https://www.faz.net/-hbv-6v74d

Die Vermögensfrage : Altersvorsorge zwischen Traum und Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Bild: Kai

Für den eigenen Lebensabend vorzusorgen, ist eine echte Herausforderung. Manche Modelle verlangen nach Mut und Zuversicht.

          6 Min.

          Geld im Alter ist zuweilen mehr Last als Lust. Wenn auf den Konten hohe Guthaben liegen, die zur Finanzierung des Ruhestandes nötig sind, haben zahlreiche Menschen mit der einfachen Gestaltung ihres Vermögens gewaltige Probleme. Das beginnt bei dem Druck, das Geld "ordentlich" anzulegen und hört bei der Frage auf, in welche Produkte es gesteckt werden soll. Hier stehen Frauen und Männer im Grunde vor denselben Schwierigkeiten, doch ihr Verhalten unterscheidet sich voneinander.

          Männer stehen auf dem Standpunkt, beim Geld alles im Griff zu haben, doch das ist ein Märchen. Da sind Frauen in der Regel ehrlicher. In vertrauter Runde geben sie ohne große Umschweife zu, dass ihnen der Umgang mit Geld zusetzt. Da ist es kein Wunder, dass Banken auch in Zukunft die großen Gewinner bleiben werden. Ihnen bläst zwar seit Jahren heftiger Wind ins Gesicht. Doch bleibt, wenn es um Geld geht, nicht nur die Sparkasse im Besonderen, sondern auch die Bank im Allgemeinen erste Wahl. Das ist aber mit Gefahren für das Privatvermögen verbunden.

          Vermögen kann wie Schnee in der Sonne schmelzen

          Eine alleinstehende Ärztin zum Beispiel, 60 Jahre alt, hat in den vergangenen Monaten ihre Praxis verkauft. Außerdem sind Lebensversicherungen fällig geworden, und das Versorgungswerk hat, was in dieser Zunft selten geworden ist, die Altersrente in einem Betrag ausgezahlt. Hinzu kommen Bargeld und Wertpapiere, so dass etwa 1,5 Millionen Euro auf den Konten liegen. Das mag auf den ersten Blick viel Geld sein, beim zweiten Blick aber wird das Vermögen wie Schnee in der Sonne schmelzen.

          Die Ärztin ist gesund und hat die feste Absicht, mindestens 90 Jahre alt zu werden. Trotz ihrer Lebensfreude ist die Dame auf Sicherheit bedacht und will mit ihren anderthalb Millionen Euro nach Möglichkeit kein Risiko eingehen. Außerdem rechnet sie in den nächsten Jahren mit einer jährlichen Inflation von mindestens 3 Prozent. Das sind heikle Bedingungen, und wer ein bisschen Gefühl für Zeit und Zinsen hat, erahnt die Folgen.

          Geldanlage bedeutet zur Zeit, dass beim Zinssatz nach Steuern vielleicht 3 Prozent herausspringen. Wird eine Geldentwertung in gleicher Höhe angesetzt, strebt die Verzinsung gegen null Prozent. Letztlich müssen die 1,5 Millionen Euro nun durch die gewünschte Restlaufzeit der ehemaligen Ärztin geteilt werden. Bei 30 Jahren kommen 4200 Euro im Monat heraus, so dass die erste Aufgabe gelöst zu sein scheint. Davon ist die Ärztin aber weit entfernt. Sie träumt davon, jeden Monat wenigstens 5000 Euro ausgeben zu können. Das führt zu heftigen Risiken und Nebenwirkungen. Im Augenblick ist ein Anlagezins von 3 Prozent nach Steuern mit sicheren Anlagen nicht erzielbar. Mit viel Glück kommen die Investoren auf 2,5 Prozent vor Steuern. Davon bleiben nach Abzug der Abgeltungsteuer etwa 1,8 Prozent übrig. Folglich ist die Wunschrente bei einer Inflation trotz des Kapitalverzehrs nicht darstellbar. Sie beträgt lediglich 3500 Euro pro Monat.

          Die Rentenlücke regt die Phantasie an

          Die Rentenlücke zwischen 5000 und 3500 Euro regt die Phantasie an. Die erste Lösung ist die "Erhöhung" des Zinses. Bei einer Rente von 5000 Euro, die 360 Monate bezahlt und jedes Jahr um 3 Prozent erhöht wird, ist nach Kosten und vor Steuern ein Anlagezins von 5,7 Prozent notwendig. Das ist mit einem Depot, das aus Anleihen, Immobilien und Aktien besteht, nicht zu erzielen. Hier sind mit viel Mut vielleicht 4 Prozent zu erreichen. Dieser Satz führt zu einer "Abrundung" des Restlebens, wenn die Ärztin um keinen Preis auf ihre monatliche Rente von 5000 Euro verzichten will. Mehr als 25 Jahre sind bei dieser Vorgabe nicht finanzierbar, so dass die Dame, sollte sie im Alter von 85 Jahren weiter gesund und munter sein, eben ihr Haus "verfuttern" muss.

          Die meisten Verkäufer in Banken und Versicherungen haben nicht den Mut, ihren Gesprächspartnern reinen Wein einzuschenken. Umgekehrt sind viele Privatleute nicht in der Lage, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Daher enden viele Geldanlagen mit faulen Kompromissen. Hier eine Rentenversicherung für die Grundversorgung, da ein Aktienfonds für die Rendite, dort eine Beteiligung an einem Solarstrompark und Windkraftwerk für die grüne Seele: Bei einem Anlagevolumen von 1,5 Millionen Euro läuft jedem Vermittler das Wasser im Mund zusammen, weil er mit Provisionen von 60.000 Euro rechnen kann, wenn er sich nicht fürchterlich dumm anstellt.

          Die Zahlen mahnen zu Besonnenheit. Das kostet zwar Geduld und Kraft, doch wer glaubt, dass Geld keine Arbeit mache, ist auf dem Holzweg. Irgendwann sind Nägel mit Köpfen notwendig. Das heißt im vorliegenden Fall: um die Vermögensverwaltung der Banken einen ganz großen Bogen machen. Ansonsten wird es bedenklich.

          In der Bankenwelt kostet die Verwaltung des Geldes je nach Vertragsform zwischen 1 und 2 Prozent im Jahr. Davon merken die Anleger in der Regel nicht viel, weil die Gebühren per Lastschrift abgebucht werden. Wenn die Anlagen wegen der Verwaltung statt 3 nur noch 1 Prozent abwerfen, geht die monatliche Rente um bis zu 800 Euro zurück.

          Der Schwund ist unnötig wie ein Kropf, weil jeder Anleger mit gesundem Menschenverstand in der Lage ist, eine Summe von 1,5 Millionen Euro selbst zu plazieren. Denkbar sind drei Ansätze. Die besorgten Anleger packen 200.000 Euro auf ein Sparbuch und stecken 1,3 Millionen Euro in eine Leibrente. Wer etwas Mut hat, legt 100.000 Euro auf das Sparkonto und investiert je 700.000 Euro in Leibrenten und Aktienfonds. Und wer Nervenkitzel braucht, wird einen Kredit von 400.000 Euro aufnehmen und die 1,9 Millionen Euro auf vier Töpfe verteilen: 100 000 Euro in Festgeld und jeweils 600.000 Euro in Leibrenten, Immobilien und Aktienfonds.

          Bei der Auswahl des Tarifs kommt es auf Dynamik an

          Das erste Modell besteht wirklich nur aus zwei Töpfen. In den ersten Topf wird ein Betrag von 200.000 Euro gesteckt, in den zweiten Topf werden die übrigen 1,2 Millionen Euro investiert. Die Anlegerin weiß, dass auf dem Sparbuch genügend Geld liegt, um sich ein neues Auto kaufen, das Eigenheim renovieren oder eine Weltreise machen zu können. Das tägliche Leben wird mit Hilfe der Leibrente finanziert.

          Bei der Auswahl des richtigen Tarifs kommt es auf die Dynamik und die Garantiezeit an. Wer die Sorge hat, dass die Kaufkraft der Rente in den kommenden Jahren sinkt, ist gut beraten, auf eine konstante Rente zu verzichten. Hier bietet sich an, Policen zu wählen, bei denen die Rente jedes Jahr um 2 bis 3 Prozent erhöht wird, um die Inflation zu bekämpfen. Dies heißt in Zahlen, dass bei einem Anlagezins und einer Dynamik von jeweils 3 Prozent mit einer lebenslangen Rente von 3700 Euro gerechnet werden kann.

          Die Renten werden mit einem Ertragsanteil von 22 Prozent besteuert. Rund ein Fünftel der jährlichen Bezüge unterliegt wie Einkommen, Mieten und Pensionen nicht der Abgeltungsteuer, sondern der Einkommensteuer. Die Anlegerin wird bei diesem Modell keine weiteren Einnahmen haben, so dass die Renten in den ersten Jahren steuerfrei sind. In den folgenden Jahren schlägt aber die kalte Progression zu. Die Rente wird jedes Jahr um 3 Prozent erhöht. Folglich überschreiten die Steuern ab dem zehnten Jahr die Tausend-Euro-Grenze, so dass die Ärztin zweimal zur Ader gelassen wird: hier die Inflation, dort die Steuer.

          Aktienanleger hoffen auf höhere Renditen

          Dagegen kann sich die Anlegerin nicht wehren. Einfluss hat sie aber auf die Garantiezeit der Rente. Sie kann bestimmen, wie lange die Rente nach ihrem Tod an andere Menschen weiter bezahlt wird. Im vorliegenden Fall bietet sich an, auf jede Garantie zu verzichten, weil die Ärztin alleinstehend ist. Dadurch fällt die Rente höher aus als bei Verträgen mit einer Garantiezeit von 15 oder 20 Jahren.

          Die zweite Lösung baut auf dem ersten Modell auf. Nur verschieben sich die Zahlen. Das Sparschwein wird mit 100.000 Euro gefüttert, und in die Versicherung werden 700.000 Euro einbezahlt. Dadurch sinkt die Rente auf 2000 Euro im Monat. Die Differenz zu den 3700 Euro des ersten Modells holt sich die Dame aus dem Aktientopf. Er wird mit 700.000 Euro gefüllt und jedes Jahr werden daraus 20.000 Euro für den Konsum entnommen.

          Die Anlage in Aktien ist mit der Hoffnung auf höhere Rendite verknüpft. Das mag sich in Zeiten, in denen die Aktienkurse wie Fieberkurven verlaufen, wie ein schlechter Witz anhören, aber das ändert nichts an der Hoffnung auf höhere Erträge. Um die 700.000 Euro trotz der jährlichen Entnahme von 20.000 Euro nicht angreifen zu müssen, wäre vor Steuern eine Verzinsung von 5,6 Prozent notwendig. Bei vollständigem Verzehr der 700.000 Euro sind 2,5 Prozent notwendig. Die Bandbreite zeigt zwei Dinge: Auf der einen Seite sind die Vorgaben nicht utopisch. Eine Verzinsung von 4 Prozent pro Jahr wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten. Der Wert ist auf der anderen Seite aber so eng und knapp, dass für Gebühren und Kosten wenig Spielraum vorhanden ist.

          Ausgabeaufschläge von einmalig 5 Prozent und Verwaltungskosten von jährlich 2 Prozent sind im Augenblick unmöglich. Die Abgaben belasten das Vermögen so stark, dass für den Anleger nicht viel übrig bleibt. Die meisten Verwalter schaffen es über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren nicht, die Kapitalmärkte zu schlagen. Und wenn sich die Anleger damit abfinden können, dass es so ist, dann gelten vier Gebote: Kauf börsengehandelter Indexfonds, Hände weg von ständiger Umschichtung der Anlagen, Entnahme von jährlich 20.000 Euro und das Leben in vollen Zügen genießen!

          Die Umsetzung erfordert Mut und Zuversicht

          Darauf baut auch das dritte Modell auf. Die Umsetzung erfordert aber Mut und Zuversicht. Hier wird ein Kredit von 400.000 Euro aufgenommen, so dass die Anlegerin insgesamt 1,9 Millionen Euro in der Kasse hat. Von diesem Betrag werden wiederum 100.000 Euro auf ein Sparbuch oder Tagesgeldkonto gepackt, um gegen allfällige Umtriebe gewappnet zu sein, wie der Schweizer sagt. Die restlichen 1,8 Millionen Euro werden zu gleichen Teilen auf Anleihen, Immobilien und Aktien verteilt. Hinter den Anleihen steckt die Leibrente, und bei den Aktien kommen wieder Indexfonds in Frage. Die Versicherung wird eine Rente von 1600 Euro abwerfen. Die Differenz von 2100 Euro können die Aktien abwerfen, falls sie sich mit 4,5 Prozent pro Jahr rentieren. Neu sind die Immobilie und der Kredit, mit denen die Lücke zwischen der Wunschrente (5000 Euro) und der Realrente (3700 Euro) verkleinert werden soll. Dafür sind gewisse Vorgaben einzuhalten.

          Der erste Eckpunkt sind die Preise der Immobilie. Sie darf höchstens 600.000 Euro kosten. Die jährlichen Nettoerträge müssen mindestens 30.000 Euro betragen und jedes Jahr um 1 bis 2 Prozent steigen. Die Gebäudesubstanz sollte im kommenden Jahrzehnt um maximal 20 Prozent fallen. Wenn diese Liegenschaft mit einem Kredit - das ist der zweite Eckpunkt - von 400.000 Euro verknüpft wird, der im Jahr höchstens 3,5 Prozent kostet und mit den Mieten der Immobilie bedient wird, entsteht ein interessantes Zinsdifferenzgeschäft. Die Anlegerin setzt 200.000 Euro ein und wird in zehn Jahren voraussichtlich 300.000 Euro auf dem Konto haben. Der Gewinn entspricht einer Rendite von 4,1 Prozent nach Steuern, und die 100.000 Euro lassen sich zu gegebener Zeit einfach auf den Kopf hauen. Natürlich können sie auch als Reserve für schlechte Zeiten gebunkert werden, doch die Zeiten sind schon heute lausig genug.

          Weitere Themen

          Nachfrage sinkt im Oktober

          ETF : Nachfrage sinkt im Oktober

          Die Mittelzuflüsse in ETF sind auch ein Indikator für die Marktstimmung. Demnach hat diese im Oktober nachgelassen. Asien war begehrt.

          Topmeldungen

          Vor der Bund-Länder-Schalte : Die Suche nach dem Weihnachtsfrieden

          Größtenteils unterstütze sie die Corona-Überlegungen der Länder, sagt die Kanzlerin vor den Gesprächen am Mittwoch. Der Bundespräsident warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft – und der Antisemitismusbeauftragte vor wachsendem Judenhass.
          Gute Bekannte: Joe Biden mit dem früheren amerikanischen Außenminister John Kerry, der Sonderbeauftragter für Klimaschutz werden soll

          Team aus alten Weggefährten : Das soll Bidens Kabinett werden

          Mehr Frauen, weniger schillernde Figuren – und ein deutliches Bekenntnis zum Klimaschutz: Joe Bidens künftiges Kabinett bildet einen deutlichen Kontrast zu dem seines Amtsvorgängers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.