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Steuererklärung ohne Belege : Schummelt es sich nun leichter?

Belege sammeln muss der Steuerzahler ab sofort nur noch für sich selbst. Bild: Picture-Alliance

Eine Neuerung in der Steuererklärung sorgt für besonders viel Wirbel: Ab sofort müssen keine Belege mehr eingereicht werden. Was Finanzbeamte und Steuerzahler freut, könnten andere als die Einladung zum Tricksen verstehen.

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          Die Finanzämter werden entlastet, Steuerzahler frohlocken und Schummler wittern ihre Chance: Seit Jahresanfang müssen der Steuererklärung keine Belege mehr beigefügt werden – was für eine Erleichterung! Vorbei die Zeiten, in denen stapelweise Rechnungen kopiert und per Post (wie altmodisch) an die Behörden geschickt werden mussten. Vorbei auch das lange Warten auf den Steuerbescheid, das sich im Zweifel auch noch unerträglich in die Länge ziehen konnte, fehlte nur eine einzige Quittung. Damit soll nun Schluss sein, so hat es die alte Regierung noch beschlossen.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Klingt zu gut, um wahr zu sein? Jein. Zunächst bedeutet das Ende der Belegpflicht eine enorme Entlastung für die Finanzbeamten. Ohne den Papierkram können Computer die Steuererklärung nun vollautomatisch prüfen. Das beschleunigt den Prozess und ermöglicht es auch, bei Überlastung einzelne Fälle elektronisch an ein anders Amt zu übermitteln. Bislang war das nicht so einfach, zog jede Steuererklärung doch auch eine Papierspur hinter sich her.

          Eine kürzere Bearbeitungszeit kommt schließlich auch dem Steuerzahler zugute. Läuft alles nach Plan, soll er seinen Steuerbescheid nunmehr schneller im Briefkasten und das Geld auf dem Konto finden. Der Bundesverband Lohnsteuerhilfevereine ist gespannt, wie sich die Änderung tatsächlich auswirken wird. „Noch sind wir dabei, Erfahrungen zu sammeln“, sagt Geschäftsführer Uwe Rauhöft zu FAZ.NET. Bislang seien noch nicht ausreichend Steuerbescheide zurückgekommen, um eine erste Einschätzung geben zu können.

          Aufwendungen glaubhaft machen

          Erfahrungsberichte aus Hessen, wo schon 2017 bei elektronisch eingereichten Steuererklärungen auf Belege verzichtet wurde, lassen auf einen beschleunigten Prozess hoffen. Dort hatten die Finanzämter im vergangenen Jahr tatsächlich weniger Verwaltungsaufwand. Zumal viele Nachweise – etwa für Elterngeld, Rentenzahlungen, Versicherungsleistungen oder auch die Lohnsteuerbescheinigung – mittlerweile sowieso schon elektronisch von den zuständigen Einrichtungen an die Finanzämter übermittelt werden.

          Dem Bürger wird durch das Ende der Belegpflicht freilich auch Arbeit abgenommen. So ganz ohne die entsprechenden Quittungen zur Hand lässt sich die Steuererklärung zwar nicht auszufüllen – Wie viel habe ich vor acht Monaten an UNICEF gespendet? Und wo war ich noch überall auf Dienstreise? Die Zettelwirtschaft bleibt dem Bürger also nicht erspart; auch, weil er die Belege aufheben muss und zwar mindestens ein Jahr lang, nachdem der Steuerbescheid rechtskräftig geworden ist. Doch das lästige Kopieren und das Porto fallen weg. Und sollte mal ein Beleg unauffindbar sein, ist das nun nicht mehr ganz so schlimm.

          „Die Vorlage von Belegen ist nur in wenigen Fällen gesetzliche Voraussetzung für die steuerliche Anerkennung von Aufwendungen, etwa bei Spendenbescheinigungen“, sagt ein Sprecher der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main zu FAZ.NET. Meistens sei es ausreichend, dass die Aufwendungen glaubhaft gemacht werden können – das sei zum Beispiel durch einen Kontoauszug oder Überweisungsbeleg möglich.

          Wer schummeln will, muss erst den Algorithmus austricksen

          Doch Vorsicht: Die neue Regelung ist keine Einladung, es mit den Angaben in der Steuererklärung nicht mehr ganz so genau zu nehmen. Hier eine Spende zu viel, da ein paar Euro mehr für das Bahnticket und hier vielleicht noch zwei imaginäre Dienstreisen obendrauf. Und so ein häusliches Arbeitszimmer hat doch auch Steuervorteile, oder? Ruhig mal angeben, den Beweis braucht’s ja eh nicht, mag sich da der ein oder andere denken.

          Die Verlockung, in der Steuererklärung zu schummeln, ist groß. Doch was das Finanzamt nicht weiß, überprüft es im Zweifel doch. Mit einem elektronischen Risikomanagementsystem kontrollieren die Behörden, ob die gemachten Angaben plausibel sind. Werden zum Beispiel erstmals neue Kosten geltend gemacht oder gibt es deutliche Abweichungen der angesetzten Ausgaben zum Vorjahr, schlägt der Computer Alarm. In solchen Fällen kann es gut sein, dass der Finanzbeamte es doch genauer wissen möchte und die entsprechenden Belege anfordert.

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          „Die maschinellen Risikomanagementverfahren wenden zumeist ein sogenanntes regelbasierendes Aussteuerungsverfahren an. Die automatisierten Prüfkriterien sind vielfältig und führen zum Aussteuern der Steuererklärung, wenn sie auf diese zutreffen“, erklärt der Sprecher der Oberfinanzdirektion. Die Überprüfung der aussortierten Fälle erfolge dann personell durch einen Mitarbeiter.

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