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Kirchensteuer : Sparer müssen Banken sagen, woran sie glauben

Münzen fallen spärlich: Die Einnahmen aus dem Klingelbeutel reichen der Kirche schon lange nicht mehr. Bild: dpa

Künftig soll auch die Kirchensteuer von den Banken automatisch eingezogen werden. Dafür müssen die Sparer den Instituten offenbaren, welcher Kirche oder Religionsgemeinschaft sie angehören. Doch sie können sich wehren.

          Banken wissen nicht nur, wie Kunden ihr Geld verdienen und wofür sie es ausgeben. Künftig wissen sie auch, welcher Kirche oder Religionsgemeinschaft sie angehören oder ob sie ausgetreten sind. Denn vom 1. Januar des kommenden Jahres an wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge von den Kreditinstituten automatisch mit der Abgeltungsteuer abgeführt. Darüber informieren Banken und Sparkassen ihre Kunden derzeit mit Vermerken auf Kontoauszügen oder über den Postweg. Damit endet eine Übergangsphase, die mit der Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009 begann und in der die Finanzinstitute bislang nur die Abgeltungsteuer und den Solidaritätszuschlag automatisch an den Fiskus weitergeleitet haben.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Eine versteckte Steuererhöhung ist dies gleichwohl nicht. „Es ändert sich nicht die Belastung, sondern nur das Verfahren“, sagt ein Sprecher des Bundesministeriums für Finanzen. Die Kirchensteuererhebung wird für den Bereich der Kapitalerträge modernisiert und vereinfacht, heißt es vom Bundeszentralamt für Steuern (BZSt). Was also ändert sich genau? Die Kreditinstitute wurden vom Gesetzgeber im vergangenen Jahr dazu verpflichtet, einmal jährlich die Religionszugehörigkeit ihrer Kunden beim BZSt zu erfragen. Dies gilt im Übrigen auch für Versicherer, Kapitalgesellschaften oder Genossenschaften. Aufgrund dieser Informationen wird die auf die Abgeltungsteuer entfallende Kirchensteuer von den Kreditinstituten vom Jahr 2015 an einbehalten und automatisch an das Finanzamt abgeführt. Ist der Kunde nicht Mitglied einer steuererhebenden Religionsgemeinschaft, dann meldet das Steueramt einen „Nullwert“ zurück, und alles bleibt beim Alten.

          Will ein Kunde aber nicht noch gläserner werden, als er es ohnehin schon ist, kann er Widerspruch gegen die Weitergabe der Religionsdaten einlegen. „Diese Möglichkeit hat der Gesetzgeber eingeführt, um den Datenschutzvorschriften in Deutschland gerecht zu werden“, sagt Heinz-Jürgen Tischbein, Leiter Steuerrecht beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Der Verband ist aktuell das Sprachrohr der deutschen Kreditwirtschaft. Die Kunden müssen für den Fall der Fälle einen Sperrvermerk beim Bundeszentralamt für Steuern beantragen, der wiederum an die Finanzbehörden weitergeleitet wird. Doch die Zeit drängt. In diesem Jahr muss der Antrag bis zum 30. Juni erfolgen, damit er rechtzeitig bearbeitet werden kann. Andernfalls gilt der Widerspruch erst vom kommenden Jahr an. „Die Kreditinstitute werden ihre Abfragen vermutlich in der zweiten September-Hälfte durchführen“, sagt Tischbein.

          Viele haben sich um die Kirchensteuer herumgemogelt

          Ist es dem Anleger dagegen egal, ob seine Bank oder Sparkasse noch mehr von ihm weiß als bisher schon, muss er eigentlich gar nichts tun. Schon jetzt haben Bankkunden die Möglichkeit, ihrer Kirchensteuerverpflichtung über einen „Antrag auf Einbehalt der Kirchensteuer“ durch die Bank nachzukommen oder aber die Erträge nachträglich in der Einkommensteuererklärung anzugeben. Das haben viele offensichtlich nicht getan. Dem Vernehmen nach ist für die Kirchen das Geld nicht besonders üppig geflossen. Manche Anleger waren vermutlich schlicht unwissend. Mit einer Abgeltungsteuer sei die Steuerpflicht wortwörtlich auch abgegolten, dachten sicherlich nicht wenige. Andere nutzten offenbar die Lücken, die sich aus dem alten Verfahren ergaben. Denn es war wohl für die Finanzbehörden bisher nicht einfach zu erkennen, wenn Anleger ihre Erträge in der Steuererklärung nicht nachträglich angegeben haben.

          Und was zahlt der Anleger nun an Steuern? Die Abgeltungsteuer auf Zinsen, Dividenden oder Kursgewinne beläuft sich auf 25 Prozent. Hinzu kommt der Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent. Die Kirchensteuer ist Ländersache und deswegen in einzelnen Bundesländern verschieden. Während in Bayern und Baden-Württemberg ein Steuersatz von 8 Prozent gilt, sind es im übrigen Bundesgebiet 9 Prozent. Damit beläuft sich die Steuerbelastung auf Kapitalerträge für ein Kirchenmitglied auf 27,8 oder 28 Prozent, für andere bleiben es 26,375 Prozent. Dies gilt natürlich nur, wenn die Kapitalerträge die Sparerfreibeträge von 801 Euro für Ledige oder 1602 Euro für Verheiratete übersteigen.

          Die bei den Kreditinstituten hinterlegten Informationen über die Religionszugehörigkeit der Kunden würden verschlüsselt und seien nicht ohne weiteres am Bankenterminal zu erkennen, heißt es aus der Kreditwirtschaft. „Diese Informationen sind in unserem Haus vermutlich gerade einmal einer Handvoll Mitarbeitern zugänglich, die im technischen Bereich arbeiten oder mit allgemeinen steuerlichen Belangen befasst sind“, sagt zum Beispiel ein Sprecher der Frankfurter Sparkasse. Das Institut hat seine Kunden von Ende Dezember an über Kontoauszüge über das neue Verfahren informiert. Bei der Deutschen Bank erfolgte dies zu Jahresbeginn.

          Ein Problem könnten Kunden werden, die sich mit Hilfe des Bundeszentralamtes für Steuern nicht eindeutig zuordnen lassen. Dann werde man sicherlich mit den Kunden in Kontakt treten und versuchen den Sachverhalt zu klären, sagt Tischbein. Gegebenenfalls kämen die Vorschriften des Geldwäschegesetzes zum Tragen, die von den Kreditinstituten verlangten, dass sie ihre Kunden identifizieren können.

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