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Die Vermögensfrage : Wegfall der Zinsen bringt viele Anleger um den Schlaf

  • -Aktualisiert am

Im Alter kann das Vermögen verzehrt werden, das man in jüngeren Jahren angesammelt hat. Bild: plainpicture/fStop

Geldanlagen können zum Fluch werden, wenn die Besitzer auf regelmäßige und sichere Erträge angewiesen sind. Das Vermögen von Privatleuten wirft kaum noch Zinsen ab und attraktive Alternativen halten sich in Grenzen.

          Der praktische Wegfall der Zinsen für sichere Geldanlagen wie Anleihen, Festgeld oder Sparbuch hat unterschiedlichste Auswirkungen. Wer gar nicht in der Lage ist, auf lange Sicht viel Geld anzulegen, sondern seine Ersparnisse immer wieder auflösen muss, um finanziell über die Runden zu kommen, braucht sich über Zins und Zinseszins kaum Gedanken zu machen. Er ist auf kurz- bis mittelfristige Spar- und Rentenpläne angewiesen, bei denen gar keine Chance besteht, dass der Zinsturbo anspringt, weil die Laufzeiten viel zu kurz sind. Hier kommt es in besonderem Maße auf die Sicherheit des Geldes an. Ganz anders sieht die Sache aber bei allen Privatleuten aus, die Geld besitzen und auf dessen Erträge angewiesen sind. Witwen, Erben, Rentner und Stifter zum Beispiel sind, so makaber das klingt, reich und arm zugleich. Sie besitzen zum Teil viel Geld, doch dieses Kapital wirft kaum noch Zinsen ab, so dass die meisten Anleger gezwungen sind, ihr Vermögen im wahrsten Sinne des Wortes aufzuessen. Das schmeckt vielen Leuten natürlich überhaupt nicht, doch die Alternativen halten sich in engen Grenzen. Das wird in folgenden Beispielen deutlich.

          Die stärksten Auswirkungen haben die Magerzinsen auf das Kapital von Witwen und Witwern. Wer beispielsweise 50 Jahre alt ist, zur Miete wohnt, nicht arbeitet oder krank ist und nach dem Tod des Partners einmalig 500.000 Euro erhält, hat „echte“ Probleme. Früher steckten solche Leute ihr Geld in mündelsichere Pfandbriefe und „freuten“ sich über Zinsen von 5 oder 6 Prozent, weil bei diesem Vermögen monatliche Einkünfte von 2.083 bis 2.500 Euro aufs Konto kamen. Heute stecken Anleger, die auf Erträge angewiesen sind, in der Zwickmühle. Die klassischen Zinsanlagen werfen kaum Erträge mehr ab. Immobilien sind mit Vorsicht zu genießen, weil sie in vielen Fällen überteuert sind und auf Dauer nicht verrentet werden können. Und die Aktien sind ein Thema für sich, weil es an der Börse bergauf und bergab geht, was sich auf die Psyche von Leuten, die auf Sicherheit bedacht sind, nicht gerade positiv auswirkt. Was sollen Witwen und Witwer in dieser Situation machen?

          Anleger sollten mit Argusaugen auf Gebühren achten

          Die Antwort ist einfach und für die meisten Anleger doch harte Kost. Die Leute sollten sich nicht über die fehlenden Zinsen ärgern, sondern über das „viele“ Geld freuen. Es sollte nach Möglichkeit nicht in einzelne Anlagen wie Rentenversicherungen oder Immobilien, sondern in ein breites Portfolio angelegt werden, um die Risiken zu minimieren. Und die Anleger sollten mit Argusaugen auf die Gebühren achten, weil die Kosten der einzige Punkt sind, welche die Investoren beeinflussen können. Bei einem Betrag von 500.000 Euro bietet sich an, zehn Prozent in Termingeld und jeweils 150.000 Euro in Anleihen, Immobilien und Aktien zu stecken. Das einfache Konzept ist mit Hilfe von Direktbanken und Indexfonds gut und schnell umzusetzen, und die Erträge werden, egal wie hoch sie sind, in jedem Topf angesammelt. Das Depot wird einmal pro Jahr überprüft und auf Vordermann gebracht, und bei dieser Gelegenheit heben sich die Anleger aus jedem Topf stur 500 Euro ab.

          Hinter dieser Kalkulation stecken vier Annahmen. Der Anleger lebt noch 40 Jahre, wird also 90 Jahre alt. Das Kapital wird im Laufe der vier Jahrzehnte verbraucht. Die breite Streuung wirft allen Unkenrufen zum Trotz jährlich 3 Prozent ab. Die Abgeltungsteuer beträgt 26,375 Prozent. Und was geschieht mit dem Geld, wenn die Kaufkraft jedes Jahr um 2 Prozent sinkt? Und was passiert, wenn der Anleger, obwohl nicht vorgesehen, doch 95 Jahre alt wird? Dann ist das eben so! Die Menschen im allgemeinen und die Deutschen im besonderen haben den Hang, sich ständig Sorgen um ihr Geld zu machen, doch Angst und Vorsicht sind, wie jeder Hausarzt weiß, die beste Vorsorge, nicht besonders alt zu werden. Wer sich jeden Tag über Geld und Zinsen aufregt, hat allerbeste Aussichten, mit 75 Jahren aus dem Leben zu scheiden und den Erben ein ordentliches Restvermögen zu hinterlassen.

          Deutschland gilt als Land der Erben. Jährlich werden Milliarden vererbt, und es wäre interessant zu wissen, was die Leute mit diesem Geld anstellen. Was macht zum Beispiel ein 60 Jahre alter Mann, der im eigenen, aber noch nicht schuldenfreien Haus lebt und in fünf Jahren eine Monatsrente von 1.500 Euro beziehen wird, mit 250.000 Euro? Oder was sollte der Erbe mit diesem Geld unternehmen? Die erste Amtshandlung als Erbe sollte die Klärung der Frage sein, wie es mit der Erbschaftsteuer aussieht. Das ist zwar ärgerlich, doch von gewissem Nutzen, weil sich Ärger mit dem Fiskus auf lange Sicht nicht auszahlt. Dann sollte der Anleger die Schulden tilgen. Auch das ist nicht besonders sexy, wie der Berliner sagt, doch für 80.000 Euro, die jährlich 3,5 Prozent kosten, wird der Erbe zur Zeit keine Anlage finden, die nach Kosten, aber vor Steuern mindestens 4,75 Prozent abwirft. Dann sollte der Erbe prüfen, ob in naher Zukunft größere Ausgaben nötig sind, zum Beispiel für ein Auto oder das neue Hausdach. Da können schnell 20.000 Euro zusammenkommen, so dass das „echte“ Erbe auf 150.000 Euro schmilzt.

          Mut zum Gang an die Börse ist wichtig

          Die Anlage dieses Betrages wird zu ähnlichen Schmerzen wie bei Witwen und Waisen führen, doch bei Licht betrachtet sehen die Nöte anders aus. Der Mann lebt in einem schuldenfreien Haus, und wird in wenigen Jahren eine Rente von 1.500 Euro beziehen. Das müsste für gewisse Entspannung sorgen, weil ein schuldenfreies Dach über dem Kopf vorhanden ist und Schwarzbrot und Mineralwasser bezahlbar sind. Immobilien sollten in dieser Lebenslage kein Thema mehr sein, weil genug Beton vorhanden ist. Sonst gelten ähnliche Regeln wie im ersten Fall. Die Zinsen sind im Keller oder haben sich in Luft aufgelöst, Jammern und Schimpfen verkürzen das Leben, sinnvoller sind Anleihen und Aktien, das Geld sollte wegen der Risiken breit gestreut werden, und Gebühren sind der größten Feind des Erben.

          Denkbar ist in diesem Fall, die 150.000 Euro zu einem Drittel in Anleihen und zu zwei Dritteln in Aktien anzulegen. Bei den Anleihen kann der Erbe zwischen Indexfonds und Rentenversicherung wählen. Die börsengehandelten Investmentfonds werfen zur Zeit jährliche Erträge von 1 bis 1,5 Prozent ab. Das ist kaum der Rede wert, doch was nicht zu ändern ist, ist einfach nicht zu ändern. Bei der Versicherung wird dem 60 Jahre alten Mann für einen Anlagebetrag von 50.000 Euro eine lebenslange Zahlung von 170 bis 180 Euro in Aussicht gestellt, die jedes Jahr um 1 Prozent steigt. Das führt bei einer Lebenserwartung von 85 Jahren zu einer Rendite von 1,35 Prozent, so dass es Jacke wie Hose ist, wofür sich der Anleger entscheidet. Wichtig ist der Mut zum Gang an die Börse. Die Aktien dürften für diesen Mann die einzige Möglichkeit sein, in den nächsten 25 Jahren doch Erträge zu erwirtschaften und die Möglichkeit zu haben, das Kapital nach Belieben zu verzehren.

          Pensionäre und Ruheständler sollten sich im achten Lebensjahrzehnt keine Sorgen um ihr Geld machen, sondern jeden Tag genießen, den sie gesund und munter verbringen. Trotzdem treibt viele Senioren die Angst um, was in den nächsten Jahren passieren wird. So geht es zum Beispiel auch einem siebzigjährigen Anleger, bei dem vor einigen Monaten die letzte Lebensversicherung fällig geworden ist. Was soll mit den 100.000 Euro geschehen, die seit Wochen auf dem Tagesgeldkonto herumliegen? Das Haus ist bezahlt, die Rente beträgt 2.500 Euro, und in dem Depot der Hausbank liegen Aktien im Wert von 200.000 Euro. Hier ist guter Rat teuer, weil schlechter Rat ein Vermögen kostet. Der Mann sollte die bestehende Geldanlagen in Frieden ruhen lassen, die 100.000 Euro aufs Sparbuch legen und das Geld in den nächsten Jahren auf den Kopf hauen, solange das noch geht. Das ist zwar Menschen, die 1944 auf die Welt gekommen sind, nur schwer zu vermitteln, weil sie in Elternhäusern groß geworden sind, in denen Sparsamkeit das erste Gebot war, doch was soll die heutige Jagd nach Zinsen dem alten Herrn noch einbringen? Der Mann hat gearbeitet und gespart, so dass er sich in finanzieller Hinsicht nichts mehr beweisen muss. Folglich müssen die 100000 Euro keine Erträge mehr abwerfen. Die besseren Geschäfte sind Konsum, Erbschaft oder Stiftung.

          In reichen Häusern ist es seit Jahr und Tag guter Brauch, einen Teil des Vermögens für einen guten Zweck zu stiften. Davon profitieren viele Einrichtungen, doch seit dem „Verfall“ der Zinsen hält sich die Freude in vielen Stiftungen in Grenzen, weil das Geld – in diesem Fall der Ertrag – knapp geworden ist. Das kann in kleinen Stiftungen sogar zum „Stillstand“ führen, weil in den Statuten in der Regel festgelegt worden ist, das Geld in mündelsichere Anlagen zu investieren und das Kapital nicht anzugreifen. Vor diesem Hintergrund sollten sich Stifter, die heute zum Beispiel eine Million aus der Hand geben wollen, mit Hilfe von Anwälten und Notaren intensiv Gedanken darüber machen, was sie mit ihrem Geld bezwecken wollen. Die alte Forderung nach Kapitalerhalt und Zinsverbrauch wird in den nächsten Jahren nicht aufrecht zu erhalten sein, so dass es wie bei der Versorgung von Witwen und Waisen nur einen Rat geben kann: Laufzeit der Stiftung bestimmen, Geld auf Anleihen, Immobilien und Aktien verteilen, Verzicht auf aktive Vermögensverwaltung, Durchschnittsrendite kalkulieren und den Verzehr des Kapitals zulassen. Sonst wird aus der schönen Stiftung ein finanzieller Albtraum, weil mit dem Geld nichts anzufangen ist.

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