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Die Vermögensfrage : Wegfall der Zinsen bringt viele Anleger um den Schlaf

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Denkbar ist in diesem Fall, die 150.000 Euro zu einem Drittel in Anleihen und zu zwei Dritteln in Aktien anzulegen. Bei den Anleihen kann der Erbe zwischen Indexfonds und Rentenversicherung wählen. Die börsengehandelten Investmentfonds werfen zur Zeit jährliche Erträge von 1 bis 1,5 Prozent ab. Das ist kaum der Rede wert, doch was nicht zu ändern ist, ist einfach nicht zu ändern. Bei der Versicherung wird dem 60 Jahre alten Mann für einen Anlagebetrag von 50.000 Euro eine lebenslange Zahlung von 170 bis 180 Euro in Aussicht gestellt, die jedes Jahr um 1 Prozent steigt. Das führt bei einer Lebenserwartung von 85 Jahren zu einer Rendite von 1,35 Prozent, so dass es Jacke wie Hose ist, wofür sich der Anleger entscheidet. Wichtig ist der Mut zum Gang an die Börse. Die Aktien dürften für diesen Mann die einzige Möglichkeit sein, in den nächsten 25 Jahren doch Erträge zu erwirtschaften und die Möglichkeit zu haben, das Kapital nach Belieben zu verzehren.

Pensionäre und Ruheständler sollten sich im achten Lebensjahrzehnt keine Sorgen um ihr Geld machen, sondern jeden Tag genießen, den sie gesund und munter verbringen. Trotzdem treibt viele Senioren die Angst um, was in den nächsten Jahren passieren wird. So geht es zum Beispiel auch einem siebzigjährigen Anleger, bei dem vor einigen Monaten die letzte Lebensversicherung fällig geworden ist. Was soll mit den 100.000 Euro geschehen, die seit Wochen auf dem Tagesgeldkonto herumliegen? Das Haus ist bezahlt, die Rente beträgt 2.500 Euro, und in dem Depot der Hausbank liegen Aktien im Wert von 200.000 Euro. Hier ist guter Rat teuer, weil schlechter Rat ein Vermögen kostet. Der Mann sollte die bestehende Geldanlagen in Frieden ruhen lassen, die 100.000 Euro aufs Sparbuch legen und das Geld in den nächsten Jahren auf den Kopf hauen, solange das noch geht. Das ist zwar Menschen, die 1944 auf die Welt gekommen sind, nur schwer zu vermitteln, weil sie in Elternhäusern groß geworden sind, in denen Sparsamkeit das erste Gebot war, doch was soll die heutige Jagd nach Zinsen dem alten Herrn noch einbringen? Der Mann hat gearbeitet und gespart, so dass er sich in finanzieller Hinsicht nichts mehr beweisen muss. Folglich müssen die 100000 Euro keine Erträge mehr abwerfen. Die besseren Geschäfte sind Konsum, Erbschaft oder Stiftung.

In reichen Häusern ist es seit Jahr und Tag guter Brauch, einen Teil des Vermögens für einen guten Zweck zu stiften. Davon profitieren viele Einrichtungen, doch seit dem „Verfall“ der Zinsen hält sich die Freude in vielen Stiftungen in Grenzen, weil das Geld – in diesem Fall der Ertrag – knapp geworden ist. Das kann in kleinen Stiftungen sogar zum „Stillstand“ führen, weil in den Statuten in der Regel festgelegt worden ist, das Geld in mündelsichere Anlagen zu investieren und das Kapital nicht anzugreifen. Vor diesem Hintergrund sollten sich Stifter, die heute zum Beispiel eine Million aus der Hand geben wollen, mit Hilfe von Anwälten und Notaren intensiv Gedanken darüber machen, was sie mit ihrem Geld bezwecken wollen. Die alte Forderung nach Kapitalerhalt und Zinsverbrauch wird in den nächsten Jahren nicht aufrecht zu erhalten sein, so dass es wie bei der Versorgung von Witwen und Waisen nur einen Rat geben kann: Laufzeit der Stiftung bestimmen, Geld auf Anleihen, Immobilien und Aktien verteilen, Verzicht auf aktive Vermögensverwaltung, Durchschnittsrendite kalkulieren und den Verzehr des Kapitals zulassen. Sonst wird aus der schönen Stiftung ein finanzieller Albtraum, weil mit dem Geld nichts anzufangen ist.

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