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Steuererklärung ohne Belege : Schummelt es sich nun leichter?

Wer dem vorbeugen möchte, sollte deshalb Angaben so ausführlich wie möglich machen. Nicht aussagekräftig ist etwa „Handwerker 500 Euro“. Besser: „Reparaturkosten Heizung an Heizungsinstallateur GmbH (04/2017): 500 Euro“. In manchen Fällen kann es sich sogar lohnen, die entsprechenden Belege gleich mitzuschicken, um den Prozess zu beschleunigen. Grundsätzlich empfiehlt Rauhöft den Bürgern aber, erst einmal abzuwarten: „Wer sich lediglich um seine eigene Steuererklärung kümmern muss, kann im Zweifel ohne großen Aufwand auf eine Aufforderung reagieren.“

Gibt es eine Lücke im System?

In Acht nehmen sollten sich all jene, die schon mal beim Schummeln erwischt wurden. Die Behörden unterscheiden drei Risikoklassen von Steuerzahlern: Wer in den Vorjahren schon mehrmals aufgefallen ist oder länger im Ausland war, fällt in Risikoklasse Eins. Bei dieser Gruppe ist das Computersystem in Alarmbereitschaft und es ist wahrscheinlich, dass auch künftig Belege eingereicht werden müssen. Risikoklasse Zwei umfasst Steuerzahler mit kleineren Verstößen. Steuerzahler mit einer weißen Weste landen in Klasse Drei. Für sie dürfte der Steuerbescheid in den meisten Fällen ohne Nachfragen freigegeben werden.

„Das Ziel ist, die einem Steuerfall zu widmende Bearbeitungsintensität am jeweiligen individuellen Risikogehalt auszurichten“, so der Sprecher weiter. Unter Risiko sei dabei sowohl die Gefahr einer zu niedrigen als auch einer zu hohen Steuerfestsetzungen zu verstehen.

Entscheidend ist auch die Höhe des möglichen Schadens aus der Steuerschummelei. Ein Algorithmus prüft, wie hoch die Ausfälle für den Staat sein könnten – je höher die Summe, desto eher überweist der Computer den Fall zur manuellen Prüfung an einen Finanzbeamten. Ergo: Plausible Angaben in angemessenem Verhältnis zum Einkommen machen und sich nicht allzu extravagante Ausgaben ausdenken – fertig ist der Steuerbetrug?

In manchen Fällen braucht man immer noch einen Beleg

Auf den ersten Blick scheint es der Wegfall der Belegpflicht Tricksern etwas leichter zu machen, den ein oder anderen Euro mehr rauszuschlagen. Um auch vorsichtige Schummler zu enttarnen, werden daher zusätzlich Stichproben durchgeführt. Wer auffliegt, kommt im besten Fall nur in eine höhere Risikoklasse. Im schlimmsten Fall ist es versuchter Steuerbetrug. Und der Computer lernt mit.

„Die maschinellen Verfahren sind dynamische, lernende Verfahren, die zudem ‚unausrechenbar‘ bleiben müssen, damit sie nachhaltig wirksam sein können. Um eine Berechenbarkeit des Systems auszuschließen, wird eine bestimmte Anzahl von Fällen – unabhängig von deren Risikogehalt –  nach dem Zufallsprinzip ausgesteuert und einer personellen Prüfung zugeführt“, sagt der Sprecher. Das Gelegenheitsfenster für den Betrug ist also klein und es wird immer kleiner, je systematischer die Täuschung ist.

Bestimmte Prüffelder, in der etwa die Prüfung der häuslichen Arbeitszimmer als Schwerpunkt angesetzt werden, kommen laut der Oberfinanzdirektion zumindest in Hessen nicht zum Einsatz: „Der Bearbeiter entscheidet einzelfallbezogen, ob er zu einem Sachverhalt einen Belegnachweis anfordert oder ob die gemachten oder bereits – etwa aus den Vorjahresveranlagungen – bekannten Informationen für eine zutreffende Beurteilung des Sachverhalts ausreichen.“

In manchen Fällen müssen aber weiterhin von vornherein Belege eingereicht werden – zum Beispiel bei Spenden über 200 Euro im Jahr (es sei denn, der Empfänger wurde vom Absender ermächtigt, die Spende an das Finanzamt zu melden) oder bei der erstmaligen Beantragung des Behinderten-Pauschbetrages. Auch wer gezahlte Zinssteuern aus Kapitalerträgen zurückfordert, weil er aufgrund seines geringen Einkommens nicht der Abgeltungssteuer unterliegt, muss den entsprechenden Beleg der Bank mitschicken.

Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler sieht es weder als Vor- noch als Nachteil für den Steuerzahler, dass keine Belege mehr eingereicht werden müssen: „Die Neuerung ist nur Ausdruck der zunehmend elektronischen Abgabe und Bearbeitung der Steuererklärung. Auch das Finanzamt wird modern.“

Fazit: Das Ende der Belegpflicht macht vielen Menschen das Leben leichter: Dem Finanzbeamten, der immer mehr Arbeit an den Computer abgeben kann. Dem Steuerzahler, der etwas weniger Zeit in seine Steuererklärung investieren muss. Aber auch dem gewieften Schummler, der mit etwas Geschick durchaus eine Lücke, wenn auch eine klitzekleine, im System finden könnte.

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