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Telematik-Versicherer : Früh bremsen kann in der Autoversicherung Geld sparen

Bordcomputer im VW Golf 7 Bild: dapd

Viele Versicherer denken darüber nach, ihre Autoversicherung mit Hilfe echter Fahrdaten ihrer Kunden zu tarifieren. In Amerika gibt es bereits günstigere Prämien für vorsichtige Fahrer.

          3 Min.

          Dass Autos intelligenter werden, nervt manchen Fahrer. Sie piepen, wenn man sich beim Einparken zu sehr einem anderen Fahrzeug nähert. Auch wenn man noch nicht den Sicherheitsgurt angelegt hat, ertönt ein Warnsignal. Künftig könnte die vermeintliche Überwachung noch weitergetrieben werden. Denn viele Versicherer denken darüber nach, ihre Autoversicherung mit Hilfe echter Fahrdaten ihrer Kunden zu tarifieren. Für vorsichtige Fahrer könnte das zu günstigeren Prämien führen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          In Amerika hat sich der Trend längst durchgesetzt. Die Gesellschaften, die entsprechende Tarife anbieten, repräsentieren drei Viertel der Marktprämien. Als führend gilt der Anbieter Progressive, der innerhalb eines Jahres eine Milliarde Dollar Prämie mit solchen Produkten einnahm. Auch Allstate oder Hartford haben eigene Tarife entwickelt. In Großbritannien wirbt Insurethebox für sich als führender Telematik-Versicherer - als Anbieter also, der mit Hilfe von Telekommunikation und Informatik Daten auswertet.

          „In diesem Jahr rechnen wir auch mit ersten Unternehmen, die solche Lösungen in Deutschland einführen werden“, sagt Markus Wersch, Geschäftsführer Versicherungen des Beratungsunternehmens Accenture. Seit vergangenem Jahr bietet er eine Applikation für das Smartphone an, das mit Hilfe des Navigationssatellitensystems GPS Geschwindigkeit, Beschleunigungs- und Risikoverhalten (zum Beispiel die Häufigkeit von Nachtfahrten) misst. „Das Interesse der Versicherer an dem neuen Ansatz ist groß“, sagt er.

          Auch Huk-Coburg beobachtet die Entwicklung interessiert

          Noch aber halten sich die deutschen Gesellschaften zurück. Einige öffentliche Versicherer bieten ihren Kunden eine kleine schwarze Box mit dem Namen „Mein Copilot“ an, die bei einem Unfall automatisch die Notrufzentrale anruft. Für Neuwagen wird so ein System von 2015 an in der EU verpflichtend. Auch die Allianz hat die Technik im Ausland erprobt. In Italien nutzt Europas größter Versicherer die Daten bereits, um die Prämien zu differenzieren. Solche Tarife würden nur halb so oft gekündigt wie herkömmliche Autopolicen, sagt Jacques Amselem, der die Telematik-Einheit des Konzerns leitet. Denn mit den Daten können die Kunden über längere Zeiträume ihr Fahrverhalten dokumentieren. Kündigen sie den Vertrag, sind sie für den neuen Anbieter noch ein unbeschriebenes Blatt. Konkrete Pläne, solche Tarife auch hierzulande einzuführen, gibt es bei der Allianz aber noch nicht.

          Auch ihr größter Wettbewerber Huk-Coburg beobachtet die Entwicklung vorerst interessiert. Zumindest in diesem Jahr aber will er noch keine Telematik-Tarife einführen. „Unsere Tarife sind so differenziert, dass wir die individuellen Risiken gut abbilden“, sagt ein Sprecher. Bislang bestimmt sich die Prämie etwa nach der Region, der jährlichen Fahrleistung, den Jahren ohne Unfall und dem Stellplatz des Fahrzeugs. Und als häufig günstigster Anbieter ist der Druck bei den Franken geringer, nach anderen Mitteln der Kundenbindung zu suchen. Dennoch könnte sich das Interesse der Versicherer demnächst auch in konkreten Produktentwicklungen niederschlagen. Auch die Beratungsgesellschaft Towers Watson drängt mit einer eigenen Technik auf den Markt. Gerade gab das Unternehmen seine strategische Partnerschaft mit dem Mobilfunkunternehmen Vodafone bekannt. Die gemeinsam entwickelten Produkte wird der Versicherer AIG Europe in einigen europäischen Märkten einsetzen, allerdings noch nicht in Deutschland.

          Wenig Begeisterung bei Verbraucherschützern

          Weil die Versicherer durch das Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofs gezwungen sind, nur noch geschlechtsneutrale Tarife anzubieten, müssten sie nach neuen Merkmalen suchen, um die Risiken zu selektieren, meint Frank Sommerfeld, der bei Towers Watson das Sachversicherungsgeschäft in Kontinentaleuropa leitet. „Der Kunde kann beweisen, dass er ein umsichtiger Fahrer ist, und somit mehr Kontrolle über seine Prämie bekommen“, sagt er. Versicherer könnten das Angebot um weitere technische Services erweitern. Eltern können zum Beispiel mit Hilfe solcher Applikationen das Fahrverhalten ihrer Kinder überprüfen. Unmittelbare Rückmeldungen an die Fahrer könnten helfen, die Schadenfrequenz zu senken.

          Wenig Begeisterung entfacht der Ansatz dagegen bei Verbraucherschützern. „Wer sich dem verweigert, muss mit höheren Prämien rechnen“, erwartet Hajo Köster vom Bund der Versicherten. Zudem befürchtet er, dass Kunden nicht ausreichend darüber informiert werden, welche Tragweite die Weitergabe ihrer Daten haben könnte.

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