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Abschied vom 500-Euro-Schein : Lieber ohne Bargeld? Wirklich?

Die Europäische Zentralbank liebäugelt damit, den 500-Euro-Schein aus dem Verkehr zu ziehen. Bild: imageBROKER / vario images

Die Obergrenze für Barzahlungen und die Abschaffung des 500-Euro-Scheins könnten der Beginn eines Abschieds vom Bargeld sein. Doch es gibt gute Gründe, daran festzuhalten.

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          Bei jeder sich bietenden Gelegenheit versichert Wolfgang Schäuble: Das Bargeld bleibt! So lautet das Mantra des Bundesfinanzministers, um wiederkehrende Sorgen vor einer Abschaffung des Bargeldes zu zerstreuen. Schäubles Beschwichtigung geht in der Regel einher mit einem Verweis auf die Freiheit der Deutschen. Sollen sie doch Bargeld horten oder ausgeben, eine Plastikkarte zum Bezahlen nutzen oder ein Smartphone: „Ich finde, diese Entscheidung sollte jeder Bürger selbst treffen“, sagt dazu der CDU-Politiker.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Beruhigungsformel hat aber an Wirkung eingebüßt, seit die Pläne des Finanzministeriums bekannt sind, für Barzahlungen eine Obergrenze von 5000 Euro einzuführen. Damit will die Regierung Steuerhinterziehern, Geldwäschern und anderen Kriminellen ihre Machenschaften erschweren. Für den unbescholtenen Bürger bedeutet die Obergrenze aber letztlich nichts anderes als eine Einschränkung seiner Entscheidungsfreiheit.

          Es entfiele die Freiheit, einen Gebrauchtwagen oder eine Wohnzimmereinrichtung in bar zu bezahlen. Dass auch noch bei der SPD Rufe und bei der Europäischen Zentralbank Andeutungen laut werden, den 500-Euro-Schein abzuschaffen, passt ebenso wenig zu Schäubles Beteuerung. Richtiger wäre es, zu sagen: Das Bargeld bleibt, liebe Leute, es wird allerdings weniger.

          Eine clevere Idee

          Und dann vielleicht immer noch ein bisschen weniger, bis es in nicht allzu ferner Zukunft ganz verschwunden ist und nur noch für Sammler einen Wert hat?

          Es wäre jammerschade um das schöne Geld. Hunderte Jahre menschlicher und monetärer Entwicklung würden rückgängig gemacht. Denn die Menschen haben das Geld ja nicht aus Jux und Tollerei oder Langeweile erfunden, sondern um den Handel untereinander zu vereinfachen. Beim Austausch von Gütern und Dienstleistungen haben sie entdeckt, dass ein griffiges Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung ganz nützlich sein kann. Clevere Idee, die folgerichtig ihren Siegeszug um die Welt antrat.

          Schon Urvölker haben Pfeilspitzen, Muscheln oder Salz als Geld akzeptiert. Allesamt Materialien, sichtbar, greifbar und vertraut. Später wurde dieses sogenannte Warengeld durch Münzen abgelöst, die einheitlich und vergleichbar waren und sich von Kleinasien aus über den Mittelmeerraum nach Europa verbreiteten. Selbst wenn das Geld aus anrüchigen Quellen kam, wurde es geschätzt: Pecunia non olet, Geld stinkt eben nicht.

          Ausgerechnet Schweden!

          Mit dem Papiergeld dagegen, das den unschätzbaren Vorteil hat, leichter zu transportieren zu sein, taten sich die Europäer lange schwer. 800 Jahre dauerte es, bis die asiatische Erfindung auf unserem Kontinent ankam und zunächst als Münzersatz diente. Zunächst zeigten sich die Europäer skeptisch gegenüber den gedruckten Zetteln, die für sich wertlos erscheinen, aber für ein Zahlungsversprechen stehen.

          Die Engländer kamen daher irgendwann auf den pfiffigen Einfall, das Versprechen mit auf die Pfundnote zu drucken: „I promise to pay the bearer on demand the sum of one pound.“ In Europa wurden die ersten offiziellen Banknoten 1661 von der Stockholmer Nationalbank herausgegeben. Ausgerechnet in Schweden! Heutzutage sind die Skandinavier die ersten, die ihre Banknoten schleunigst loswerden wollen.

          Infolge der 2010 gestarteten Bankenkampagne „Bargeldfrei jetzt!“ wurden dort massenhaft Geldautomaten abgebaut, fast alle Banken haben in ihren Filialen auf bargeldlosen Betrieb umgestellt. Angespornt von Handel und Banken, begleichen die Schweden ihre Rechnungen zu fast 80 Prozent digital. Sogar die Kollekte in der Kirche wird inzwischen mit der Bankkarte bezahlt. Wer größere Mengen Bargeld besitzt, macht sich schnell verdächtig, weil Banknoten vor allem im Drogenhandel und in der Prostitution, die im Land verboten ist, gebräuchlich sind. Spätestens im Jahr 2030 wollen die Schweden zum Bargeld „hej då“ sagen. Frei übersetzt: Auf Nimmerwiedersehen.

          Eine vorzeitige Abschiedserklärung

          Die Dänen stehen ihren nordischen Nachbarn kaum nach, auch sie forcieren die Abschaffung von Scheinen und Münzen immer weiter. Vielen Läden ist es längst freigestellt, ob sie Bargeld annehmen oder nicht. Vom kommenden Jahr an macht die dänische Notenbank dann Ernst und druckt keine Banknoten mehr. Bei der Nutzung von Karten sind die Dänen schon Europameister, Bargeld nutzen sie fast so wenig wie die Schweden. Alles total digital per Handy oder per Plastikkarte, ist das auch die nicht allzu ferne Zukunft in Deutschland?

          Noch wehrt sich Bundesbankpräsident Jens Weidmann wacker gegen all jene, die den Eindruck erwecken, es könnte auch hierzulande bald zu Ende gehen mit dem geliebten Bargeld. So wie Deutsche-Bank-Chef John Cryan, der Cash für „unglaublich ineffizient und teuer“ hält und ihm noch höchstens zehn Jahre gibt. Die Europäische Zentralbank hat offenbar schon den Anfang vom Ende des 500-Euro-Scheins eingeleitet. Was EZB-Präsident Mario Draghi jüngst im Europaparlament sagte, kann nur als vorzeitige Abschiedserklärung gedeutet werden.

          Mit dem 500-Euro-Schein würde der Bürger, den Schäuble im Blick hat, auch über die Barzahlung großer Beträge hinaus ein gutes Stück Autonomie verlieren. Er müsste, wenn er sein Geld lieber zu Hause hat als auf der Bank (wie viele während der Finanzkrise 2008), auch deutlich größere Stapel von Scheinen horten.

          Sparen würde bestraft

          Dass eine Wertaufbewahrung durch die Abschaffung des 500-Euro-Scheins unattraktiver wird, ist Wasser auf die Mühlen all jener Ökonomen, die einer Bargeldabschaffung das Wort reden. So propagieren Kenneth Rogoff und Larry Summers, zwei Stars ihrer Zunft, ein Ende des Bargelds, damit negative Zinsen leichter durchsetzbar sind und somit die Konjunktur angekurbelt werden kann.

          Viele Zentralbanken, darunter die europäische, versuchen schon seit einiger Zeit, die Wirtschaft in Schwung zu bringen, indem sie von Geschäftsbanken Strafzinsen (nichts anderes sind negative Zinsen) auf Einlagen verlangen. Würde darüber hinaus das Bargeld abgeschafft, wäre es für alle Banken ein Leichtes, die negativen Zinsen an Privatkunden weiterzugeben. Das Sparen würde also gewissermaßen bestraft; was im krassen Widerspruch stünde zu den gängigen Politikerparolen, dass die Bürger zunehmend eigenverantwortlich für ihr Alter vorsorgen sollten. Hinzu kommt, dass die Banken ziemlich einfach ihre Gebühren erhöhen können, wenn die Alternative Bargeld fehlt.

          Derzeit sind Strafzinsen und hohe Gebühren nicht so ohne weiteres möglich, hat doch jeder Sparer freie Hand, sein Geld abzuheben und bestenfalls in 500-Euro-Stückelungen im heimischen Tresor oder anderswo aufzubewahren. Auf den größten Schein in der Währungszone könnten die meisten Leute zwar verzichten, findet Ulrich van Suntum, Wirtschaftsprofessor an der Universität Münster: „Aber wenn irgendwann der 50-Euro-Schein zur Disposition steht, haben wir ein richtiges Problem.“

          Sollte die gängigste Banknote vor dem Aus stehen, dürfte Widerstand der Bürger drohen. Schließlich bezahlen sie in vier von fünf Fällen bar und damit deutlich öfter als andere Menschen aus aller Welt (siehe Grafik). Auch weil sie die Kontrolle über ihre Ausgaben nicht verlieren wollen. Zahlungen in bar sind nicht nur greifbar, sondern auch leichter begreifbar.

          Von daher schafft Bargeld auch Vertrauen. Man kann es, nicht nur im übertragenen Sinne, in die Hand nehmen. Man kann sich in normalen Zeiten sicher sein, das Buchgeld, das auf der Bank liegt, jederzeit in Bares eintauschen zu können. Was aber ist, wenn hierzulande niemand mehr an einen der 60.000 Geldautomaten gehen und sich Scheine ziehen kann?

          „Das würde einen erheblichen Vertrauensverlust bedeuten“, sagt van Suntum. Selbst im fortgeschrittenen Skandinavien hält man die Idee vom Bargeld bislang für unabdingbar. Entgegen ihrer Praxis, fast alles elektronisch zu bezahlen, behaupten zwei von drei Schweden, dass Bargeld ein Menschenrecht sei.

          Gläserner Mensch

          Offensichtlich legen wir Deutsche auch mehr Wert auf Privatsphäre als andere. Sie wird durch das Bargeld maßgeblich geschützt. Die Anonymität zu schützen gehört zwar nicht zu den drei Funktionen, die dem Geld zugeschrieben werden (Zahlungsmittel, Recheneinheit, Wertaufbewahrungsmittel). Aber die Freiheit, alles Mögliche zu kaufen und zu bezahlen, ohne dass es jemand mitbekommt, bleibt vielen Deutsche äußerst wichtig. Und anders als Zahlungen mit einer Giro- oder Kreditkarte oder am Computer wahrt Bargeld selbst die kleinsten Geheimnisse.

          Eine Person, die ihren Gang zum Psychiater gerne für sich behalten würde, kann heutzutage das Honorar nach der Sitzung direkt überreichen. Verheiratete, die auch ohne Ehepartner mal gerne in schummrige Bars abschweifen, müssen sich gegenüber dem Partner nicht rechtfertigen, weil die entstandenen Kosten nicht auf dem gemeinsamen Konto auftauchen. Und noch etwas: „Wenn es kein Bargeld mehr gibt, existiert auch keine Möglichkeit mehr, sich ungerechten Steuern zu entziehen“, sagt van Suntum. Alle Geldströme wären offen und nachweisbar – und der Mensch gläsern.

          Trotz aller möglichen Kontrolle – die Sicherheit würde in einer Welt ohne Bargeld nicht zwingend erhöht, wie oft behauptet wird. Die Ganoven suchen sich nur andere Wege. Seit die Schweden elektronisch bezahlen, seien Banküberfälle zwar zurückgegangen, die Cyberkriminalität aber spürbar gestiegen, sagt der ehemalige Polizeichef und Interpol-Präsident Björn Eriksson. Kriminelle finden, ebenso wie Schwarzarbeiter, eben immer neue Wege. Die Gefahr ist groß: Hacken Internetkriminelle ein digitales Portemonnaie, erbeuten sie nicht nur ein paar Scheine oder Karten, sondern womöglich gleich ein gesamtes Vermögen.

          Akt des Gebens geht verloren

          Trotz der zunehmenden Nutzung von Bankkarten und Smartphone-Apps ist das menschliche Bedürfnis nach handfestem Geld schwer wegzudenken. In Skandinavien gibt es zwar schon Straßenkünstler, die elektronische Zahlungen akzeptieren. Und es ist auch ein Leichtes, Putzfrauen, Handwerker und Flohmarkthändler über die Handy-Geldbörse zu entlohnen. Was dabei allerdings verlorengeht, ist der offensichtliche Akt des Gebens. Ein paar Münzen in den Hut des Straßenmusikers zu werfen bereitet ja auch deshalb ein gutes Gefühl, weil für die Umgebung ersichtlich wird, dass man gerne gibt.

          Man darf dieses Gefühl nicht unterschätzen. So landeten in den sogenannten Spendenhäuschen, die in McDonald’s-Filialen neben der Kasse stehen, im Vorjahr drei Millionen Euro zugunsten der Kinderhilfestiftung. Ob das Spendenaufkommen so hoch bleibt, wenn die Kunden nicht mehr spontan ihr Restgeld einwerfen können, sondern einen krummen Betrag in ihr Handy eintippen müssen? Die Entscheidung darüber sollte jeder Bürger selbst treffen: Schäubles Worte.

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