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Grüne Wertanlagen : Oh je, immer diese Nachhaltigkeit!

Keine Hexerei: Bürger sollen jetzt besser über grüne Investitionen aufgeklärt werden. Bild: dpa

Die EU will die Deutschen zur ökologischen Geldanlage erziehen. Doch die wenigsten wissen, was mit Nachhaltigkeit gemeint sein soll. Deshalb soll nun für Aufklärung gesorgt werden.

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          Kaum ein Thema spaltet die Anleger so sehr wie der Aktionsplan der EU für eine nachhaltige Geldanlage. Auf der einen Seite findet es eine ganze Reihe von Fondsgesellschaften gut, dass die Europäische Union die Zeichen der Zeit erkannt hat und die Geldströme vermehrt dorthin lenken will, wo der Klimawandel bekämpft, die Umwelt geschont und der Abfall reduziert werden kann.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf der anderen Seite fühlt sich eine Gruppe von Vermögensverwaltern bevormundet und mag sich aus Brüssel nicht vorschreiben lassen, nach welchen Gesichtspunkten sie das Geld anzulegen hat. Zudem befürchten die Widersacher des EU-Aktionsplans, dass es zu einer grünen Finanzblase kommen könnte, wenn mutmaßlich nachhaltige Produkte grundsätzlich bevorzugt werden sollen, ohne dass ihre Risiken angemessen berücksichtigt werden.

          Wie auch immer man zu grüner Geldanlage steht: Unstrittig ist, dass der Ende 2019 vorgestellte Kriterienkatalog für die Finanzindustrie, von der EU-Kommission „Taxonomie“ genannt, offenkundige Schwächen hat. Zwar ist der Versuch aller Ehren wert, den Wildwuchs unter dem Begriff Nachhaltigkeit einzuschränken und klar zu definieren, was grün ist und was nur vorgibt, grün zu sein. Doch mehr als ein Kompromiss ist bisher nicht herausgekommen. Vor allem ist noch nicht entschieden, ob Kernenergie als klimafreundlich anzusehen ist, wie vor allem die Atommacht Frankreich behauptet, oder wie nach deutscher Meinung eben nicht. Womöglich stuft die EU-Kommission Atomkraft sowie Erdgas als sogenannte Übergangstechnologien ein und gewährt diesen Energieträgern zumindest eine gewisse Restlaufzeit in der nachhaltigen Geldanlage.

          Mehr als nur ein Modethema

          Die EU nimmt Vermögensverwalter und Finanzinstitute auch in anderer Hinsicht in die Pflicht. Sie sollen nämlich in Zukunft jeden Kunden aktiv fragen, ob und inwieweit er an nachhaltigen Produkten interessiert ist. Das heißt: Wer als Privatanleger künftig zu seinem Bankberater geht, der muss sich nicht nur über seine Risikoneigung im Klaren sein, sondern beispielsweise auch darüber, ob er lieber Anteile an einem herkömmlichen Fonds kauft oder aber an einem, der Klimasünder und andere Schmuddelfirmen ausschließt und daher als nachhaltig gilt. Voraussichtlich wird sich die EU im endgültigen Kriterienkatalog nicht nur auf Umweltschutz konzentrieren, sondern auch soziale Standards und gute Unternehmensführung einfließen lassen. Diese drei Aspekte werden in der Branche unter dem Kürzel ESG (Environment, Social, Governance) zusammengefasst.

          Viele Privatanleger wissen es offenbar zu schätzen, wenn sie über nachhaltige Geldanlage aufgeklärt werden. Dies legen zumindest die Ergebnisse einer Studie der Fondsgesellschaft Fidelity nahe, die der F.A.S. vorliegt. Für das sogenannte Verantwortungsbarometer, das alle zwei Jahre in Deutschland erfasst wird, wurden im vergangenen Sommer 3240 Personen ab 14 Jahren befragt. In der aktuellen Erhebung wurde erstmals ermittelt, was aus Sicht der Befragten passieren müsste, damit sie in ein nachhaltiges Finanzprodukt investieren.

          Fast zwei Drittel gaben an, ESG-Produkte müssten verständlicher werden. Die Hälfte der Befragten wünschte sich Gewissheit, dass die Rendite gegenüber herkömmlichen Produkten nicht schmaler ausfällt. Und nahezu jeder Zweite würde sein Geld nachhaltig anlegen, wenn seine Bank ihn konkret auf entsprechende Produkte hinweisen würde. Werden die EU-Pläne umgesetzt und die Berater verpflichtet, sich nach dem grünen Gewissen eines jedes Anlegers zu erkundigen, sollte dieses Manko verschwinden. „Wir wollen und sollten uns als Branche in die Pflicht nehmen lassen“, sagt Alexander Leisten, Leiter des Deutschlandgeschäfts von Fidelity. „Nachhaltigkeit darf kein losgelöstes Modethema sein, sondern muss selbstverständlich in den gesamten Investmentprozess integriert werden.“

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