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Wacklige Börsen : Was taugt die Absicherung über ETF?

Im ETF steht der Konsumgüterhersteller Johnson & Johnson ganz oben. Bild: Reuters

Die Anbieter passiver Indexfonds versprechen viele Lösungen auch für rauhe Marktphasen. Erste Erfolge scheine vielversprechend, doch die echte Bewährungsprobe steht noch aus.

          Börsengehandelte Indexfonds sind für viele Anleger inzwischen das Produkt der Wahl. Wer mit solchen preisgünstigen und einfach zu verstehenden ETF schlicht einen großen Aktienindex wie den Dax oder den Dow Jones verfolgt, konnte in den vergangenen Jahren nicht viel falsch machen. Doch können die Indexfonds auch in rauher werdenden Börsenzeiten noch Freude bereiten? Die Anbieter meinen: aber klar. Schließlich lässt sich über Indexfonds schon lange nicht mehr einfach nur in gesamte Märkte investieren. Über immer neue Gewichtungen, Themen und Faktoren versuchen die Fondsgesellschaften, den Anlegern ETF für jede Gelegenheit schmackhaft zu machen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es sind die gleichen Zauberwörter, die man dieser Tage von vielen Marktfachleuten hört: Statt auf die Wachstumswerte der vergangenen Jahre sollten Anleger stärker auf Qualität, Substanz und niedrige Volatilität setzen. Und für all das gibt es eigene ETF-Produkte, für die sich der Name Faktor-ETF durchgesetzt hat. Die Anbieter nehmen sich dafür in der Regel einen herkömmlichen Aktienindex wie den MSCI World zur Hand und suchen aus den darin vertretenen Aktien nur diejenigen heraus, welche die gewünschten Kriterien erfüllen.

          Bewährungsprobe noch nicht messbar

          Für den Faktor „Qualität“ sind das zum Beispiel Unternehmen, die schon über mehrere Jahre stabile Gewinne erzielen, eine hohe Eigenkapitalquote aufweisen und niedrig verschuldet sind. Ihnen traut man eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen eine Eintrübung der Konjunktur zu oder – wegen der niedrigen Schulden – auch gegen steigende Zinsen. Viele Titel, die in der Aufschwungphase besonders kräftig gewachsen sind, fallen aus solchen Auswahlindizes dann heraus oder werden niedriger gewichtet. Im MSCI World Quality findet sich so anders als im herkömmlichen Welt-Index etwa Amazon nicht unter den größten Einzelwerten. Zudem spielen im „Qualitäts“-Fonds Aktien aus Großbritannien, Hongkong und der Schweiz eine größere Rolle als im normalen Welt-Index.

          Den Lackmustest mussten Faktor-ETF bislang noch nicht bestehen, weil sie schlicht noch nicht lange genug am Markt sind. Einen echten Crash gab es zu ihren „Lebzeiten“ noch nicht. So hilft nur ein Blick auf die turbulenten Zeiten des vergangenen Jahres. Einmal im Februar und einmal vor drei Wochen legten die Weltbörsen einen nennenswerten Rücksetzer hin. Haben sich die vermeintlichen Qualitäts-Fonds wirklich besser geschlagen?

          ETF mit niedriger Volatilität

          Schaut man auf den Chartverlauf der beiden ETF des Marktführers Ishares MSCI USA und MSCI USA Quality, so unterscheiden sie sich, über das gesamte Jahr betrachtet, mit wenigen Ausnahmen kaum. Beide stehen heute etwa 10 Prozent höher als vor einem Jahr. Den Rücksetzer Anfang Februar konnte die Qualitätsvariante zwar besser abfedern: Dieser ETF verlor vom 1. bis zum 9. Februar nur 3,9 Prozent an Wert, der herkömmliche Fonds gab im gleichen Zeitraum 10,3 Prozent ab. Allerdings holte er rasch wieder auf: Schon eine Woche später stand es nur noch minus 1,2 zu minus 1,6 Prozent. Den Oktober-Rücksetzer hat der sogenannte Quality-ETF bislang sogar etwas schlechter verkraftet als sein großer Bruder. Auch wenn für eine echte Bewertung natürlich ein längerer Zeitraum nötig wäre, konnte der Qualitäts-Fonds seinem Namen auf diese kurze Sicht zumindest noch keine Ehre machen.

          Ein weiterer gängiger Nervenschoner für unsichere Anleger sind die ETF, die eine niedrige Volatilität versprechen, deren Kurse also weniger stark schwanken. Im MSCI World fallen die großen Silicon-Valley-Konzerne hier aus der Wertung. Im ETF, der nach diesem Kriterium gewichtet ist, stehen dagegen der Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson und der Northrop Grumman, ein Waffenhersteller, ganz oben. Vergleicht man hier den Chartverlauf des Xtrackers MSCI World mit dem des MSCI World Minimum Volatility, so läuft die Faktor-Variante dem Standardprodukt die meiste Zeit des Jahres hinterher. Direkt nach dem Februar-Schock stand der Faktor-Anleger sogar schlechter dar als der im herkömmlichen ETF. Erst in den vergangenen Wochen nach dem Oktober-Rücksetzer hat sich die Minimum-Volatility-Strategie ein wenig ausgezahlt.

          Ideale Anlegestrategie für schlechte Zeiten

          Allzu große Preisunterschiede liegen inzwischen nicht mehr zwischen den herkömmlichen ETF und ihren nach Faktoren gewichteten Geschwistern. Im Falle der beiden Xtrackers-Produkte liegt die Gebühr für den Faktor-ETF bei 0,25 Prozent, die für den herkömmlichen bei 0,19 Prozent. Ein weiteres Manko der Faktor-ETF ist allerdings, dass sie meist relativ klein sind. Im MSCI World Minimum Volatility liegen gerade einmal 150 Millionen Euro, verglichen mit 2,8 Milliarden Euro im herkömmlichen. Gerade wenn es stürmisch wird an der Börse, dürften sich die Anteile an einem weniger stark nachgefragten ETF schlechter verkaufen lassen als die der Promenadeprodukte.

          Wer kurzfristig auf fallende Kurse setzen will, kann das natürlich auch über einen sogenannten Short-ETF machen. Solche Produkte sind allerdings hochspekulativ und gelten selbst in Branchenkreisen als reine Produkte für Fachleute.

          Eine ganz klassische Anlagestrategie für schlechte Zeiten lässt sich dagegen ganz ideal über ETF umsetzen, nämlich das Setzen auf defensive Branchen wie Gesundheit, Nahrungsmittel oder Telekommunikation. Anders als bei sogenannten zyklischen Werten werden die Produkte solcher Unternehmen in der Regel unabhängig vom Lauf der Konjunktur nachgefragt. Einzelne Branchen aus den großen Indizes herauszuschälen ist seit jeher eine Kernkompetenz der ETF-Anbieter.

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