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Studie belegt : Wissen fördert die Altersvorsorge

Besser sparen: Wer sich genügend über seine Ansprüche im Alter informiert, der kann besser und gezielter Sprache. Bild: Picture-Alliance

Ein Studienergebnis mit politischer Sprengkraft: Sparer legen gezielter Geld zurück, wenn sie über ihre Ansprüche im Alter Bescheid wissen.

          Die Altersvorsorge in Deutschland ist nicht im besten Zustand. Darauf deuten verschiedene politische Initiativen hin, die zweite und dritte Säule der Altersvorsorge – also ihr betriebliches und ihr privates Standbein – zu fördern. Im Koalitionsvertrag haben sich Unionsparteien und SPD unter anderem dazu bekannt, durch eine säulenübergreifende Darstellung der Rentenansprüche aus verschiedenen Quellen die Transparenz zu verbessern.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Rückenwind für dieses Vorhaben kommt nun von der ersten großangelegten wissenschaftlichen Studie über Machbarkeit und Nutzen eines solchen Ansinnens. Wissenschaftler der Frankfurter Goethe-Universität und des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik haben dafür mit der Deutschen Bank und der Commerzbank kooperiert. Die beiden Institute kontaktierten ihre Kunden und ermunterten sie, an einem Experiment teilzunehmen, durch das sie mehr Durchblick bei der Rente erhielten. „Die Ergebnisse der Pilotstudie sollen die Faktenlage in der politischen Rentendebatte in Deutschland und Europa verbessern“, schreibt das Autorenteam, zu dem der Finanzprofessor Andreas Hackethal und die Rentenspezialistin Tabea Bucher-Koenen zählen, im Ergebnisbericht.

          Großes Interesse an Renteninformationen

          Von den angeschriebenen Kunden begannen 20.000, einen Fragebogen zu bearbeiten. 14.267 füllten ihn vollständig aus. Das werten die Forscher als Zeichen dafür, dass es ein großes Interesse an transparenten Renteninformationen gebe. Im zweiten Schritt mussten sich die Teilnehmer registrieren und persönliche Daten angeben. Nur noch etwa die Hälfte der Teilnehmer (7.046) blieb dabei. Als es darum ging, persönliche Rentendaten per Handyfoto, Upload oder Post bereitzustellen, sprang noch einmal ein großer Teil der Teilnehmer ab, so dass 1.061 übrig blieben. Aus der hohen Zahl an abgesprungenen Teilnehmern leiten die Autoren ab, dass vereinfachte Daten und Schnittstellen die Hürden senkten, sich über Rentenansprüche zu informieren.

          Die Menge der übrig gebliebenen Teilnehmer sei statistisch aussagekräftig. Allerdings war der durchschnittliche Bildungsgrad ebenso höher als in der Gesamtbevölkerung wie das durchschnittliche monatliche Bruttoeinkommen (5.055 Euro). „Offenbar bedingt die freiwillige Teilnahme eine Selbstselektion von Kunden und damit möglicherweise verzerrte Ergebnisse im Vergleich zur Grundgesamtheit in der Bevölkerung“, heißt es in der Studie. Aus dem Fragebogen ergibt sich, dass 80 Prozent der Teilnehmer ihre Standmitteilungen verstehen, 53 Prozent meinen, zu wenig zu sparen, 43 Prozent haben Angst vor Altersarmut, und 66 Prozent können ihr Alterseinkommen nicht einschätzen.

          Für die standardisierte Renteninformation haben die Forscher nun die vorläufige Variante eines Fintech-Unternehmens (Rentencockpit) genutzt. Aus der gesetzlichen Rente verfügten Teilnehmer über einen durchschnittlichen monatlichen Anspruch von 1.500 Euro. Bezog man betriebliche und private Altersvorsorge ein, kamen sie nach Steuern auf eine prognostizierte Nettorente von 2.140 Euro, zu denen im guten Fall noch Überschussbeteiligungen und Zinsgewinne hinzukamen.

          Mehr Vorsorge

          In einem zweiten Fragebogen ermittelten die Wissenschaftler, dass sich 61 Prozent der Teilnehmer durch den Einsatz des Rentencockpits gut informiert fühlten. 64 Prozent bezeichneten es als hilfreich für die Planung der Altersvorsorge. 28 Prozent gaben an, eine höhere Rente erwartet zu haben – 23 Prozent sagten umgekehrt, ihre Rente sei höher als zuvor erwartet. Jeweils ein Drittel berichtete, das Gefühl der Sicherheit habe zugenommen, sei gleich geblieben oder habe sich verschlechtert. Jeder fünfte Teilnehmer plante, mehr vorzusorgen.

          Das Besondere an der vorliegenden Untersuchung ist, dass die Forscher nicht nur nach den Absichten fragten, sondern diese in den folgenden Monaten auch überprüft haben. Außerdem haben sie die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe und einer an der Studie völlig unbeteiligten Gruppe verglichen. Wichtigster Befund: Vorher hatten Kontrollgruppe und Unbeteiligte monatlich etwas mehr Geld zur Altersvorsorge zurückgelegt als die Studienteilnehmer. Nach der ersten Phase der Studie änderte sich das Bild: Die „Cockpit-Gruppe“ steigerte ihre monatliche Ersparnis um 1.475 Euro auf 4.779 Euro, während die andere Gruppe sie nur um 336 Euro steigerte.

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          So kommen die Wissenschaftler zu dem Fazit, dass eine größere Rententransparenz technisch machbar sei und den Verbrauchern einen individuellen Zusatznutzen bringen würde. Denn wüssten diese besser über ihre tatsächlichen Ansprüche Bescheid, könnten sie ihre Ersparnisse auch an ihren Bedarf anpassen. Das bisherige Rentencockpit erfülle zwar noch nicht alle Bedürfnisse der Verbraucher. Aber dies lasse sich in einer Entwicklungsphase noch beheben. Erfolg und Misserfolg des Vorhabens hingen aber davon ab, dass alle Produktgeber und Versorgungseinrichtungen bei der säulenübergreifenden Darstellung mitmachten: „Soll ein Rentencockpit Verbreitung in Deutschland finden, so ist die automatisierte, elektronische Bereitstellung von Vertragsdaten von Seiten der Rententräger eine notwendige Voraussetzung.“

          Dass das Projekt weiter vorangetrieben wird, hat sich der Verein Deutsche Renten Information zur Aufgabe gemacht. Mitautor Andreas Hackethal ist dessen Vorsitzender. Bis Ende 2019 soll es gelingen, einen technischen Prototypen zu entwickeln, der die bisherigen Mängel behebt. Aus den Regierungsfraktionen gab es wiederholt Bekräftigungen, man stehe zu den Zielen des Projekts.

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