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Minizinsen : Sparer, achtet auf den Zinseszins

Ein bisschen Zinsen gibt es immer noch. Bild: Picture-Alliance

Viele Sparer haben es aufgegeben, sich noch um Zinsen für ihr Erspartes zu bemühen. Dabei vergeben sie so eine einmalige Chance.

          5 Min.

          Die Frustration über die niedrigen Zinsen nimmt immer erschütterndere Formen an. Im ostdeutschen Städtchen Stendal in der Altmark hebt der Chef der örtlichen Volksbank hervor, sein Institut werde auch in Zukunft kein Geld für die Verwahrung der Kundenersparnisse verlangen.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das mache man großzügigerweise auch weiterhin kostenlos. Lediglich jene 0,4 Prozent, die das Institut selbst für seine Einlagen beim genossenschaftlichen Spitzeninstitut DZ-Bank zahlen müsse, die gebe man jetzt an Kunden weiter – sofern diese Spareinlagen über 100.000 Euro hätten.

          Ähnlich macht es mittlerweile eine ganze Reihe kleinerer Banken, ob in Altenburg im Osten, Gmund im Süden oder Mölln im hohen Norden. Andere Institute, mehr als 100 in Deutschland sollen es inzwischen sein, haben den Zins für ihre Tagesgeldkonten zumindest ganz auf null gesetzt.

          Einige, wie die Commerzbank, haben dem mittlerweile auch sprachlich Rechnung getragen. Die Bank gab ihrem früheren „Top-Zins-Konto“ den ungleich bescheideneren Namen „Tagesgeldkonto“. Und wirbt jetzt kurzerhand damit, Kleinsparers Kröten wenigstens „sicher“ und „kostenlos“ zu hüten.

          Die Deutschen sparen mehr als früher

          Kein Wunder bei so viel Nullzins-Propaganda, dass die Menschen sich inzwischen geistig ganz auf ein Zeitalter ohne Zinsen einstellen. Nach der Finanzkrise und der Euro-Krise kommt dann eben die Nullzins-Zeit. Der Sparkassenverband spricht von Resignation, die sich im Sparer-Deutschland breitmache.

          Gut eine Billion Euro werden hierzulande mittlerweile auf Girokonten und bar gehalten, rund ein Fünftel des Geldvermögens der privaten Haushalte. Weitere Riesensummen sind auf Sparkonten geparkt, die praktisch oder faktisch auch mit null Prozent verzinst werden. Ein frustrierter Sparer unkte neulich, sein Banker habe ihm zu Festgeld geraten - jetzt habe er die ganzen Münzen im Keller.

          Und den Weltspartag am Freitag hatten böse Zungen kurzerhand in Volkstrauertag umbenannt. Aber was machen die Deutschen? Sparen sie weniger, weil es nichts mehr fürs Ersparte gibt? Im Gegenteil, so zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Die Sparquote der privaten Haushalte ist seit ihrem Tiefpunkt im Jahre 2013 wieder gestiegen. Die Deutschen sparen sogar mehr – nur eben ohne Zinsen.

          Der Zinseszins ist wichtig

          Offenkundig hat die Niedrigzinsphase viele Menschen so beeindruckt, dass sie sich nicht mal mehr bemühen, etwas höhere Zinsen für ihr Erspartes zu bekommen, indem sie etwa zu einer Bank mit besseren Konditionen wechseln. Zugegeben: Leicht ist das nicht, die Ultratiefzinsen sind ja nicht eingebildet, sie prägen vielmehr die Bankenlandschaft.

          Gleichwohl gibt es immer noch ganz seriöse Banken, die beispielsweise gut 1 Prozent Zinsen für Festgeld auf zwölf Monate zahlen. Doch man kann das Gefühl haben, viele Deutsche hätten den Zins selbst, das Phänomen und alles, was damit zusammenhängt, für sich mittlerweile aufgegeben. Ganz nach dem Motto: Für ein Prozent Zinsen im Jahr lohnt es sich angesichts meiner Kleckerbeträge doch nicht einmal, mir den Kopf zu zerbrechen – da spar ich mir meine Energie lieber.

          Doch das ist fatal. Wenn ein ganzes Volk den Zins für sich abschreibt, dann wird ein Mechanismus seiner Grundlage beraubt, den Nobelpreisträger Albert Einstein als das „achte Weltwunder“, als „die stärkste Kraft im Universum“ und als „die größte Erfindung des menschlichen Geistes“ bezeichnet haben soll.

          Es geht um den Zinseszins. Um jene bemerkenswerten Folgen, die es rein mathematisch hat, wenn ein kleiner Grundbetrag über lange Zeit stets Jahr für Jahr um einen bestimmten Prozentsatz erhöht wird - und sich diese Erhöhungen so auf eine größer und größer werdende Summe beziehen.

          In alten Zeiten wurde solcherlei exponentielles Wachstum gern mit der Geschichte vom Erfinder des Schachspiels beschrieben. Dieser soll sich als Belohnung vom König ausbedungen haben, dass ihm die Felder eines Schachbretts mit Weizenkörnern bedeckt würden. Und zwar eins auf das erste Feld, zwei auf das zweite, vier aufs dritte, und so weiter. Der König soll leichtfertigerweise zugesagt haben. Nicht abschätzend, dass zur Erfüllung dieser Bitte derart viele Körner nötig wären, dass man damit die gesamte Erdoberfläche bedecken könnte.

          So rechnet sich der Zinseszins

          Nun steigt das Ersparte durch den Zinseszins nicht so schnell wie die Zahl der Körner auf dem Schachbrett. Die Wachstumsrate ist leider deutlich kleiner, gerade heutzutage. Auch das ist ein Teil der Wahrheit zum Zinseszins. Dennoch gibt es Parallelen. Auf ein paar Jahre betrachtet, fällt der Zinseszins kaum ins Gewicht - über viele Jahre wird er zu einer gewaltigen Macht.

          Für den Sparer hat der Zinseszins zur Folge, dass die Zeit zum entscheidenden Kriterium wird. Für ihn geht es um die Frage, ob er die Zeit für sich hat oder gegen sich. Wer ganz auf Zinsen verzichtet, verliert derzeit angesichts einer kleinen Inflation von zuletzt 0,8 Prozent nur wenig Kaufkraft. Heftig aber wird der Schaden auf lange Sicht.

          Dazu ein kleines Rechenbeispiel. Nehmen wir an, jemand legt 100.000 Euro zurück, die er fürs Alter braucht. In einem Jahr ist daraus angesichts mickriger Bankzinsen nicht viel mehr geworden, bei einem Prozent sind es 101.000 Euro.

          Über längere Zeit aber macht sich der Zinseszins bemerkbar. Früher, als man noch locker 4,5 Prozent auf dem Sparkonto bekommen konnte, hätte man nach 30 Jahren mit Zins und Zinseszins 374.531,81 Euro gehabt - ohne Zinseszins nur 23500 Euro. Heute, bei einem Prozent, würden aus 100.000 Euro mit Zinseszins in 30 Jahren 134.784,89 Euro - ohne Zinseszins nur 130.000 Euro. Von der Differenz könnte man gut Urlaub machen - aber nicht längere Zeit leben.

          Den Zinseszins gibt es weiter, man darf ihn nicht vernachlässigen - nur bringt er weniger als früher. Das wird in den nächsten Jahren die Altersvorsorge prägen. Egal, ob bei Lebensversicherungen, berufsständischen Formen der Altersvorsorge, bei Betriebsrenten oder beim privaten Ansparen: Überall dürfte es weitere Schwierigkeiten geben, weil es an Zinseszins fehlt, wenn die Zinsen weiter so niedrig bleiben.

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          Und dafür spricht viel: Immerhin hat Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, nach der zurückliegenden Zinssitzung in Frankfurt hervorgehoben, die Notenbank wolle ihre lockere Geldpolitik fortsetzen. Und manche Ökonomen rechnen sogar mit einer „säkularen Stagnation“, gleichsam einem Jahrhundert fast ohne Wachstum und Zinsen. Sparer müssen sich wohl oder übel darauf einstellen. Das sollte sie aber nicht resignieren lassen - sondern zur klügeren Geldanlage animieren.

          Der Aktien-Zinseszins lockt

          Manche Banken versuchen derweil, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie bieten offensiv Sparkonten ohne Zinseszins an. Die Bigbank, ein (entgegen dem Namen eher kleines) Kreditinstitut mit Sitz in Tartu in Estland, warb im Frühjahr auf der Anlegermesse Invest in Stuttgart für ein solches Konto. Zwei Prozent Zinsen auf zehn Jahre sollte es geben, ohne Zinseszins. Die Zinsen werden erst am Ende der Laufzeit ausgezahlt, so dass bei diesem Bankprodukt bauartbedingt der Zinseszins entfällt. Dafür wird ein etwas höherer nominaler Zinssatz gewährt - am Ende nimmt es sich für den Sparer nicht viel.

          Einen Ausweg aus der Zins-Misere bietet das nicht - andere Formen der Geldanlage sind gefragt. „So richtig in Gang kommt der Zinseszins erst ab etwa 5 Prozent Rendite im Jahr“, meint Andreas Hackethal, Finanzprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität. Er ist der Ansicht, zumindest für Beträge, die man längerfristig anlegen will, sollte man daher eine Rendite von „5 Prozent plus“ anstreben.

          Illusorisch? Nein es ist möglich, meint Hackethal, wenn man das Geld in Aktien investiert und die Dividende wieder am Aktienmarkt anlegt. So lässt sich auch mit Aktien eine Art Zinseszins erwirtschaften - bei höheren Zuwachsraten. Finanzprofessor Hackethal hält diesen Aktien-Zinseszins in dieser Phase der Geschichte sogar für den einzig wahren: „Der Zinseszinseffekt spielt derzeit nur den Aktienanlegern ins Portemonnaie.“ Höchste Zeit also, das Schachbrett-Wunder auf diese Weise wirken zu lassen.

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