnraum zu errichten. Das Land hat die Subventionen vor Jahren mangels Masse gestrichen, und der Bund fühlt sich für die Sünden an der Spree nicht verantwortlich. Nun hocken Tausende privater Anleger auf billigen Mietskasernen, die kein Mensch kaufen will.

          Das Schicksal droht auch Menschen, die aus tiefster Überzeugung in Solardächer und Windparks investieren. Die Idee ist wirklich gut, doch die Umsetzung ist miserabel, weil die Finanzierung auf erbarmungsloser Umverteilung aufbaut, und diese Konstruktion ist zum Scheitern verurteilt. Den Anlegern von Prokon ist zu wünschen, dass sich die Masse der Windparks zu einem anständigen Preis verkaufen lässt, und künftige Investoren sollten die Sache am besten mit Hilfe von Bargeld bezahlen. Das schärft den Blick für die Realität und bewahrt vor den schlimmsten Reinfällen.

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