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Die Vermögensfrage : Das explosive Gemisch von Prokon

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Verzinsung weder gut noch schlecht

Die Beteiligung ist in ihrem Verlauf, wenn der Endwert auf null Euro sinkt, mit einem Entnahmeplan vergleichbar. Der Anleger steckt in die Büchse oben 20.000 Euro hinein, und unten kommen 16 Erträge à 1508 Euro und vier Rückflüsse à 1178 Euro heraus. Die Zahlungen verleiten zur Addition der Werte. Die Summe von 28.840 Euro kann zu der Annahme führen, der „Gewinn“ von 8840 Euro betrage im Schnitt jährlich 442 Euro, was eine Rendite von 2,21 Prozent pro Jahr zur Folge habe. Das ist aber nicht richtig. Die tatsächliche Verzinsung beträgt, wie in der dritten Tabelle zum Ausdruck kommt, fast 4 Prozent pro Jahr. Dahinter steckt die alte Zinsrechnung wie auf dem Sparbuch. Der Anleger überweist am Anfang einmalig 20.000 Euro, bekommt in der Folge jährliche Beträge zwischen 1508 und 1178 Euro zurück, und nach 20 Jahren wird das Buch geschlossen.

Die jährliche Verzinsung von 3,92 Prozent ist weder gut noch schlecht. Sie ist das mathematische Ergebnis des Zahlungsstroms. Das gilt auch für die 5,98 oder die 7,37 Prozent, wenn der Anleger auf der Meinung besteht, das Windrad habe nach 20 Jahren noch einen Restwert von 50 oder 100 Prozent der Anfangssumme. Wer die Ansicht vertritt, dass ein Auto, ein Flugzeug, eine Lokomotive oder ein Schiff nach 20 Jahren mehr als Schrott wert ist, wird von dieser Meinung nicht abzubringen sein. Nun wird es freilich spannend.

Der Anleger hat das Geld nicht im Sack, wie es im Schwäbischen heißt. Folglich muss er sich das Geld bei anderen Menschen leihen. Das hat Prokon in Form von Genussrechten getan. Sie sind nichts anderes als Kredite. Sie haben im Idealfall eine Laufzeit, die genauso lang ist wie der Zweck, für den sie verwendet werden. Entscheidend sind zwei Fragen: Wie hoch ist die jährliche Verzinsung, und wie sieht es mit der Rückzahlung am Ende der Laufzeit aus? Die erste Frage hat Prokon mit einer Grundverzinsung von 6 Prozent beantwortet. In guten Jahren hat das Unternehmen einen Schnaps von 2 Prozent dazugegeben, so dass die Anleger jährlich 8 Prozent erhalten haben. Und wie sieht es mit der Rückzahlung aus?

Die Luft wird dünn

Bei dieser Frage werden die 75.000 Anleger mit hoher Wahrscheinlichkeit von der „Selbstverständlichkeit“ ausgehen, dass die Einlage in voller Höhe zurückgezahlt wird. Wenn diese Annahme „richtig“ ist, wird unter dem Strich ein Zahlungsplan wie in Tabelle 5 herauskommen. Der Anleger stellt 20.000 Euro zur Verfügung. Dafür erhält er 19 Erträge von jeweils 884 Euro und nach 20 Jahren einen Rückfluss von 20.884 Euro. Das ergibt nach den anerkannten Regeln der Finanzmathematik eine Verzinsung von 4,42 Prozent pro Jahr, wie ein Blick in Tabelle 6 verrät.

Nun wird die Luft, um es vorsichtig auszudrücken, dünn bis sehr dünn. Die Gründe werden deutlich, wenn die letzten Spalten der zweiten und der vierten Tabelle nebeneinandergelegt werden. Die anfänglichen 20.000 Euro heben sich auf. Das ist in Ordnung. In den folgenden Jahren sind die Erträge der Windräder höher als die Kosten der Genussrechte. Das ist gut so, weil Prokon von „irgendetwas“ leben muss. Das dicke Ende kommt freilich am Ende, und dieses Ende ist nun wohl schneller gekommen als erwartet. Am Schluss der Veranstaltung sitzt der Initiator auf einem Haufen „schrottiger“ Windräder, doch die Anleger wollen ihr Geld zurück. Was soll man dazu sagen, außer der Feststellung, dass das wohl nicht gutgehen kann?

Der Herzinfarkt von Prokon beruht auf der Tatsache, dass die Genussrechte nach einer Mindestlaufzeit von sechs Monaten jeweils zum Monatsende kündbar waren. Davon haben in den letzten Wochen mehr Anleger als erwartet Gebrauch gemacht, so dass das Unternehmen – auf gut Deutsch gesagt – wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Rund 227 Millionen Euro haben sie laut Prokon-Angaben von Ende vergangener Woche zurückgefordert. Nun hauen sich die Anleger, Juristen und das Unternehmen die Köpfe ein, und was bei diesem Hauen und Stechen herauskommen wird, steht in den Sternen.

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