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Wie Anleger Altverluste nutzen (3) : Überraschender Steuereffekt beim Verkauf von Aktien

Osram-Verkauf ist womöglich steuerfrei

Kapitalerhöhungen sind recht häufig, ihre Behandlung mit Abgeltungsteuer auch in Zukunft relevant (siehe Kasten). Abspaltungen (“Spin-Offs“) sind dagegen selten. Doch in diesem Sommer gab es eine: Siemens trennte seine Lichtsparte Osram ab. Dabei bekam jeder Aktionär für 10 Siemens-Aktien eine Osram-Aktie gratis. Doch zu welchen steuerlich relevanten Anschaffungskosten stehen nun Siemens und Osram im Depot?

Diese Frage muss sich nur stellen, wer Siemens-Aktien ab 2009 angeschafft hat. „Wer seine Siemens-Aktien vor 2009 gekauft hat, bei dem wird vom Fiskus unterstellt, dass auch die Osram-Aktien vor 2009 angeschafft wurden. Damit ist ein Verkauf der Osram-Aktien wie auch der Siemens-Aktien heute steuerfrei und für die Verrechnung mit Altverlusten irrelevant“, sagt Bernd Schmitt, Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Osram war nicht kostenlos

Anders ist der Fall, wenn die Siemens-Aktien nach 2009 angeschafft wurden. Dann ist doppelte Aufmerksamkeit geboten. Zunächst einmal sollte der Anleger darauf achten, dass aus Gründen der Übersichtlichkeit die Osram-Aktien von der depotführenden Bank ins richtige Depot, in der Regel ist im alten Depot der Neubestand, gebucht werden. Der Selbstversuch bei einer Sparkasse in Nordrhein-Westfalen zeigt nun, dass die Bank für die Osram-Aktien im Depot keinen Einstandskurs angibt und auch keinen Wertzuwachs. Das ist irreführend, denn der Schluss, dass die steuerlich relevanten Anschaffungskosten von Osram null betragen, ist falsch.

Vielmehr stehen die Osram-Aktien im Verborgenen zum korrigierten steuerlichen Anschaffungspreis einer Siemens-Aktie im Depot. Das kann für den Anleger, der aus der guten Kursentwicklung von Osram den offensichtlichen, aber falschen Schluss zieht, er sei im Gewinn, unliebsame Folgen haben, wie das Beispiel zeigt.

Hoher Fiskalverlust mit Osram-Aktien

Wer im September 2012 für 79,65 Euro je 50 Siemens-Aktien gekauft hat, bekam am 8. Juli fünf Osram-Aktien zusätzlich ins Depot. Der erste Börsenkurs der Osram-Aktie betrug 24 Euro. Die DWP Bank, die für viele Sparkassen und Volksbanken die Wertpapiergeschäfte durchführt, verringerte im Verborgenen die steuerlichen Anschaffungskosten der Siemens-Aktien um rund ein Elftel, denn für Steuerzwecke gilt: Die Anschaffungskosten der 50 Siemens-Aktien sind nun auf 55 Aktien zu verteilen, auf 50 Siemens und fünf Osram. Damit wird in unserem Beispiel nun für jede Aktie ein steuerlicher Anschaffungswert von 72,40 Euro angenommen, wie der Anleger zu seiner Überraschung auf Nachfrage von seiner Sparkasse erfuhr. Abgesehen davon, dass die Osram-Aktie noch nie so viel wert war: Dieser steuerlich relevante Anschaffungskurs ist im Selbstversuch in der Depotübersicht nirgendwo vermerkt.

Die Folgen beim Aktienverkauf können beträchtlich sein: Falls der Anleger nun seine Siemens-Aktien veräußert, erzielt er einen deutlich höheren steuerlich relevanten Gewinn als gedacht. Zum Kurs von 90 Euro ist der steuerliche Veräußerungsgewinn der 50 Siemens-Aktien 880 Euro und nicht - wie die Depotwertansicht suggeriert - 510 Euro. Anleger, die Altverluste haben, sollten daher Siemens, Telekom und Post mit Blick auf mögliche Veräußerungsgewinne nicht unterschätzen. Anstatt sie in den kommenden Jahren versteuern zu müssen, sollten sie zur Verrechnung mit Altverlusten in diesem Jahr geprüft werden.

Von einem steuerlich motivierten Verkauf von Osram dagegen sollten Anleger mit Altverlusten in diesem Jahr absehen. Obwohl der Kurs der Osram-Aktien inzwischen von 24 auf 33 Euro geklettert ist, erzielt der Anleger bei einem Verkauf keinen Gewinn, sondern vielmehr einen steuerlich relevanten Verlust. Denn die Bank unterstellt im Auftrag des Fiskus einen steuerlichen Anschaffungswert von einem Elftel des Anschaffungswertes der Siemens-Aktien, in unserem Fall 72,40 Euro. Wie im nächsten Beitrag gezeigt wird, sind realisierte Wertpapierverluste in diesem Jahr jedoch höchst unwillkommen, wenn der Anleger noch Altverluste hat. In kommenden Jahren dagegen können sie noch wertvoll sein.

Bezugsrechte verkaufen - Aktien nachkaufen

Wenn ein Unternehmen eine Kapitalerhöhung mit Bezugsrecht durchführt, bekommen Anleger die Bezugsrechte zum steuerlich relevanten Anschaffungswert von null ins Depot gebucht. „Wer sein Bezugsrecht nicht ausübt und verkauft oder am Ende der Bezugsfrist durch seine Depotbank automatisch verkaufen lässt, erzielt in voller Höhe einen steuerpflichtigen Gewinn, wenn die zugrunde liegenden Aktien nach 2009 angeschafft und damit Neubestand sind“, sagt Steuerberater Bernd Schmitt, Partner bei Ernst & Young. „Wenn die Aktien dagegen vor 2009 angeschafft wurden, ist der Verkauf der Bezugsrechte steuerfrei.“

Wer Depots für Alt- und Neubestand hat, Bezugsrechte in beiden Depots für junge Aktien erhielt und hingegen die Bezugsrechte ausgeübt hat, der sollte zunächst darauf achten, dass die Bank die neu erworbenen Aktien vollständig in das Depot mit Neubestand bucht. Darüber hinaus unterstellt die depotführende Bank im Auftrag des Fiskus Folgendes: Für ein Bezugsrecht im Wert von 4 Euro, das den Anleger zum Kauf einer Aktie im Wert von 15 Euro berechtigt, unterstellt sie steuerlich relevante Anschaffungskosten von 15 Euro (und lässt den Wert des Bezugsrechts quasi unter den Tisch fallen). Dies ist wichtig zu wissen für kommende Jahre, in denen die Verrechnung mit Altverlusten keine Rolle mehr spielt und die steuerpflichtigen Veräußerungsgewinne minimiert werden sollten.

Der Veräußerungsgewinn ist umso höher, je niedriger die steuerlich relevanten Anschaffungskosten sind. „Deshalb ist es für Anleger mit Altaktienbestand aus steuerlicher Sicht besser, ihre Bezugsrechte zu verkaufen und die Aktien an der Börse aufzustocken“, sagt Schmitt. Im Beispiel hat der Anleger einen Veräußerungsgewinn je Bezugsrecht von 4 Euro und steuerliche Anschaffungskosten von 19 Euro zu Buche stehen. Im Bezugsfall betragen die Anschaffungskosten 15 Euro je Aktie. „Bei einem späteren Verkauf zu 20 Euro fallen im Bezugsfall 5 Euro steuerlich relevanter Veräußerungsgewinn an, im Fall des Erwerbs der Aktie über die Börse beträgt der Veräußerungsgewinn nur 1 Euro“, rechnet Schmitt vor.

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