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Realzinsen : Ein mickriges halbes Prozent

Fürs Ersparte gibt es so gut wie keine Zinsen mehr – zumindest, wenn man sichere Anlagen bevorzugt. Bild: dpa

Selbst in einem langen Wirtschaftsaufschwung verträgt die Wirtschaft in Deutschland und Amerika keinen Realzins über 0,5 Prozent mehr. Das ist ein dramatischer Befund.

          In den Vereinigten Staaten liegen die kurzfristigen Geldmarktzinsen ebenso wie die langfristigen Anleiherenditen bei knapp 2,5 Prozent. Die Inflationsrate beträgt, wie von der Fed beabsichtigt, rund 2 Prozent. Das bedeutet: Nach einem zehn Jahre währenden Konjunkturaufschwung sowie einer sehr hohen Beschäftigung generiert die amerikanische Wirtschaft noch einen realen, das heißt um die Inflationsrate bereinigten Zins von etwa einem halben Prozent für sichere Kapitalanlagen.

          Das ist ein im historischen Vergleich fraglos sehr niedriger, aber auch kein ganz ungewöhnlicher Wert, wie sehr langfristige Analysen der Renditen von Kapitalanlagen belegen. Sehr niedrig wirkt der Zins vor allem im Vergleich zur Situation in den achtziger und frühen neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als in den Vereinigte Staaten vorübergehend zweistellige Leitzinsen zu beobachten waren. Langfristig betrachtet, waren die damaligen, von hoher Inflation begleiteten Zinssätze ebenso Ausreißer nach oben wie die Renditen von 8 Prozent, die nach der deutschen Wiedervereinigung mit zehnjährigen Bundesanleihen zu erzielen waren.

          Während in Teilen der deutschen Debatte immer noch die mit keiner zeitgenössischen Wirtschaftslehre erklärbare Idee kursiert, ein sehr niedriger Zins könne nur das Ergebnis geldpolitischer Manipulationen darstellen, ist die internationale Debatte erheblich weiter. Und tatsächlich lässt sich die amerikanische Notenbank mit Blick auf die bloßen Fakten nicht alleine als böser Bube in die Ecke stellen: Die Fed hat schon Ende 2014, also vor mehr als vier Jahren, den Aufbau ihrer Anleihebestände beendet. Seit dem vorvergangenen Jahr hat sie diese Bestände um immerhin rund 500 Milliarden Dollar reduziert. Dieser Prozess wird sich zumindest bis in den Herbst fortsetzen.

          Eine geldpolitische Normalisierung gehört ins Reich der Phantasie

          Zudem hat die Fed seit dem Jahr 2015 ihren kurzfristigen Leitzins mehrfach erhöht. Mittlerweile liegt er zwischen 2,25 und 2,5 Prozent. (Die Fed nennt für den Leitzins eine Spanne, keinen festen Wert.) Doch ihre ursprünglichen Pläne, den Leitzins weiter zu erhöhen, hat die Fed angesichts eines nachlassenden Wirtschaftswachstums, wackliger Börsenkurse und sich verschlechternder Finanzierungsbedingungen der Unternehmen aufgegeben. An den Finanzmärkten wird nun eher eine Leitzinssenkung als eine weitere Erhöhung erwartet.

          Offensichtlich verträgt die amerikanische Wirtschaft selbst in einer von sehr niedriger Arbeitslosigkeit begleiteten, durch expansive Finanzpolitik angeregten und durch hohe Unternehmensgewinne gekennzeichneten langen Blüte der Konjunktur keinen über 2,5 Prozent reichenden Nominalzins – beziehungsweise über 0,5 Prozent reichenden Realzins – mehr.

          Das ist ein dramatischer Befund. Denn da die amerikanische Volkswirtschaft immer noch dynamischer wächst als die schneller alternden Volkswirtschaften Europas und Japans, steht zu befürchten, dass Europa und Japan selbst unter Ausnutzung ihrer derzeitigen wirtschaftlichen Wachstumspotentiale keinen Realzins für sichere Kapitalanlagen von 0,5 Prozent oder darüber aushalten dürften. Ideen einer geldpolitischen Normalisierung, in der Zinsniveaus wie vor der Finanzkrise erreicht werden können, gehören im aktuellen Umfeld, in dem die Konjunktur zu schwächeln beginnt, ins Reich der Phantasie.

          Auch auf lange Sicht wohl sehr niedrige Zinsen

          Der wichtigste Grund für den niedrigen Realzins ist die ungebrochene Macht seit langem wirkender Trends, deren Ende noch nicht nahe scheint. Die demographische Entwicklung, die gut verdienende Babyboomer noch einige Zeit lang am Ende ihrer Karrieren hohe Ersparnisse bilden lässt, gehört ebenso dazu wie die wachsende Neigung von Unternehmen, in der digitalen Revolution kapitalintensive Sachinvestitionen durch immaterielle Investitionen zu ersetzen. Das sind Investitionen in Forschung und Entwicklung, Humankapital, Software, Markenrechte und Patente, die keinen hohen Kapitaleinsatz erfordern.

          Die schwachen Produktivitätszuwächse halten den Realzins ebenso niedrig wie die angesichts wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit kräftige Nachfrage von Großanlegern nach Staatsanleihen mit guter Bonität. Gedrückt werden die Renditen zudem durch Regulierungen, die Geschäftsbanken zum Kauf von Staatsanleihen ermuntern, sowie durch Anleihekaufprogramme von Notenbanken.

          Der niedrige Realzins ist ein Fluch, weil er mit negativen Begleiterscheinungen einhergeht. Er enttäuscht Zinssparer, er beeinflusst die Verteilung von Einkommen und Vermögen, und er begünstigt womöglich wirtschaftliche Konzentration. Der niedrige Realzins ist aber kein Schicksal. Es sind Bedingungen denkbar, unter denen er steigen kann. Zu nennen wären der Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand, wonach deren Ersparnisbildung nachlassen dürfte, sowie ein Produktivitätszuwächse generierender technischer Fortschritt, der wieder mehr Investitionen in Sachkapital anregt. Auf Sicht der kommenden Jahre werden aber alle am Wirtschaftsprozess Beteiligten, Privathaushalte wie Unternehmen und die Finanzbranche, gut daran tun, sich auf weiterhin sehr niedrige Zinsen einzustellen.

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