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Stiftung Warentest : Die Inflation der Gütesiegel

Lützowplatz 11–13, Berlin: Zentrale der Stiftung Warentest Bild: ddp images/dapd/Stiftung Warente

Künftig verlangt die Stiftung Warentest Geld für die Werbung mit ihren Ergebnissen. Finanzkonzerne sehen das mit Sorge. Die Stiftung will damit aber die Aussagekraft erhöhen.

          3 Min.

          In dieser Woche legte die Stiftung Warentest ihre Bilanz für das Jahr 2012 vor. Zwei Botschaften blieben haften: Sie hat erstmals seit ihrer Gründung einen Verlust erlitten, und sie will künftig Gebühren erheben, wenn Unternehmen mit ihren Testergebnissen werben. In einigen Medien wurde sofort ein Zusammenhang zwischen beiden Themen hergestellt. Weil der Stiftung die Einnahmen ausblieben, müsse sie nach neuen Geschäftsmodellen suchen, wurde geschlussfolgert.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Doch die Stiftung Warentest hat die Lizenzen unabhängig vom Verlust, der auf geringere Zinseinnahmen zurückgeht, geplant. Aus Finanzkonzernen ist Kritik an der neuen Lizenzgebühr zu hören. Er unterstütze Tests, weil sie die Transparenz für Verbraucher erhöhten, sagt etwa Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender der Debeka. Wenn dadurch aber neue Einnahmequellen entstünden, betrachte er das mit Sorge.

          „Besonders auch, weil für uns dadurch sehr hohe Kosten entstehen, die letztlich von den Versicherten getragen werden müssen“, sagt Laue. Auch die Stuttgarter Versicherung sieht das Vorgehen kritisch. Als staatlich subventionierte Einrichtung müsse die Stiftung aufpassen, wenn sie selbst zum Marktakteur werde, sagt ihr Vorstandsvorsitzender Frank Karsten. Denn auf dem Feld der Gütesiegel stehen sie im Wettbewerb mit privaten Anbietern wie Morgen & Morgen oder Franke & Bornberg.

          Gütesiegel mit zu wenig Aussagekraft

          Seinen Umgang mit den Logos von Finanztest, die von der Stiftung vergeben werden, beeinflusse die neue Gebühr aber nicht. „Wir arbeiten mit anderen Gütesiegeln, weil wir bei ihnen eine höhere Sachkenntnis zu Versicherungsthemen sehen“, sagt Karsten. Unabhängige Produktratingagenturen hätten eine größere versicherungsmathematische Expertise und lieferten differenziertere Analysen auch zu den Chance-Risiko-Profilen von Anlageprodukten.

          Wie Laue beklagt auch Karsten eine Inflation an Gütesiegeln, die zum Teil wenig Aussagekraft hätten. So werben Versicherer inzwischen mit Logos, die sie als fairsten Anbieter ausweisen. Auch für die beste Kommunikation gibt es ein Siegel. Das kann Kunden verwirren, weil sie wesentliche Aspekte wie die Ablaufleistung oder Verzinsung der Anlageprodukte aus dem Auge verlieren.

          Stiftung Warentest widerspricht dagegen dem Eindruck, die Lizenz einzuführen, um Einnahmeausfälle zu kompensieren. Im operativen Geschäft habe man im vergangenen Jahr sogar ein leichtes Plus erzielt, sagt Vorstand Hubertus Primus. Die zurückgehenden Auflagen der monatlichen Druckausgaben der Zeitschriften „Warentest“ und „Finanztest“ würden durch die zunehmenden Online-Zugriffe ausgeglichen.

          „Wir wollen veraltete Testurteile vom Markt bekommen“

          Zudem wolle er mit der neuen Lizenz, die von Juli an ausgegeben wird, gerade der Inflation der Gütesiegel entgegentreten. Denn in der Vergangenheit hätten Unternehmen häufig auch Jahre nach den Tests noch mit veralteten Ergebnissen geworben. Nutella etwa habe noch zwölf Jahre nach einem positiven Urteil darauf verwiesen. „Bislang hatten wir keine vertraglichen Beziehungen zu den Unternehmen, die mit uns werben“, sagt Primus. Das Lizenzsystem soll die Missbrauchskontrolle verbessern, mit der die gemeinnützige Ral Gütezeichen beauftragt wurde.

          Von den 7.000 Euro Jahresgebühren (die auf 15.000 Euro steigen, wenn die Unternehmen auch im Fernsehen und Kino mit dem Logo werben) werden zunächst ihre Kosten für die Kontrollen beglichen. Erst der Rest geht an Stiftung Warentest. Neue Prüfsiegel will Primus nicht einführen. Plaketten können für ein oder zwei Jahre erworben werden. „Mit der klaren Befristung wollen wir veraltete Testurteile vom Markt bekommen.“ Ob die Lizenzen zusätzliche Einnahmen generieren werden, könne er noch nicht abschätzen.

          In der Finanzbranche hat die Stiftung trotz der Kritik im Detail einen soliden Ruf. Das Stiftungsmodell und die staatliche Finanzierung sicherten ihre Unabhängigkeit, ist immer wieder zu hören. „Wir hoffen und gehen auch fest davon aus, dass die angekündigte Einführung der Gebührenpflicht daran nichts ändern wird“, sagt Peter Stockhorst, Vorstandsvorsitzender des Versicherers Cosmos Direkt. Und auch Finanzinstitute schauen auf die Gebühren durchaus wohlwollend: „Wir sehen die Chance, dass das Finanztest-Auszeichnungssiegel durch die Überwachung der Logoverwendung weiter an Glaubwürdigkeit gewinnt“, sagt Ulrich Ott, Generalbevollmächtigter der ING-Diba.

          Gelassen blicken Wettbewerber auf die mögliche Quelle für Zusatzeinnahmen. „Uns beflügelt Wettbewerb“, sagt Joachim Geiberger, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. Auch er verlangt seit einigen Jahren Schutzgebühren für seine Siegel, um Missbrauch zu unterbinden. „Allerdings stelle ich mir die Frage, ob eine staatlich unterstützte Institution immer mehr auf Wirtschaftlichkeit getrimmt werden muss.“

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