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Ende des Garantiezinses : Verjüngungskur für die Lebensversicherung

Kleingeld. Trotz kleiner Zinsen ist die Lebensversicherung noch nicht ganz verschwunden. Bild: dpa

Die Bundesregierung streicht den Garantiezins für Lebensversicherungen. Damit ist diese Geldanlage tot – eigentlich. Doch die Versicherer haben schon neue Ideen.

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          Jahrzehntelang war sie der Deutschen liebstes Kind: die Kapitallebensversicherung. Sparer schlossen die Versicherung ab, weil sie regelmäßig sparen wollten, weil die Police ihnen als sichere Kapitalanlage erschien, auch für den Todesfall vorsorgte und alles in allem viele Bedürfnisse erfüllte. Dabei übersahen die Deutschen geflissentlich, dass die Lebensversicherung oft wenig einbrachte: Es dauerte Jahre, bevor Maklerprovisionen und Versicherungsrückstellungen abbezahlt waren.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der „Bund der Versicherten“ (BdV) wetterte jahrelang dagegen und nannte die Lebensversicherung in den achtziger Jahren „legalen Betrug“, wogegen die Versicherer erfolglos klagten, auch wenn Gerichte ihnen in der Sache damals Recht gaben.

          Nun hat der BdV den Tod des Produkts verkündet. Ohne einen staatlich verordneten Garantiezins habe die klassische Lebensversicherung endgültig ausgedient. Zuvor war bekanntgeworden, dass die Bundesregierung bei künftigen Verträgen von Lebensversicherungen keinen festen Garantiezins mehr vorgeben will. Damit entfalle das wichtigste Argument für den Abschluss einer kapitalbildenden Lebensversicherung.

          Garantiezins „nicht mehr benötigt“

          Dieses lebenslange Zinsversprechen war aus Sicht des BdV der Hauptgrund dafür, dass es immer noch rund 90 Millionen Lebensversicherungs-Verträge in Deutschland gibt. Solche Verträge zu kündigen sei in den meisten Fällen nicht sinnvoll, nicht zuletzt weil diese oft noch hohe Zinszusagen aus alten Zeiten enthalten.

          Der Grund, warum der staatlich garantierte Zins künftig entfallen soll, ist zunächst einmal die neue europäische Versicherungsrichtlinie „Solvency II“. Mittels dieser wird zum 1. Januar das Versicherungsaufsichtsgesetz grundlegend geändert. Unter dem europaweit einheitlichen Aufsichtssystem von „Solvency II“ werde der bisherige Höchstrechnungszins für die Zwecke der Aufsicht nicht mehr benötigt, sagte eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums am Mittwochabend.

          Die Garantiezusagen der Lebensversicherer beruhten allerdings auf den Versicherungsverträgen und nicht auf der Verordnung. „Deshalb sind auch weiterhin Garantiezusagen in der Lebensversicherung möglich und Versicherer können trotz des Wegfalls des Höchstrechnungszinses weiterhin Garantieversprechen abgeben.“ Bisher legt das Ministerium den Garantiezins auf Grundlage von Empfehlungen der Deutschen Aktuarvereinigung und der Bundesfinanzaufsicht Bafin fest.

          Klassisches Modell nicht mehr zeitgemäß

          Letztlich ist der Wegfall des staatlich festgelegten Garantiezinses nur ein weiterer Nagel im Sarg. Das seit den Achtziger Jahren latente Problem eines langfristig sinkenden Zinsniveaus hatte sich zuletzt durch die Finanzkrise verschärft. Dadurch wurden die Zinsversprechen in Altverträgen zum Problem. Der Gesetzgeber griff zwar immer wieder ein, um die Versicherer zu entlasten, teilweise auch zulasten der Versicherten.

          Doch die Tatsache, dass es immer schwieriger wurde, den Garantiezins alter Verträge zu erwirtschaften, wurde dadurch nicht gemildert. Mitte der 1990er Jahre sicherten die Versicherer noch eine Verzinsung von 4 Prozent zu – über die gesamte Versicherungsdauer. Für Neuverträge liegt der Garantiezins seit Anfang des Jahres zwar nur noch bei 1,25 Prozent. Aber auch diese starren Zusagen gehen den Versicherern im derzeitigen Umfeld zu weit.

          Mehrere Versicherer hatten sich wegen der Zinsflaute bereits in den vergangenen Jahren vom Garantiezins befreit und neue Angebote mit einer flexiblen Verzinsung auf den Markt gebracht. Nach den Versicherungen Generali und Talanx hatte im September auch der Branchenriese Ergo eine Abkehr von Lebensversicherungspolicen mit Garantiezins angekündigt. Selbst Marktführer Allianz rät Kunden inzwischen nicht mehr zum Abschluss einer klassischen Lebensversicherung.

          Die Lebensversicherung ist tot. Es lebe die Lebensversicherung. Denn die neuen Produkte verkaufen sich angeblich sehr gut. 2014 wurden mit 373.806 so viele Kapitalversicherungen abgeschlossen wie seit 2006 nicht mehr. Die neuen Produkte stellen sehr viel in Aussicht, werben mit Garantiekapital und Überschussbeteiligungen. Der Bund der Versicherten hält nicht viel davon. Alle Verschlechterungen nehme der Kunde mit, Verbesserungen nur, wenn der Versicherer das wolle.

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