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Vermögen : Wohin jetzt mit dem Geld?

  • -Aktualisiert am

Die Bank will’s jedenfalls nicht haben. Bild: Dieter Rüchel

Für unerfahrene Anleger ist der Weg zu einem ertragbringenden Depot oft mit Verlusten gepflastert. Hier geben vier Vermögensverwalter Tipps, wie es mit dem Geldanlegen klappt.

          5 Min.

          Bringt es noch etwas in Anleihen zu investieren? Wie gut sind Kryptowährungen? Fonds oder Einzelaktien? Beim Aufbau eines Anlagevermögens sind viele Fragen zu beantworten.

          Auch wenn Sie konservativ sind: Kaufen Sie Aktien!

          Durch die extreme Zinssituation an den Kapitalmärkten wird es immer schwerer, sein Geld richtig anzulegen. Fast alle Anlageklassen sind so hoch bewertet wie noch nie. Die Aktienmärkte notieren an Rekordhochs. Das Zinsniveau ist so niedrig, dass man bei Anlagen, die eine feste Verzinsung haben, keine oder nur geringe Rendite erwarten kann. Bei festverzinslichen Anleihen muss man höhere Ausfall- oder Zinsänderungsrisiken eingehen, die der Rendite kaum gerecht werden.

          Weil es pauschale Lösungen nicht gibt, sollte sich ein Anleger Zeit nehmen und sich als erstes Gedanken darüber machen, welches Ziel die Geldanlage für ihn hat: Vermögenserhalt, Vermögenszuwachs, Finanzierung des Lebensunterhalts – oder werden in absehbarer Zukunft Gelder benötigt? Ist das Ziel definiert, können der Anlagehorizont, die Risikobereitschaft und die Risikotragfähigkeit ermittelt werden. Bei der Risikotragfähigkeit spielen sehr individuelle Faktoren wie das Alter, die finanziellen Verhältnisse und Verpflichtungen eine Rolle.

          Daraus ergibt sich ein Rendite-Risiko-Profil, das mittels der verschiedenen Anlageklassen umgesetzt werden kann. Dabei empfiehlt sich eine breite Streuung und auf die Kosten zu achten. Risikobehaftete Anlagen wie Aktien können selbst bei einem konservativen Anleger eine sinnvolle Beimischung darstellen und die Vorzüge eines Sachwerts bieten. Auch festverzinsliche Wertpapiere gehören trotz ihres nicht optimalen Chance-Risiko-Profils zu einer guten Vermögensstruktur. Teilweise können Anleihen durch liquide „Alternative Investments“ ergänzt werden. Hierzu sind jedoch ein tieferes Verständnis und Zugang zu den passenden Produkten nötig.

          Anton Vetter ist Vorstand der inhabergeführten Vermögensverwaltung BV & P Vermögen AG mit Hauptsitz in Kempten.

          Vergessen Sie nicht kleine und günstige Unternehmen!

          Bevor es um die Geldanlage geht, sollten Anleger einen persönlichen Finanzcheck vornehmen. Eine liquide Reserve zur Abdeckung von unerwarteten Ausgaben sollten Anleger immer griffbereit und sicher zurücklegen. Ebenfalls ist es wichtig zu wissen, falls Kredite bestehen, dass liquides Vermögen vorrangig zum Abbau von Kreditverbindlichkeiten genutzt werden sollte.

          Um die persönliche Risikotragfähigkeit festzustellen, empfehlen wir folgenden dreistufigen Risikotest:

          1. Wie viel Risiko kann ich eingehen, ohne andere finanzielle Ziele zu gefährden?

          2. Wie viel Risiko will ich eingehen?

          3. Wie viel Risiko soll ich eingehen? Das Mindestziel eines Anlegers sollte der Erhalt des Realwerts seines liquiden Vermögens sein.

          Wenn ein Anleger festgelegt hat, welcher Anteil seines Geldes in risikobehaftete Anlagen und welcher in risikoarme Anlagen investiert wird, geht es um die Auswahl der konkreten Anlageprodukte. Der risikoarme Teil senkt das Gesamtrisiko als eine Art Anker und gibt dem Anleger die Sicherheit, die er benötigt, um die Schwankungen des risikobehafteten Teils auszuhalten – unabhängig vom Zinsniveau. Für den risikoarmen Baustein bieten sich eine Mischung aus Tagesgeld, Festgeld oder deutschen Staatsanleihen, Pfandbriefen und Kommunalobligationen mit verschiedenen Laufzeiten an. Aus Risikoerwägungen empfehlen wir ausschließlich Banken, die in Deutschland einer Einlagensicherungseinrichtung angehören. Die Einlage sollte pro Einleger strikt auf 100.000 Euro beschränkt werden.

          Im Aktienanteil sollten Anleger das Geld möglichst breit streuen (Diversifikation). Als Anlageprodukte eignen sich Aktien-ETF, die den Weltaktienmarkt abdecken. Diese Aktien-ETF sollten noch mit ETF, die in kleine (Small Caps) und günstig bewertete Unternehmen (Value) investieren, ergänzt werden. Nach größeren Börsenschwankungen sollten Anleger ein Rebalancing vornehmen, indem sie die ursprünglich geplante Aufteilung zwischen risikobehafteten und risikoarmen Anlagen durch Umschichtungen wiederherstellen.

          Thomas Freiberger leitet die Thomas Freiberger Vermögensverwaltung GmbH in München.

          Schauen Sie nach klimafreundlichen Firmen!

          Was man jetzt tun sollte? Investieren! Und das nicht nur, um Negativzinsen zu entgehen. Viel wichtiger sind der Werterhalt und das Wachstum des Vermögens. Wer eine gute Rendite erzielt, mehrt sein Geld und erhöht seinen finanziellen Freiraum. Gerade aktuell ist das zwingend notwendig, denn zu den bestehenden Null- und Minuszinsen bekommen deutsche Anleger eine überdurchschnittliche Inflation zu spüren: Im Juli betrug die Preissteigerung 3,8 Prozent. Bleibt sie in den kommenden Monaten auf dem Niveau, läge die Inflationsrate 2021 bei 2,8 Prozent. Berechnet eine Bank auch noch 0,5 Prozent Minuszinsen, läge der Kaufkraftverlust bei mehr als drei Prozent. In anderen Worten: Aus 100 Euro werden binnen zwölf Monaten weniger als 97 Euro.

          Die Lösung für das Depot sind Aktien und Anleihen. Die Chancen liegen dabei im kontinuierlichen Investieren; Timing, also zu Tiefstkursen kaufen, ist meist ein glücklicher Zufall. Staats- und Unternehmensanleihen guter Bonität puffern nachweislich Schwankungen im Depot ab, auch wenn sie derzeit kaum Zinserträge bringen. Aktienanlagen erfordern generell von Anlegern eine positive Grundeinstellung zu globalem Wirtschaftswachstum. Mit einer „kleinen Beteiligung“ in Form einer Aktie oder eines Aktienfonds an den Gewinnen von Unternehmen sichert sich ein Anleger den realen Vermögensaufbau beziehungsweise Vermögenserhalt.

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          Neudenken : Gute Rendite, gutes Gewissen Bild: iStock

          In der regelmäßigen Überprüfung der Anleihe- und Aktienmischung liegt die Herausforderung für den Anleger. Dabei gilt, sich über die zukünftigen Einschätzungen und Erwartungen an den Finanzmärkten zu informieren, aber auch, auf sein eigenes Bauchgefühl zu hören. Entscheidungen gegen die eigene Überzeugung sind langfristig meist nicht erfolgreich. Genau wie bei Anleihen sollten Anleger auch am Aktienmarkt das Risiko breit streuen und in unterschiedliche Marktsegmente investieren. Wir investieren daher in Europa, den USA und in den Schwellenländern sowohl in Unternehmen im „Large-Cap-Segment“ als auch in Unternehmen im „Mid- und Small-Cap-Segment“.

          Europa und Amerika sollten mit den angekündigten „Green Deal“-Konjunkturprogrammen wieder zu robustem Wachstum kommen. Zudem sehen wir in den Volkswirtschaften Indien und China schon seit einigen Jahren hohes Wachstum und weiterhin enormes Wachstumspotential, getrieben vom Binnenkonsum. Grundsätzlich erwarten wir weiter ein gutes Potential bei Aktien von Unternehmen, die sich als transformierende Wachstumstreiber positionieren und ihre Geschäftsmodelle klima- und ressourcenschonend ausrichten.

          Inge Schäfer-Schmidbauer ist gemeinsam mit Isolde Regensburger Inhaberin des unabhängigen Vermögensverwalters Schäfer Regensburger in Münster.

          Legen Sie so an, dass Sie noch ruhig schlafen können!

          An erster Stelle sollte eine Liquiditätsplanung erfolgen. Wie viel Geld brauche ich als Reserve für die nächsten sechs Monate, beziehungsweise welche größeren Ausgaben in der Zukunft stehen bereits fest? In einem zweiten Schritt sollte Bilanz gezogen werden. Welche Vermögenswerte besitze ich, und welchen Wert haben diese? Fassen Sie dann die Positionen der gleichen Anlagekategorie (beispielsweise selbst genutzte und vermietete Immobilien, offene und geschlossene Immobilienfonds) zusammen, und ermitteln Sie deren prozentualen Anteil am Gesamtvermögen. Zeigt das Ergebnis eine ausgewogene Vermögensverteilung in Form von festverzinslichen Anlagen (Anleihen, Anleihefonds, Sparbücher, Tages- und Festgeld), Immobilien sowie Unternehmensbeteiligungen (Einzelaktien, Aktienfonds, Private Equity) beziehungsweise alternative Ergänzungen wie Edelmetalle oder Kunst auf, oder gibt es größere Ungleichgewichte?

          Wenn Kredite bestehen, sollte als Nächstes geprüft werden, ob die Rückzahlung oder Sondertilgungen möglich sind. Gerade bei eigengenutzten Immobilien ist dies in der Regel sinnvoll.

          Liegen die Vermögenswerte über den Schenkung- oder Erbschaftsteuerfreibeträgen, können Sie sich die Frage stellen, ob Sie diese durch Vermögensübertragungen auf Ihren Ehegatten, Kinder oder Enkel ausnutzen möchten.

          Schätzen Sie Ihre Lebenserwartung ein. Dieser Anlagehorizont gibt Ihnen einen guten Anhaltspunkt, wie lange Sie Ihr übriges Geld anlegen können. Je länger der Zeitraum, umso größere Schwankungen können Sie bei der Geldanlage objektiv eingehen, ohne dass Sie Verluste zu realisieren brauchen. Prüfen Sie nun noch, wo Ihre persönliche, subjektive Verlustschwelle liegt, also bis zu welchem Vermögensrückgang Sie noch ruhig schlafen können, auch wenn die künftige Nachrichtenlage zwischendurch mal wieder emotional anstrengend wird. Beträgt das Ergebnis mindestens drei Jahre Anlagehorizont und 10 Prozent Schwankungstoleranz, können Sie beruhigt in eine Depotstrategie mit einem Aktienfondsanteil von etwa 30 Prozent anlegen. Je größer die Werte, umso größer die Möglichkeiten und somit auch die Renditeerwartungen.

          Mathias Lebtig ist geschäftsführender Gesellschafter der FP Asset Management GmbH in Freiburg.

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