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Regeln ärgern Bankkunden : Der Beratungswahnsinn

Anders gesagt: Wenn es nicht gerade um ein harmloses Tagesgeldkonto geht, ist die Aufzeichnung immer Pflicht. Der Gesetzgeber hat sogar bestimmt, dass der Kunde seine Bank nicht einmal auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin von dieser Pflicht befreien kann.

Wie man hört, führt dies oft zu folgender Situation: Ein Kunde ruft an, um mit seinem Berater eine Anlageidee durchzusprechen, sagen wir den Kauf einer bestimmten Aktie. Was dann passiert, hängt ein bisschen von der installierten Technik in der Bank ab, aber häufig läuft es so: Der Berater macht den Kunden darauf aufmerksam, dass er das Gespräch nun aufzeichnen müsse.

Darum ruft er den Kunden zurück und spielt eine automatische Ansage ab, in etwa dergestalt: „Wegen gesetzlicher Anforderungen wird das Gespräch aufgezeichnet. Falls Sie dies nicht möchten, legen Sie bitte auf.“ Viele Kunden legen dann auf, rufen wieder zurück und fragen: „Können wir jetzt frei reden?“ Wenn der Berater dann verneint, auf das Gesetz verweist und den nächsten Rückruf einleiten muss, kann es am anderen Ende der Leitung schon einmal zu einem Wutanfall kommen.

Langes Reden, kurzer Sinn

Nun könnte man einwenden: Es lässt sich auch aufs Telefon verzichten und ein persönlicher Termin mit dem Berater vereinbaren. Dann fällt die gesetzliche Pflicht zum Mitschnitt weg, der Berater muss aber eine Gesprächsnotiz verfassen. Einfacher macht das die Angelegenheit aber leider nicht. „Gerade das Erstgespräch mit einem Kunden dauert viel länger als früher“, sagt Sabine Niemeyer von der Deutschen Bank, die als Leiterin Privatkunden in der Region Bremen/Osnabrück täglich die Reaktionen auf Mifid II mitbekommt. Rund 45 Minuten musste früher einplanen, wer ein Wertpapierdepot bei der Deutschen Bank eröffnen wollte. Heute ist es mehr als doppelt so viel Zeit: Mit 90 bis 120 Minuten müsse man rechnen, sagt Niemeyer.

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Dies hat mit der wohl wichtigsten Neuerung zu tun, die Mifid II mit sich bringt: mit der sogenannten Geeignetheitserklärung. Dieses Unwort ersetzt das bislang verpflichtende Beratungsprotokoll. In dieser Erklärung muss der Berater festhalten, warum ein von ihm empfohlenes Wertpapier wie eine Aktie oder ein Fonds besonders gut zu den Anlagezielen des Kunden passt. Dies klingt nach einer guten Idee, hat aber in der Praxis unangenehme Auswirkungen.

Denn um zu wissen, ob ein bestimmtes Wertpapier wirklich das richtige ist, muss ein guter Berater natürlich herausfinden, ob der neue Kunde es aushalten könnte, wenn der Kurs des Wertpapiers auch mal stärker schwankt. Das wäre beispielsweise bei Aktien der Fall. Früher ließen sich solche Situationen recht einfach lösen, indem der Berater eine simple Frage stellte: „Welchen Verlust sind Sie bereit zu tragen?“ Natürlich weiß jeder erfahrene Geldanleger, dass die Antwort darauf nicht ganz so einfach ist. Aber wozu ist man denn erwachsen?

Mach Dich nackig

Der Gesetzgeber scheint das anders zu sehen. „Heute müssen wir im Gespräch mit dem Kunden ermitteln, welchen Verlust er in seiner aktuellen Lebenssituation tatsächlich finanziell verkraften könnte“, sagt Sabine Niemeyer von der Deutschen Bank. Um das sicherzustellen, sind die Berater angehalten, genau nachzufragen: Wie hoch ist das Einkommen des Kunden? Wie viele Schulden hat er? Besitzt er Immobilien oder anderes Vermögen?

Dies könnte man ja noch einsehen. Aber das ist längst noch nicht alles. Als nächstes muss eine monatliche Einnahmen- und Ausgabenrechnung mit dem Kunden entwickelt werden, quasi eine Art Haushaltsbuch mit allen Details. Wofür gibt der Kunde jeden Monat sein Geld aus? Was sind Ausgaben des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, was fließt in Freizeitaktivitäten wie Theaterbesuche und Ähnliches? Hat er Reserven für den Fall, dass die Waschmaschine oder das Auto kaputtgeht? Vielen wird das zu indiskret. „Einige Kunden empfinden das als einen Eingriff in ihre Privatsphäre und fragen, ob es wirklich sein müsse, dass man gleich beim ersten Kennenlernen quasi seine ganze Lebensgeschichte erzählt“, berichtet Sabine Niemeyer.

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