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Weltspartag : Warum das Sparen nicht überflüssig ist

Das Sparschwein hat nicht ausgedient. Man muss es nur richtig füttern. Bild: dpa

Sparen bringt heute nichts mehr, sagen viele. Am Besten lasse man es ganz. Zwei Irrtümer: Falsch verstanden, hat es noch nie etwas gebracht. Richtig verstanden, ist es so wichtig wie eh und je.

          Der Weltspartag scheint so deutsch wie selten etwas anderes. Ist er aber nicht – denn sonst hieße er ja auch nicht Welt-Spartag. Die Geburtsstunde des „World Thrift Day“ schlug, als im Jahr 1924 in Mailand erstmals Sparkassen-Delegierte aus 27 Ländern von Japan bis Uruguay zusammentrafen: „Kein Ruhetag, sondern ein Tag der Arbeit und des Handelns, inspiriert vom Ideal des Sparens mit dem Blick darauf, dessen Prinzipien durch Beispiel, Wort und Bild zu propagieren“, hieß es in einer Resolution des Kongresses.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das war ein hehres Ziel, als Banken noch mit knalligen Slogans warben wie „Lieber ordentliche Zinsen als blöde Plastikschweine geschenkt bekommen!“ Das war in den achtziger Jahren so, als es noch deutlich mehr als zwei Prozent Zinsen aufs Sparbuch gab, ganz zu schweigen von fünf Prozent in den frühen Siebzigern und Achtzigern.

          Heute verzweifelt der klassische deutsche Sparer schier. Im Juli sank der Zins auf Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist erstmals unter 0,2 Prozent – als ob das noch einen Unterschied ausgemacht hätte zu den 0,28 Prozent, die es vor Jahresfrist gab. Und so flucht man mit der Europäischen Zentralbank, die da die Sparer enteigne.

          Im Schnitt negativ

          Allerdings irrt sich der Sparer. Neu ist nur, dass die gezahlten Zinsen mickrig sind. Gelohnt hat sich das Banksparen in der langen Frist noch nie. Denn nach Abzug der Inflation waren die Zinsen auch schon in der Vergangenheit oft negativ. Das war etwa in den frühen Neunzigern der Fall, als die Banken zwar fast drei Prozent Zinsen zahlten, Inflationsraten von 5 Prozent und mehr aber die Sparguthaben schneller auffraßen als heute. Auch zur Mitte der Siebziger war unter diesen Gesichtspunkten der Weltspartag alles andere als ein Fest. Spitzenwerte von real 2 Prozent Zinsen sind indes schon lange her. Das war zuletzt 1986 der Fall.

          Im Durchschnitt lagen die realen Sparzinsen in Deutschland seit 1967 bei minus 0,05 Prozent. Wer das dem Euro anlasten möchte, irrt. Denn zwischen 1967 und 1999 lagen die Sparzinsen in Deutschland real bei durchschnittlich minus 0,1 Prozent. Aber weil kaum etwas so sicher ist wie das Sparbuch oder vergleichbare Anlagen, ist das am Ende eigentlich keine Überraschung.

          Denn so knapp ist Geld schon lange nicht, als dass es Banken nötig hätten, kleinste Mengen teuer zu bezahlen. Dass die Zinsen höher ausfallen, wenn Geldinstitute dies brauchen, zeigt sich etwa auf Plattformen wie Zinspilot. Hier bieten kleine Banken aus Rumänien, Bulgarien und ähnlichen Ländern noch hohe Zinsen – und zudem ist das Risiko etwa bei der maltesischen Fimbank schon höher als etwa bei der Stadtparkasse Düsseldorf.

          Zinseszins richtig einschätzen

          Letztlich also war das Sparen im allgemeinen längerfristig immer nur dazu gut dazu, wie man sagt, „die Groschen zusammenzuhalten.“ Und das ist schon etwas wert und reicht für manche Zwecke aus. Die Consorsbank etwa berichtet unter Berufung auf 4000 befragte Kunden, dass das zweit- und dritthäufigste Sparziel Urlaubsreisen und Autos sind. Diese vergleichsweise kurzfristigen Wünsche sind gut dadurch zu realisieren, dass man Geld beiseite legt. Eine sichere Anlage sorgt dafür, dass am Ende der Sparperiode kein Geld verloren gegangen ist und ein kleiner Zins dafür, dass sich der Inflationsschaden zumindest in Grenzen hält.

          Das am häufigsten genannte Ziel war allerdings der Vermögensaufbau. Dieser ist und war mit klassischem Sparen nie zu bewerkstelligen. Doch nicht wenige Bundesbürger neigen dazu, nicht nur die Risiken von langfristigen Vermögensanlagen zu überschätzen, sondern unterschätzen auch die Chancen von Sparanlagen. Selbst im gegenwärtigen Niedrigzins-Umfeld hielt noch jeder Achte der im Auftrag der Investmentfondsgesellschaft Fidelity Befragten bei Sparbuch, Tages- oder Festgeld eine Rendite von 5 Prozent pro Jahr für möglich. Ein Grund sei auch, dass Viele den Zinseszinseffekt nicht richtig einschätzten.

          Gerald Klein, Gründer der automatisierten Anlageplattform Growney, eines sogenannten „Robo-Advisors“, plädiert für einen Ersatz des Weltspartags durch einen Weltanlegertag. Das sei zeitgemäßer und helfe, Vorbehalte abzubauen.

          Denn die Angst, die Deutsche noch mehr umtreibt als Bürger anderer Nationen, ist die Einschätzung von Investments als Spekulationsgeschäften mit der Sorge vor Verlusten. Das rührt aus der mangelnden Unterscheidung zwischen langfristigem und kurzfristigem Sparen. Die Fondsgesellschaft JP Morgan hat für den Zeitraum zwischen 1950 und 2016 eine Geldanlage untersucht, die zur Hälfte aus Unternehmensanteilen (Aktien) und Schuldverschreibungen (Anleihen) bestand. Über die Dauer eines Jahres waren 49 Prozent Gewinn, aber auch 24 Prozent Verlust drin. Schon über 5 Jahre betrug der mögliche Verlust nur noch ein Prozent jährlich und über 20 Jahre hieß das schlechteste Ergebnis plus vier Prozent pro Jahr. Real wäre das in Deutschland seit 1967 immer ein Gewinn gewesen, wenngleich manchmal nur knapp. Aber jedenfalls immer besser als ein Sparbuch.

          Trotzdem hat der Weltspartag seinen Sinn trotz niedriger (Nominal-)Zinsen nicht verloren. Man muss Sparen nur anders verstehen. Auch Wertpapiersparen ist Sparen und nicht jede Art des Sparens eignet sich für jedes Ziel. Ein Kind, das auf eine Puppe spart, braucht dafür keine Aktien. Und wer sich eine neue Einbauküche kaufen will, auch nicht. Doch wer gar nicht spart, der kann naturgemäß Sparziele nicht erreichen. Es sei denn, man lebt auf Pump und hinterlässt die Schulden am Ende seinen Gläubigern oder Erben. Das geht natürlich auch.

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