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Die Vermögensfrage : Böses Erwachen mit alten Hausratversicherungen

  • -Aktualisiert am

Nicht genug, dass ein Einbruch für Schrecken sorgt: Oft kommt danach auch noch Ärger mit der Versicherung hinzu. Bild: Ullstein

Eine Hausratversicherung haben viele, die richtigen Versicherungssummen für Wertsachen nur die wenigsten. Dabei reicht oft ein Anruf, um das Vermögen richtig zu schützen.

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          Ein ganz kleines Grinsen konnte sich der Versicherungsvorstand, der lieber nicht namentlich genannt werden möchte, nicht verkneifen: „An der Hausratversicherung verdienen wir gut, an den alten Verträgen sogar ganz besonders.“ Für die Versicherten sitzt der Schuh andersherum: Ihre Hausratversicherung ist teuer, und bei alten Verträgen verlieren sie richtig viel Geld. Spätestens im Schadenfall. Denn dann merken viele Versicherte erst, dass sie beispielsweise mit ihren Wertsachen in Fallen getappt sind, die es in neuen Verträgen in dieser Form eigentlich nicht mehr gibt. Plötzlich greifen für die Erstattung Höchstgrenzen, die den tatsächlichen Werten nicht mehr entsprechen. Die böse Folge: Zum Ärger über den Schaden kommt der Verlust. Egal, wie viele Bilder oder Schmuck gestohlen wurden, der Versicherer ersetzt nur eher bescheidene Summen.

          Das Problem ist typisch für reife Haushalte. Im Laufe der Jahre haben sich bei Bildern, Schmuck, Uhren und anderen Pretiosen erhebliche Werte angesammelt und kein Mensch hat darauf geachtet, dass die spezielle Versicherungssumme für Wertsachen auch den Werten folgt. Die Welt schien heil: Die Versicherungssumme des gesamten Hausrats war in Ordnung, und die Versicherer haben sie auch regelmäßig erhöht. Aber aller bekundeten Kundenfreundlichkeit zum Trotz haben die Gesellschaften eher nicht daran gedacht, ihre Kunden ab und zu auch darauf aufmerksam zu machen, dass es inzwischen bessere Bedingungen gibt, in denen Wertsachen deutlich höher versichert sind als in alten Bedingungswerken – zum Beispiel mit 40 Prozent der großen Versicherungssumme für den gesamten Hausrat statt der früher ortsüblichen 20 Prozent.

          „Es ist der Schmuck. Die Leute leisten sich heute mehr“

          So ist der Ärger nach dem Einbruch oder dem Wohnungsbrand programmiert. Der Nachweis der gestohlenen Wertsachen ist schon mühsam, das Gezerre um ihre Werte beschäftigt bisweilen sogar die Gerichte, und am Ende fällt das Beil der Entschädigungsgrenze. Dann gibt es nur 20 Prozent der Gesamtsumme und eben nicht 40 Prozent. Dabei lassen sich derlei Enttäuschungen im Vorfeld schnell vermeiden. Einmal mit der Digitalkamera durch das Haus, macht den Nachweis des Vorhandenen leichter, ein Anruf beim Versicherer stellt den Versicherungsschutz auf die neuen und besseren Bedingungen um, ohne dass es gleich mehr Geld kosten muss. Und ein Ordner mit einer Liste der Wertsachen und vielen Rechnungen von Käufen, Reparaturen oder Teppichreinigern vermeidet das Gezerre um die Werte.

          Wie das Leben so zwischen Studium und Ruhestand spielt: Erst reicht es im Hausrat nur für Sperrmüll und Billigmöbel, später kommen mit dem Einkommen die Liebe zu Kunst und Antiquitäten oder der Schmuck für die Lieben dazu und mit dem Alter die goldene Uhr des Ahnen oder das Silber der Familie. Sieht alles nett aus, ziert Tische und Kommoden – und macht am Ende Ärger, wenn sich der Einbrecher bedient hat.

          Richard Jung (40) regelt im Hauptberuf seit gut einem Jahrzehnt für den Marktführer Allianz große Sachschäden im Raum Frankfurt. Er weiß, wie oft es nach einem Brand oder dem Besuch der Einbrecher ein böses Erwachen gibt: „In rund drei Viertel aller meiner Fälle gibt es ein Problem mit den Entschädigungsgrenzen.“ Irgendwie hätten die Versicherten beim Abschluss der Verträge wohl Schwierigkeiten, ihre Vermögenswerte vollständig preiszugeben. Und Jung weiß auch, um was es bei den Wertsachen in der Regel geht: „Es ist der Schmuck. Die Leute leisten sich heute mehr.“

          Entschädigungsgrenzen müssen angehoben werden

          Das böse Erwachen ist typisch: Die Versicherten beachten nicht, wie sich mit Anschaffungen und Erbe die Werte in Bewegung setzten und bleiben ungerührt auf ihren alten Verträgen sitzen. Selbst gestandenen Versicherungsvorständen passiert das. Bis zum Tag des Einbruchs oder des Feuers. Dann fliegt auf, dass sich die Schere zwischen ihren Wertsachen und den Entschädigungsgrenzen in den Policen weit geöffnet hat. Schlimmer noch: Es wird in diesem Moment auch klar, dass der Ärger vermeidbar gewesen wäre.

          Wo früher 20 Prozent der Versicherungssumme als Erstattungsgrenze für Wertsachen die Regel waren, liegen in moderneren Verträgen die Entschädigungsgrenzen meist zwischen 30 und 50 Prozent der Versicherungssumme. Der Unterschied addiert sich zum Beispiel bei einer Versicherungssumme von 100.000 Euro im Einzelfall schnell auf zusätzliche 10.000 bis 30.000 Euro. Die sind allerdings entscheidend. Richard Jung jedenfalls geht davon aus, dass „für Wertsachen im etwas gehobenen Bereich der Großstädte“ Entschädigungsgrenzen von 50.000 Euro ausreichen.

          Das klingt nach viel, kommt aber schnell zusammen, weil nach der Arithmetik der Versicherer sehr viel zu den Wertsachen zählt: Bargeld, Schmuck, Münzen, Briefmarken, Wertpapiere, Sparbücher, Pelze, handgeknüpfte Teppiche, Kunstobjekte, Antiquitäten und eigentlich alles, was aus Gold oder Platin ist. Möbel zählen nicht dazu, aber ein Blick auf die Wände, in die Schränke oder Schmuckdosen reicht in vielen Haushalten, um zu erkennen, dass die traditionellen 20 Prozent der überholten Bedingungen bei Versicherungssummen um 100.000 Euro hinten und vorne nicht mehr ausreichen. 50 Prozent sind einfach passender.

          Kundenfreundlicher, aber unübersichtlicher

          Das Problem klebt an den Versicherungsbedingungen. Die heißen in den ortsüblichen Abkürzungen VHB und tragen eine Ziffer, zum Beispiel 92. VHB 92 steht dann für Allgemeine Hausratversicherungsbedingungen des Jahres 1992, Musterbindungen des Verbandes der Sachversicherer. Das waren seinerzeit unverbindliche Empfehlungen, an die sich die Gesellschaften aber weitgehend hielten und in denen geregelt war, was wann wo und wie hoch versichert ist. Vieles war genehmigungspflichtig, die Versicherten konnten sich auf eine Art Einheitsbrei der Versicherungsbedingungen verlassen. Die Versicherungsaufsicht bürgte dafür.

          Mit der Liberalisierung der neunziger Jahre verabschiedete sich die Versicherungsaufsicht aus der Genehmigungspraxis der Bedingungen, und die theoretisch unverbindlichen Versicherungsbedingungen wurden tatsächlich unverbindlich. Die Gesellschaften strickten jetzt selbst. Zwar wurden die VHB mit jeder neuen Runde im Wettbewerb ein bisschen kundenfreundlicher, der Markt aber immer unübersichtlicher. Inzwischen blickt kaum noch jemand mehr durch, was bei wem wie hoch versichert ist.

          Nachweis des Schadens bleibt ein Problem

          Selbst die Stiftung Warentest hat vor dem Chaos bei den Versicherungsbedingungen kapituliert. In einer Titelgeschichte zur Hausratversicherung listete die Zeitschrift „Finanztest“ im April vergangenen Jahres zwar für mehr als 100 Gesellschaften akribisch auf, ob und wie bei einzelnen Anbietern heute Fahrräder, Wertsachen, Hotelkosten, Umzugskosten und einiges mehr versichert sind. Die Redaktion verzichtete aber auf die übliche Bewertung der Angebote mit Schulnoten. Kein sehr gut, kein mangelhaft – der Leser muss allein durch die Bleiwüste der seitenlangen Tabellen pflügen. Immerhin: Findet er seinen eigenen Versicherer, sieht er, was im Angebot der Gesellschaft inzwischen alles so geboten wird, und er kann seinen Vertrag auf den neuesten Stand bringen. Dazu reicht in der Regel ein Anruf bei der Gesellschaft mit der Bitte, den Vertrag auf die neuesten VHB umzustellen. Viel teurer wird der Versicherungsschutz dadurch meist nicht.

          Die neuen VHB schützen allerdings im Schadenfall auch nicht vor dem Ärger um den Nachweis des Schadens. Richard Jung kennt das Thema aus dem Effeff, es ist sein tägliches Geschäft. Wenn er nach dem Einbruch zu seinem Kunden kommt, sind die Dinge, die er ersetzen soll, weg. Oft spurlos. Dabei ist die Rechtslage eindeutig: Der Versicherte muss ihm nachweisen, was fehlt. Gleichzeitig ist der Versicherte aber auch sein Kunde, der just für diesen Schaden jahrelang mit der Prämie vorgesorgt hat.

          Besser einen Ordner mit Rechnungen anlegen

          Für Jung geht es deshalb zunächst um „Nachvollziehbarkeit und Plausibilität“. Die werden naturgemäß am besten mit handfesten Rechnungen über den Kauf hergestellt. Ihm reichen bei Schmuck und Uhren aber auch oft die Rechnungen über die Reparaturen oder bei Teppichen der Beleg der Reinigung. Gern auch mit einem Vermerk des Eigentümers über den Wert der Sachen. „Die Juweliere und die professionellen Teppichreiniger kennen sich da aus. Die kann man ja mal fragen, was das gute Stück so wert sei.“ Bei Luxusuhren sei das allerdings zu wenig. Da zählten für ihn die Zertifikate des Herstellers: „Es gibt zu viele Blender im Umlauf. Einige wirken schon täuschend echt. Da tun sich manchmal sogar Juweliere schwer. Wir brauchen Seriennummern.“

          Die in einschlägigen Ratgebern immer wieder empfohlenen Fotos von Wertsachen decken zwar im Regelfall den Existenznachweis ab, lassen aber nach Ansicht des Schadenregulierers bei den Werten nur Bandbreiten zu: „Denken Sie mal an Ringe oder Ketten: Man erkennt doch auf Fotos weder die Größe noch den Goldgehalt.“ Einmal mit der Digitalkamera an den Wänden entlang, quer durch den Haushalt bis in die Schmuckkästchen, das ist für Jung nur die halbe Miete. Besser seien plausible Aufzeichnungen, zum Beispiel Listen mit Hinweisen zu den Werten. „Darüber sollte man sich im Vorfeld Gedanken machen.“

          Für diese stille Stunde der Vorbereitung auf den Tag X hat Jung einen Rat: „Sie haben doch einen Ordner mit Rechnungen. Heften sie doch alles da rein. Ich habe noch nie erlebt, dass bei einem Einbruch ein Ordner geklaut wurde.“

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