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Die Vermögensfrage : Das neue Gesetz zur Finanzberatung gehört in den Schredder

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Gesundheitswesen als Vorbild

Die Aufgabe der Fachleute ist die neutrale Beratung von Privatleuten in Vermögensfragen. Die Arbeit wird mit Hilfe fester Stundensätze unterstützt, welche der Staat als Treuhänder des Beratungsfonds festlegt. Die Berater können für ihre Arbeit beliebige Honorare verlangen. Was über die Subvention hinausgeht, muss aber der Kunde bezahlen. Klaus Wehrt verspricht sich von diesem Modell zwei Verbesserungen. Die Scheu der Privatleute vor der Finanzberatung auf Honorarbasis soll sinken. Sie wissen jetzt, dass es neutrale Beratung gibt, und die Beratung wird vom Staat gefördert. Gleichzeitig soll auf diese Weise die Herstellung solider Finanzprodukte beeinflusst werden. Die Anbieter können, wenn die Finanzberatung auf Honorarbasis in die Gänge kommt, kein Interesse mehr haben, hohe Gebühren und Provisionen in ihre Angebote zu packen, weil sie befürchten müssen, dass die Berater von solchen Produkten abraten werden.

Ein ganzes Stück radikaler ist die strikte Trennung von Herstellung und Verkauf. Der Gesetzgeber untersagt den Herstellern nicht nur die Bezahlung von Provisionen, sondern verbietet den Unternehmern, ihre Produkte an Privatleute verkaufen zu dürfen. Statt dessen führt er die Verschreibungspflicht von Finanzprodukten ein. Vorbild dieses Modells ist das Gesundheitswesen. Hier gilt seit Jahrzehnten die Regel, dass die Privatleute beim Kauf von Medikamenten auf die Hilfe von Ärzten und Apothekern angewiesen sind. Das System mag Schwachstellen haben, doch es sollte nicht übersehen werden, dass das Prinzip für gewisse Qualität sorgt. Ärzte sind für Diagnose und Therapie zuständig, und Pharmazie und Apotheken sorgen für die Herstellung und Auslieferung der Medikamente.

Das Modell könnte mit gewissen Veränderungen auf Finanzprodukte übertragen werden. Der Staat sorgt in Anlehnung an die Berufsordnungen der Ärzte, Rechtsanwälte, Notare und Steuerberater für einen Finanzberater mit staatlicher Zulassung. Die Leute müssen eine Ausbildung absolvieren, eine Prüfung ablegen, für ihre Fortbildung sorgen, und sie dürfen ihre Tätigkeit nur auf Honorarbasis ausüben. Der Verkauf von Finanzprodukten und die Annahme von Provisionen sind Straftaten und werden mit Berufsverbot und Gefängnis geahndet.

Gleichzeitig sorgt der Staat für die Verschreibungspflicht komplexer Finanzprodukte. Das hätte zur Folge, dass Privatleute vor großen Investitionen zum Finanzarzt gehen müssen. Das ist zwar ein massiver Eingriff in die Freiheit der Bürger, doch wenn die Welt aus dem Ruder gelaufen ist oder zu laufen droht, muss der Steuermann harte Bandagen anlegen. Die aufwendige Prozedur kann – im Gegensatz zum Umgang mit Medikamenten – in starkem Maße vereinfacht werden. Es ist zum Beispiel denkbar, einfache Finanzprodukte von der Verschreibungspflicht auszunehmen. Genauso sollte es möglich sein, dass sich aufgeklärte Verbraucher von der Verschreibungspflicht befreien lassen können, wenn sie sich im Gegenzug verpflichten, beim Scheitern der Geldanlage kein Gericht anzurufen.

Die Vergütung der Berater ist Sache der Privatleute. Sie haben durch das Verbot von Provisionen finanzielle Vorteile, so dass es nur recht und billig ist, den „Schutz vor Reinfällen“ aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Der Staat könnte die Akzeptanz der Verschreibungspflicht zwar durch die steuerliche Abzugsfähigkeit der Gebühren erhöhen, doch zwingende Gründe für dieses Vorgehen sind nicht gegeben. Wichtiger ist der klare Wille des Staates, den Wildwuchs bei Geldanlagen, Krediten und Versicherungen zu beenden. Das funktioniert nicht mit Hilfe lascher Vorschriften wie dem Honoraranlageberatungsgesetz. Hier helfen nur radikale Maßnahmen, und es stellt sich die Frage, ob der Gesetzgeber den Mut zu diesen Reformen vor oder nach der nächsten Finanzkrise aufbringen wird.

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