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Philatelie : Briefmarken lohnen sich wieder

Die teuerste Briefmarke der Welt: „British Guiana 1 Cent magenta“ Bild: dpa

Briefmarken sammeln ist out. Trotzdem kosten Raritäten Millionen. Welche Stücke gehören in den Tresor?

          3 Min.

          Janet Yellen kann Milliarden Dollar bewegen. Zumindest beruflich. Da entscheidet die amerikanische Notenbankchefin über die Leitzinsen der größten Volkswirtschaft der Welt. Privat kann sie immerhin mit mindestens fünf Millionen Dollar jonglieren. So hoch gab sie selbst ihr Vermögen an. Es steckt in Aktien, Fonds, einem Sparplan ihrer alten Universität Berkeley – und in Briefmarken. Immerhin zwischen 15.000 und 50.000 Dollar seien die wert, sagt sie.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist nicht bekannt, welche Marken in der Sammlung von Yellen und ihrem Ehemann, dem Nobelpreisträger George Akerlof, zu finden sind. Aber sie haben 2013 im Vergleich zu 2012 an Wert zugelegt. Wie viele andere Sammlungen auch. Die Notenbankchefin ist also in guter Gesellschaft – allerdings in meist männlicher. Denn Frauen sind unter Philatelisten die Ausnahme.

          Seit Jahren steigen die Preise. Und das in einem Feld, das eigentlich völlig aus der Mode gekommen und alles andere als originell ist. Seit den siebziger Jahren hat sich die Zahl der Sammler in Deutschland mindestens halbiert. Weltweit schätzt sie der englische Marktbeobachter Stanley Gibbson auf noch knapp 50 Millionen – ein eher kleiner Markt. Die Käufer werden also eigentlich weniger, was normalerweise zu sinkenden Preisen führt.

          Für Raritäten wird mehr Geld ausgegeben

          Nicht so bei Briefmarken. Hier machen sich die Folgen der Finanzkrise bemerkbar. „Die Anleger setzen auf Sachwerte. Und es fehlen angesichts der niedrigen Zinsen attraktive Anlagemöglichkeiten“, erklärt Michael Hilbertz, Chefphilatelist und Auktionator beim Wiesbadener Auktionshaus Heinrich Köhler. Das Haus ist das älteste und eines der größten in Deutschland. „Die Lage an den Finanzmärkten treibt vermögendere Leute in Luxusobjekte und dabei auch in Briefmarken.“ Das Geld sitzt lockerer als früher, für Raritäten wird deswegen mehr bezahlt. Mehr, das heißt mindestens fünfstellige Summen. Die teuerste Marke der Welt ist sogar 9,5 Millionen Dollar wert. Es ist nicht die berühmte „blaue Mauritius“, sondern eine „British Guiana 1 Cent magenta“. Der deutsche Rekord ist etwas älter: Der Brief mit einer badischen Neun-Kreuzer-Marke von 1850 ist unerreicht. Er brachte schon in den achtziger Jahren umgerechnet etwas mehr als eine Million Euro ein. Der hohe Wert resultiert darin, dass die Marke ein Fehldruck ist. Sie ist grün statt rosa. Davon gibt es sehr wenige – und auf einem Brief schon gar nicht.

          Briefe sind schon seit einigen Jahren bei Sammlern sehr beliebt. Gerne werden bestimmte Destinationen gesammelt, zum Beispiel von Deutschland nach China oder Afrika. Und auch Fehldrucke sind gefragt. Einfach, weil es meist Raritäten sind. Alles ist dabei: neben falschen Farben zum Beispiel auch Zahlendreher und Schreibfehler. Entscheidend für einen hohen Preis sind dabei nicht ein möglichst hohes Alter, sondern eine geringe Stückzahl und eine schöne Gestaltung. Denn die meisten Käufer sind keine reinen Kapitalanleger, sondern Freunde schöner Motive. Für einen hohen Preis muss natürlich auch die Qualität stimmen: keine fehlenden Zacken, keine Flecken und nur lesbare Stempel.

          Preise von Nachkriegsmarken sinken

          Dann können hohe Preise aufgerufen werden. Die teuerste Nachkriegsmarke in Deutschland ist immer noch eine, die eigentlich nie hätte gedruckt werden dürfen: 2001 produzierte die Post Marken mit einem Bild von Audrey Hepburn, doch ihr Sohn verweigerte die Genehmigung. Die Marken wurden wieder eingestampft. Nur einige wenige entgingen dem Schicksal und werden jetzt zu sechsstelligen Summen gehandelt.

          Der neue Boom der Briefmarken geht allerdings an einer Gruppe von Sammlern völlig vorbei: Fans von Nachkriegsmarken. Ihre Preise sinken stetig. „Die früher große Sammelleidenschaft führte dazu, dass die Marken in hohen Stückzahlen produziert wurden. Es gibt zu viele davon“, sagt Auktionator Michael Hilbertz. „Aber nur für Raritäten wird viel bezahlt.“ Eine komplette Sammlung der Marken der Bundesrepublik von der Gründung 1949 bis zur Euro-Umstellung 2001 bringe allenfalls noch etwa 800 Euro. Für DDR-Marken oder Nachkriegsmarken anderer Länder sei das ähnlich.

          Neue Käufergruppe in den Schwellenländern

          Eine Ausnahme gibt es: die Schwellenländer. Der steigende Wohlstand in China, Russland oder Indien sorgt dafür, dass dort eine neue Käufergruppe entsteht, die sich Briefmarken als Kapitalanlage leistet. Sie setzt auf Marken aus ihren eigenen Ländern, ist also nicht verantwortlich für den Preisanstieg in den Industriestaaten. In den Schwellenländern sind die Werte schon stark gestiegen. Gefragt sind etwa Marken aus der Zeit der chinesischen Kulturrevolution und der Sowjetunion. „In diese Felder jetzt noch einzusteigen, finde ich ziemlich riskant“, sagt Hilbertz.

          Stattdessen rät er zu den Klassikern in Deutschland: Marken der einzelnen deutschen Staaten des 19. Jahrhunderts wie etwa den „Schwarzer Einser“ aus Bayern von 1849, den man für rund 1500 Euro bekommt, auf einem Brief sogar für 3000 bis 4000 Euro. Es waren die ersten deutschen Briefmarken. Oder den „Roten Dreier“ aus Sachsen von 1850 für 2000 bis 3000 Euro. Oder alte Marken aus den Euro-Krisenländern Südeuropas. Hier sind die Preise wegen der Krise gefallen, könnten aber danach wieder steigen. Interessant sind zum Beispiel spanische 10-Reales-Marken von 1850 für mehrere tausend Euro. Und so schließt sich auch der Kreis: Ohne Krise keine niedrigen Zinsen durch Janet Yellen. Und ohne niedrige Zinsen kein Boom bei Briefmarken.

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