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Norddeutsche Landesbank : 7,5 Prozent Rendite mit der Sparkasse

In schwerem Fahrwasser: Die Norddeutsche Landesbank, hier ihre Zentrale in Hannover. Bild: dpa

Die Zukunft der Norddeutschen Landesbank ist ungewiss. Für Mutige ist dies eine Chance.

          Sparkassen gelten als Inbegriff der Langeweile. Verlässlich zwar, aber eben auch ziemlich öde. Doch zurzeit ist in der Welt der Sparkassen so viel los wie selten zuvor, was den Beteiligten selbst am allerwenigsten recht ist. Schließlich ist die gepflegte Langeweile Teil des Geschäftsmodells. Gerne wird so suggeriert: Wem, wenn nicht den Sparkassen, lässt sich noch vertrauen in diesen unruhigen Zeiten?

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Schöne an den Finanzmärkten ist, dass sie solche Idealbilder in Windeseile als falsch entlarven können: so geschehen dieser Tage mit der Norddeutschen Landesbank (kurz Nord LB genannt), die zu etwa 35 Prozent im Besitz der norddeutschen Sparkassen ist. Weitere Eigentümer sind die Länder Niedersachsen (rund 60 Prozent) und Sachsen-Anhalt (rund 5 Prozent). Ausgerechnet Anleihen dieser sich größtenteils im Staatsbesitz befindlichen Bank haben nämlich in den vergangenen Wochen starke Kurseinbußen hinnehmen müssen. Die Kurse sind deutlich unter den Wert von 100 Prozent gefallen, was bei Anleihen einem klaren Misstrauensvotum gleichkommt: Einige Investoren zweifeln daran, ob die Bank in der Lage sein wird, die Anleihegelder wieder vollständig zurückzuzahlen. Mit anderen Worten: Sie halten die Pleite der Bank für möglich.

          Das klingt mehr als zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers noch immer sehr bedrohlich. Doch mit etwas Mut können Anleger die Angelegenheit auch aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten – als lukrative Investmentchance. Denn fallende Kurse gehen bei Anleihen stets mit steigenden Renditen einher, was ja auch logisch ist: Der höhere Ertrag soll das höhere Risiko ausgleichen.

          Insbesondere in aktuellen Nullzinszeiten ist dieser Ertrag im Falle der Nord LB momentan sehr attraktiv. Eine Anleihe mit Laufzeit bis Oktober 2023 (ISIN: DE000NLB2HC4) beispielsweise bringt derzeit rund 7,5 Prozent Rendite pro Jahr ein. Zum Vergleich: Eine Bundesanleihe mit deutlich längerer, zehnjähriger Laufzeit kommt gerade einmal auf kümmerliche 0,25 Prozent Rendite. Kein Wunder also, dass Privatanleger bei Online-Brokern derzeit keine Anleihe so gerne handeln wie eben dieses spezifische Wertpapier der Nord LB. Zumal die Anleihe überdies eine für Privatleute attraktive Stückelung von 1000 Euro aufweist, was selten geworden ist. Bei den aktuellen Kursen müssen Anleger also nicht einmal 1000 Euro in die Hand zu nehmen, um einzusteigen.

          Aber ist dies wirklich eine gute Idee? Dazu ist es nötig, sich näher mit zwei Dingen zu beschäftigen: mit der spezifischen Konstruktion der Nord-LB-Anleihe und mit der Gesamtsituation der Landesbank. Beides hängt natürlich miteinander zusammen. Die Konstruktion einer Anleihe zu betrachten klingt spröder, als es ist. Denn das Papier der Nord LB gehört zu einer besonders spannenden Art von Anleihen, den sogenannten Nachranganleihen. Diese tragen ihren Namen aus einem einfachen Grund: Im Falle einer Pleite der Nord LB müssen die Besitzer dieser Papiere vor anderen Gläubigern dafür geradestehen – sie sind also, wie der Name schon sagt, nicht von gleichem Rang.

          Man sollte sich nichts vormachen

          Die Nord LB hat in der Vergangenheit viele solcher Nachranganleihen begeben. Das derzeit so beliebte Papier mit Laufzeit bis Oktober 2023 (in der Fachsprache „Lower Tier 2“ genannt) hat einen Vorteil: Anders als bei vielen anderen Nachranganleihen kann die Bank die Zinszahlungen nicht einfach ausfallen lassen, wenn sie mal ein schlechtes Jahr hat. Auch eine Verlängerung der Laufzeit ist nicht möglich.

          Trotzdem darf man sich nichts vormachen. Bei einer Pleite der Bank müssen Anleger mit dem Totalverlust des eingesetzten Geldes rechnen. Dies lässt sich nicht nur daran erkennen, dass die Ratingagentur Moody’s die Anleihe mit der Note „B1“ als hochspekulativ einstuft. Sondern das zeigt auch die Praxis: Im Falle der spanischen Bank Banco Popular beispielsweise verloren alle Besitzer von Nachranganleihen ihren kompletten Einsatz. Dies ist also längst kein rein theoretisches Risiko mehr.

          Aber wie realistisch ist diese Ausfallgefahr wirklich bei einer Landesbank, die zum überwiegenden Teil dem Bundesland Niedersachsen, also dem Staat gehört? Nach allem, was man hört, ist die Lage durchaus ernst. Denn die Nord LB hat sich vor allem mit Schiffskrediten an Reedereien in eine missliche Lage gebracht. Viele der Schuldner sind mit ihren Zahlungen im Rückstand, darum braucht die Bank dringend frisches Geld. Von bis zu 3,5 Milliarden Euro ist die Rede.

          Vor allem der amerikanische Finanzinvestor Cerberus scheint Interesse an einem Einstieg zu haben, allerdings nur gegen erhebliches Entgegenkommen, versteht sich. Cerberus ist bereits an der Deutschen Bank sowie der Commerzbank beteiligt und hat 2018 außerdem eine weitere angeschlagene Landesbank, die HSH Nordbank, übernommen. Dass ausgerechnet eine nassforsch auftretende amerikanische Gesellschaft nun auch noch die Nord LB retten könnte, passt nicht ins Weltbild vieler Sparkassen. Trotzdem scheinen andere Landesbanken wie beispielsweise die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) nicht gewillt, sich stattdessen zu beteiligen.

          Auf einer Sitzung in der nächsten Woche will sich Sparkassenpräsident Helmut Schleweis noch einmal für eine interne Lösung einsetzen. Ob das gelingt, ist allerdings völlig ungewiss. Die verworrene Lage zeigt: Es ist viel Courage nötig, um sich 7,5 Prozent Rendite zu verdienen.

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