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Die Vermögensfrage : Das Eigenheim als Geldanlage

Die Schulden sollten bis Anfang 50 vom Tisch sein

Die Freude über die hohen Renditen sollte freilich nicht den Blick auf die Risiken der Anlage trüben. Wer sich in der dritten Tabelle die Belastungen unter die Lupe nimmt, welche durch die Kosten und den Kredit entstehen, wird schnell erkennen, dass es sich im Schnitt um 2383 Euro handelt, die 240 Monate lang gestemmt werden müssen, um in diesem Haus leben zu dürfen. Dafür sind über den Daumen gepeilt brutto 10.000 Euro notwendig, so dass klar wird: So normal das Haus sein mag, so klein ist der Kreis der Menschen, die sich diesen Luxus leisten kann. In der Regel wird es sich um Doppelverdiener handeln, und da gilt die alte Bauernregel: Liebe vergeht, Hektar besteht. Heute geht in Städten jede zweite Ehe in die Binsen, so dass Eigenheime keine risikolosen Geldanlagen sind, wie Banken und Bausparkassen behaupten.

Die düsteren Perspektiven sollten Ehepaare nicht vom Eigenheim abhalten. Nur sollte die Kirche im Dorf stehen bleiben. Das heißt erstens, dass die Schulden nach Möglichkeiten bis Anfang 50 vom Tisch sein sollten, und das bedeutet zweitens, dass die Kreditrate höchstens ein Viertel des Bruttoeinkommens betragen sollte. Die beiden Hin-weise mögen in vielen Haushalten für gewisse Ernüchterung sorgen, doch was nicht passt, kann bei Eigenheimen und Hypotheken nicht passend gemacht wer-den. Das Eigenheim gilt vielen Bürgern, wie in der Umfrage des DSGV zum Ausdruck gekommen ist, als ideale Anlageform für den Vermögensaufbau. Es darf aber, und dieser Punkt ist von größter Wichtigkeit, nicht die einzige Anlageform sein. Die Menschen brauchen im Alter neben dem Dach über dem Kopf und der gesetzlichen Rente zusätzlich Geld, um anständig über die Runden zu kommen. Für den Aufbau des freien Vermögens ist aber Zeit notwendig, und aus diesem Grund kann die Rückzahlung der Schulden nicht beliebig in die Länge gezogen werden.

Für ein Kind müssen Paare 1000 Euro monatlich einplanen

Die zügige Tilgung ist auch aus anderen Gründen das Gebot der Stunde. Die meisten Mieter wünschen sich nicht nur Eigenheime, sondern auch Kinder. Das ist ohne Zweifel erfreulich, doch das Vergnügen hat seinen Preis. Nun liegt es in der Natur, dass sich junge Paare, die heute Mitte 30 sind, wenig Gedanken machen, wie viel Kinder in 20 Jahren kosten. Es handelt sich, grob gesagt, um 1000 Euro pro Monat, so dass die Tilgung der Hypothek in 20 Jahren nahtlos in die Finanzierung der Kinderausbildung übergeht. Folglich muss in vielen Haushalten der Aufbau des freien Vermögens weiter auf die lange Bank geschoben werden.

Die meisten Ehepaare sind, wenn zu gegebener Zeit nicht ordentlich geerbt wird, bis Ende 50 damit beschäftigt, im weitesten Sinne des Wortes irgendwelche Schulden zu tilgen. Das ist kein Anlass zum Jubel, so dass es in hohem Maße darauf ankommt, die Dinge nicht zu übertreiben, und das heißt in Zahlen, dass ein Viertel des Bruttoeinkommens und eine Zahlungsdauer von 20 Jahren unverrückbare Grenzen sein sollten. Wer also nur 6000 Euro im Monat verdient, sollte höchstens 1500 Euro für Zins und Tilgung aufwenden, und das erlaubt einen Kredit von 245.000 Euro. Liegen auf der hohen Kante noch 60.000 Euro, darf das Eigenheim wegen der Nebenkosten höchstens 280.000 Euro kosten. Bei diesen Preisen ist die Flucht aufs Land notwendig. Dort mag die Luft in der Regel besser sein, doch in finanzieller Hinsicht wird sie auf alle Fälle dünn. Auf der einen Seite wird das Budget durch Zweitautos strapaziert, und auf der anderen Seite sinkt auf dem Land die Werthaltigkeit von Eigenheimen, so dass Kritiker und Spötter nicht Unrecht haben: Ehepartner, Häuser und Kinder sind Investitionen mit interessanten Perspektiven!

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