https://www.faz.net/-gv6-81b2w

Tipps für Sparer : Wohin nur mit meinem Geld?

Ritt in den Abgrund: Die gute alte Spardose und Tagesgeldkonten unterscheiden sich in den aktuellen Zeiten der niedrigen Zinsen kaum in ihrer Effizienz. Bild: Jan Bazing

Auf dem Tagesgeldkonto gibt es nichts mehr zu holen. Bundesanleihen bringen sogar Verluste. Derweil erklimmt der Dax unheimliche Höhen. Da hilft Sparern nur noch eines: mehr Mut.

          6 Min.

          Es ist nur noch ein Frage der Zeit, bis die richtungsweisenden Anleihen der Bundesrepublik Deutschland mit zehn Jahren Laufzeit, unter Sparern traditionell der Inbegriff einer sicherheitsorientierten Geldanlage, die böse Null-Linie erreichen. Vergangene Woche sank ihre Rendite (also die Möglichkeit, mit ihnen Geld zu verdienen) auf 0,168 Prozent. Das ist der tiefste Stand in der Geschichte des Sparens. Noch zum Jahreswechsel bekam man dort 0,5 Prozent. Fast alle Bundesanleihen mit kürzerer Laufzeit haben mittlerweile sogar eine negative Verzinsung – so wie rund ein Drittel aller europäischen Staatsanleihen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nicht viel netter sieht es beim Tagesgeldkonto aus, das sich in den letzten Jahren zur liebsten Sparform der Deutschen entwickelt hatte. Am vergangenen Freitag senkte die ING-Diba, nach eigenen Angaben Marktführer beim Tagesgeld in Deutschland, ihre Zinsen: Neukunden bekommen jetzt nur noch ein Prozent im Jahr, Bestandkunden sogar nur noch 0,6 Prozent. Andere Banken werden dem Vorbild des Marktführers vermutlich bald folgen. Viel mehr als eine kleine Anerkennung ist da also auch nicht mehrdrin.

          Wohin also jetzt mit dem Geld? Sparer, die bislang als Strategie gegen die Niedrigzins-Plage ihr kleines Erspartes immer vom Girokonto aufs Tagesgeldkonto und zurück verfrachtet haben, können sich die Arbeit anscheinend bald sparen. Die Tagesgeldbranche schwimmt offenbar genauso in Spareinlagen wie der Rest der Finanzwirtschaft – und stellt die Zinszahlungen ebenfalls praktisch ein.

          Zwei Möglichkeiten für Sparer

          Wer als Sparer glaubt, es handele sich um ein vorübergehendes Problem, das man am besten durch Abwarten und Aussitzen löst, muss enttäuscht werden: Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, hat angekündigt, bis zum September 2016 europäische Staatsanleihen für mehr als eine Billion Euro kaufen zu wollen. Zumindest so lange wird sich die Situation an der Zins-Front für Sparer eher verschärfen als verbessern.

          Für Sparer bleiben ganz grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten: Duldsamkeit oder Emanzipation. Natürlich kann man seine Erwartungen hinsichtlich Zins und Rendite beliebig nach unten korrigieren und sich freuen, wenn das Geld wenigstens nicht weg ist. Eine solche Haltung haben sich viele Deutsche in der Finanzkrise antrainiert, wie Umfragen etwa des Vermögensverwalters Blackrock zeigen. Wem dagegen so langsam der Kragen platzt, für den ist der Anlagenotstand auch die Chance, sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit als Anleger zu befreien.

          „Wenn der risikofreie Zins praktisch null ist, haben Sparer nur eine Möglichkeit, wenn sie mit ihrem Ersparten noch Geld verdienen wollen“, sagt der Mannheimer Finanzprofessor Martin Weber. „Sie müssen mehr ins Risiko gehen.“

          Es ist ein alter Grundsatz der Finanzwissenschaft, dass es „keine Mehrrendite ohne Mehrrisiko“ gibt: Das sei selten so offensichtlich gewesen wie jetzt in der Niedrigzinsphase, sagt Weber. „In dieser Situation hilft den Sparern am Ende nur eines: mehr Mut!“ Raus aus der Spur also.

          Nur 6,4 Prozent der Duetschen haben Aktien

          Wer aber mehr Risiken eingehen will, muss sie möglichst genau kennen. Gerd Gigerenzer, Bestsellerautor („Risiko“) und Direktor am Max-Planck-Institut in Berlin, sagt: Die Sparer müssten dafür „mehr Risikokompetenz“ entwickeln. Dazu gehört für ihn mehr Wissen über die Finanzmärkte – aber auch eine andere Grundhaltung. Gerade die Deutschen müssten sich von der „Illusion der Gewissheit“ verabschieden, die sie ins Tagesgeld und in die Staatsanleihen getrieben haben. Und ein Gefühl dafür entwickeln, welche Risiken man vernünftigerweise getrost eingehen könne.

          Das naheliegende Risiko, das Sparer für mehr Rendite in Kauf nehmen könnten, ist das von Kursschwankungen. Nur rund 6,4 Prozent aller Deutschen haben überhaupt Aktien – hinzu kommen 9,5 Prozent, die Aktienfonds besitzen. Beide Zahlen sind nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) in der Niedrigzinsphase sogar noch gesunken.

          „Die Angst vor Aktien ist für mich nicht nachvollziehbar“, sagt der Frankfurter Bankier Friedrich von Metzler. „Die Deutschen sind stolze Mitarbeiter von Unternehmen und kaufen begeistert deren Produkte – kaufen aber seltsamerweise nicht die Aktien der Unternehmen, von deren Produkten sie überzeugt sind.“

          Dax 23 Prozent höher seit Jahresbeginn

          Die Risikoscheu der Deutschen bei der Geldanlage habe etwas mit kollektiven Erzählungen über Gefahr zu tun, meint Risikoforscher Gigerenzer: „Das mag unter anderem mit der Hyperinflation von 1923, dem Zusammenbruch nach zwei Weltkriegen und nicht zuletzt schlechten Erfahrungen mit der Telekom-Aktie zusammenhängen.“ Risikoaversion zeige sich offenkundig in jedem Land unterschiedlich: „Die Amerikaner sind mutiger bei Aktien als die Deutschen – dafür sind sie nach meiner Erfahrung oft ängstlicher, was Kerzen am Weihnachtsbaum betrifft.“

          Mit ihrem Pessimismus bezüglich der Wertpapiere mit schwankenden Kursen haben viele deutsche Sparer allein in diesem Jahr eine gewaltige Rally am Aktienmarkt verpasst. Und der Ärger, nicht dabei gewesen zu sein, vermischt sich bei vielen schon wieder mit der Angst, wie es am Aktienmarkt jetzt wohl weitergehen mag.

          Mit 12.039 Punkten ist der deutsche Aktienindex Dax am Freitag ins Wochenende gegangen. Damit ist er vergangene Woche nicht nur zum ersten Mal in seiner Geschichte über die Marke von 12.000 Punkten gestiegen. Er hat auch seit Jahresanfang mit einem Plus von gut 23 Prozent einen außergewöhnlichen Aufstieg hinter sich und deutlich mehr gewonnen als der Dow Jones und der S&P500, die beiden großen Aktienindizes in Amerika.

          Bild: F.A.Z.

          Mit einem solchen Kursanstieg hatte im vorigen Jahr so gut wie niemand gerechnet. Die Prognose der Bankanalysten für den Dax zum Jahreswechsel reichten von 9500 Punkten (DZBank) bis 11.800 Punkten (Barclays). Mit 11500 Punkten galt die Deutsche Bank schon als eher optimistisch. Sie alle sind positiv überrascht worden.

          Mit jedem Schritt des Dax nach oben aber wuchs auch die Zahl derer, die meinten, das sei nun aber wirklich ein Schritt zu viel gewesen. „Die Outperformance des Dax gegenüber dem S&P 500 dürfte an Dynamik verlieren“, heißt es dazu im aktuellen Aktienmarkt-Kommentar der Commerzbank. Soll heißen: So stark, wie der Dax zuletzt im Vergleich zum amerikanischen Aktienmarkt gestiegen ist, kann es auf keinen Fall weitergehen.

          Ein Kriterium dafür, ob es mit dem Dax bald bergab geht, ist das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz „KGV“. Es ist ein Maßstab dafür, ob Aktien im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt eher teuer oder eher billig sind. Die Commerzbank kommt für den Dax im Augenblick auf 15,4 – gemessen an den erwarteten Gewinnen für 2015. Das ist nicht billig. Alles hängt dabei aber natürlich entscheidend davon ab, auf was für Gewinne die deutschen Großunternehmen am Ende des Jahres tatsächlich kommen. Sind noch positive Überraschungen drin? Das Öl ist billig, der Euro niedrig: Das könnte dem einen oder anderen exportorientierten Unternehmen einen zusätzlichen Gewinn bescheren. Aber einiges davon steckt bereits in den Kursen – ist „eingepreist“, wie die Börsianer sagen.

          Aktienkurse könnten bald etwas sinken

          Eine andere Möglichkeit, Aktienkurse daraufhin zu überprüfen, ob sie womöglich schon zu stark gestiegen sind, ist der Vergleich zwischen dem sogenannten Buchwert und dem Börsenwert. Der Buchwert errechnet sich als Summe aller Vermögensgegenstände minus der Schulden; er ist gleichsam der Substanzwert. Der Börsenwert ist das Produkt aus dem Aktienkurs und der Zahl der Aktien; er spiegelt die erwarteten künftigen Erträge.

          Für den Dax kommt die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) nach dem Kursanstieg der vergangenen Wochen auf einen Börsenwert, der mittlerweile das Zweifache des Buchwertes aller 30 im Dax vertretenen Unternehmen ausmacht. Die Bank warnt, nur auf dem Höhepunkt der New-Economy-Blase um das Jahr 2000 sei noch mehr für den deutschen Aktienmarkt bezahlt worden.

          Das alles könnte dafür sprechen, dass die Aktienkurse demnächst tatsächlich vorübergehend etwas sinken. Die Experten sprechen von einer „Korrektur“, die zumindest Commerzbank-Aktienexperte Andreas Hürkamp für das dritte Quartal 2015 erwartet, also für die Monate Juli, August und September.

          Was folgt aber daraus für die Sparer? Hände weg von Aktien, weil das Risiko von Kursverlusten im Augenblick dann doch zu hoch ist? Finanzprofessor Martin Weber jedenfalls sieht das anders. Er meint, es sei müßig, für so effiziente Märkte wie den Aktienmarkt in Deutschland, bei dem alle neuen Informationen in Sekundenbruchteilen über die elektronischen Handelssysteme in die Kurse eingearbeitet werden, überhaupt Prognosen in die eine oder andere Richtung aufstellen zu wollen.

          Zugleich ist es eine selbst in der Wissenschaft nicht bestrittene Beobachtung, dass Aktien über längere Zeiträume für Anleger bislang in den allermeisten Fällen ein gutes Geschäft waren. „Über zehn oder fünfzehn Jahre betrachtet, kam man meistens auf eine Rendite von sieben bis acht Prozent im Jahr“, sagt Weber. Dafür ist vor allem wichtig, dass man nicht gerade zum allerungünstigsten Zeitpunkt verkaufen muss. „Wer also Geld in drei Jahren für ein neues Auto braucht, sollte das nicht unbedingt in Aktien stecken. Wer hingegen für die Altersvorsorge spart, für den sind Aktien eine sinnvolle Anlageform.“

          Bild: F.A.Z.

          Um sich gegen Kursverluste zu versichern, hilft ein altes Rezept: Man muss seine Anlagen streuen. „Jetzt nur eine BASF-Aktie zu kaufen, weil Chemie und Pharma gerade gut laufen, ist sehr riskant“, sagt Weber. Sinnvoller sei ein weltweit investierender Aktienfonds – oder, wegen der niedrigeren Gebühren, ein börsengehandelter Indexfonds, kurz ETF, auf den weltweiten Aktienindex MSCI World. Selbst wenn der in einer Korrekturphase an Wert verlieren sollte – auf längere Sicht lohnten sich Aktien immer.

          Auch Gigerenzers Konzept von der „Risikokompetenz“ passt zu diesem Anlageratschlag. „Im Umgang mit Risiken können Faustregeln helfen, die aus der Erfahrung gespeist sind“, sagt er. „Wissenschaftler sprechen von guten Heuristiken.“ Faustregel Nummer eins: diversifizieren. Ein Drittel des Vermögens in sichere Anlagen wie Staatsanleihen stecken, ein Drittel in Aktien und ein Drittel in Immobilien – bei kleineren Beträgen vielleicht ins Bad oder in einen Anbau. Eine zweite Regel könnte sein: Von den Aktien, die man kauft, 80 Prozent in relativ sichere Dax-Titel und 20 Prozent in riskantere Papiere. Eine dritte Regel: Auch in Dinge investieren, die man selbst gern hat, wie Oldtimer oder Kunst – aber immer nur ins hochwertige Segment, um die Risiken zu begrenzen. Gigerenzer meint: „Mit solchen Regeln kann man auf vernünftige Weise höhere Risiken eingehen.“ Genau das also, was im Anlagenotstand notwendig ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.