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Minizinsen : Sparer, achtet auf den Zinseszins

So rechnet sich der Zinseszins

Nun steigt das Ersparte durch den Zinseszins nicht so schnell wie die Zahl der Körner auf dem Schachbrett. Die Wachstumsrate ist leider deutlich kleiner, gerade heutzutage. Auch das ist ein Teil der Wahrheit zum Zinseszins. Dennoch gibt es Parallelen. Auf ein paar Jahre betrachtet, fällt der Zinseszins kaum ins Gewicht - über viele Jahre wird er zu einer gewaltigen Macht.

Für den Sparer hat der Zinseszins zur Folge, dass die Zeit zum entscheidenden Kriterium wird. Für ihn geht es um die Frage, ob er die Zeit für sich hat oder gegen sich. Wer ganz auf Zinsen verzichtet, verliert derzeit angesichts einer kleinen Inflation von zuletzt 0,8 Prozent nur wenig Kaufkraft. Heftig aber wird der Schaden auf lange Sicht.

Dazu ein kleines Rechenbeispiel. Nehmen wir an, jemand legt 100.000 Euro zurück, die er fürs Alter braucht. In einem Jahr ist daraus angesichts mickriger Bankzinsen nicht viel mehr geworden, bei einem Prozent sind es 101.000 Euro.

Über längere Zeit aber macht sich der Zinseszins bemerkbar. Früher, als man noch locker 4,5 Prozent auf dem Sparkonto bekommen konnte, hätte man nach 30 Jahren mit Zins und Zinseszins 374.531,81 Euro gehabt - ohne Zinseszins nur 23500 Euro. Heute, bei einem Prozent, würden aus 100.000 Euro mit Zinseszins in 30 Jahren 134.784,89 Euro - ohne Zinseszins nur 130.000 Euro. Von der Differenz könnte man gut Urlaub machen - aber nicht längere Zeit leben.

Den Zinseszins gibt es weiter, man darf ihn nicht vernachlässigen - nur bringt er weniger als früher. Das wird in den nächsten Jahren die Altersvorsorge prägen. Egal, ob bei Lebensversicherungen, berufsständischen Formen der Altersvorsorge, bei Betriebsrenten oder beim privaten Ansparen: Überall dürfte es weitere Schwierigkeiten geben, weil es an Zinseszins fehlt, wenn die Zinsen weiter so niedrig bleiben.

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Und dafür spricht viel: Immerhin hat Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, nach der zurückliegenden Zinssitzung in Frankfurt hervorgehoben, die Notenbank wolle ihre lockere Geldpolitik fortsetzen. Und manche Ökonomen rechnen sogar mit einer „säkularen Stagnation“, gleichsam einem Jahrhundert fast ohne Wachstum und Zinsen. Sparer müssen sich wohl oder übel darauf einstellen. Das sollte sie aber nicht resignieren lassen - sondern zur klügeren Geldanlage animieren.

Der Aktien-Zinseszins lockt

Manche Banken versuchen derweil, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie bieten offensiv Sparkonten ohne Zinseszins an. Die Bigbank, ein (entgegen dem Namen eher kleines) Kreditinstitut mit Sitz in Tartu in Estland, warb im Frühjahr auf der Anlegermesse Invest in Stuttgart für ein solches Konto. Zwei Prozent Zinsen auf zehn Jahre sollte es geben, ohne Zinseszins. Die Zinsen werden erst am Ende der Laufzeit ausgezahlt, so dass bei diesem Bankprodukt bauartbedingt der Zinseszins entfällt. Dafür wird ein etwas höherer nominaler Zinssatz gewährt - am Ende nimmt es sich für den Sparer nicht viel.

Einen Ausweg aus der Zins-Misere bietet das nicht - andere Formen der Geldanlage sind gefragt. „So richtig in Gang kommt der Zinseszins erst ab etwa 5 Prozent Rendite im Jahr“, meint Andreas Hackethal, Finanzprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität. Er ist der Ansicht, zumindest für Beträge, die man längerfristig anlegen will, sollte man daher eine Rendite von „5 Prozent plus“ anstreben.

Illusorisch? Nein es ist möglich, meint Hackethal, wenn man das Geld in Aktien investiert und die Dividende wieder am Aktienmarkt anlegt. So lässt sich auch mit Aktien eine Art Zinseszins erwirtschaften - bei höheren Zuwachsraten. Finanzprofessor Hackethal hält diesen Aktien-Zinseszins in dieser Phase der Geschichte sogar für den einzig wahren: „Der Zinseszinseffekt spielt derzeit nur den Aktienanlegern ins Portemonnaie.“ Höchste Zeit also, das Schachbrett-Wunder auf diese Weise wirken zu lassen.

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