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Finanzielle Alphabetisierung : Zwei von drei Menschen verstehen nichts von Finanzen

Nachzählen lohnt sich: Deutschland kommt weltweit mit einem „Alphabetisierungsgrad“ von 66 Prozent auf Platz acht. Bild: dpa

Sind Sie „finanziell alphabetisiert“? Weltweit hat die Ratingagentur S&P das Finanzwissen der Menschen getestet. Zwei Drittel fielen durch. Die Deutschen schnitten gut ab. Machen Sie den Test!

          Untersuchungen über Finanzwissen gibt es viele. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat jedoch nun eine Studie veröffentlicht, bei der eine sehr grundlegende Frage gestellt wurde, die Frage nach dem Grad der „finanziellen Alphabetisierung“. Die Ergebnisse der weltweiten Studie von Gallup, Weltbank und der George Washington University, für die 150.000 Menschen in 144 Ländern befragt wurden, sind ernüchternd – nur jeder dritte Befragte konnte als „finanziell alphabetisiert“ gelten.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei können die Fragen zu den Bereichen Risikostreuung, Inflation, Zinsen und Zinseszins nicht als sehr schwer gelten. Die Antworten setzten nur Grundkenntnisse in Prozentrechnung und etwas gesunden Menschenverstand voraus (Machen Sie den Test unten).

          Doch just ebensolche Kenntnisse sind weltweit nicht ohne weiteres vorauszusetzen. So kann es nicht überraschen, dass entwickelte Länder im Allgemeinen deutlich besser abschnitten. Deutschland kommt weltweit mit einem „Alphabetisierungsgrad“ von 66 Prozent auf Platz acht, noch vor den Vereinigten Staaten und der Schweiz. Die vordersten Plätze nehmen mit 71 Prozent die skandinavischen Länder Norwegen, Dänemark und Schweden ein, am anderen Ende finden sich mit 13 beziehungsweise 14 Prozent der Jemen, Albanien und Afghanistan.

          Kenntnisse zur Inflation auch in ärmeren Ländern weiter verbreitet

          Am schwächsten schnitten die so inflationsfurchtsamen Deutschen ausgerechnet bei der Frage zur Preisentwicklung ab. Mit nur 62 Prozent reichte das nur für Platz 39, weit hinter Dänemark und den Niederlanden oder dem Spitzenreiter Bhutan. Dabei wird just dieser Themenbereich weltweit neben der Zinsrechnung noch am besten verstanden. Dafür reichte es bei der Frage zur Risikostreuung, wo insgesamt die geringsten Kenntnisse vorhanden sind, für Deutschland zu Platz vier.

          Dass Kenntnisse zur Inflation auch in ärmeren Ländern weiter verbreitet sind als zu anderen Themenbereichen, lässt sich darauf zurückführen, dass Menschen sich damit besser auskennen, was näher an ihren täglichen Erfahrungen ist. So konnte etwa in Algerien nur jeder Dritte die Frage zur Risikostreuung und zur Zinseszinsrechnung richtig beantworten,auf die Inflationsfrage wussten jedoch drei von vier Befragten die korrekte Antwort. Umgekehrt mag es in Ländern wie Deutschland so sein, dass sich die Befragten eher mit Geld und Kredit befassen als mit der Inflation, weil diese schon seit nunmehr 23 Jahren die Marke von 5 Prozent nicht mehr überschritten hat.

          Innerhalb der Europäischen Union sind die Ergebnisse teilweise überraschend. So schneiden die Nordeuropäer einschließlich Deutschlands im allgemeinen besser ab, und dass Rumänien, Bulgarien und Portugal am anderen Ende der Skala liegen, ist nicht überraschend. Jedoch dass Italien deutlich hinter Griechenland, Polen und Kroatien liegt, hätte man so vielleicht nicht erwartet.

          Grundsätzlich verfügen Männer über etwas bessere Kenntnisse als Frauen und sozial Stärkere als sozial Schwächere, unabhängig von der Region. Dagegen ist auffällig, dass zwar die Kenntnisse überall mit dem Alter abnehmen, in den entwickelten Ländern die 36- bis 50-Jährigen jedoch über bessere Kenntnisse verfügen als jüngere Befragte.

          Erkenntnisse über das Nutzen von Finanzprodukten

          Inwieweit das mit einem womöglich schwächeren Abschneiden im Pisa-Test zu tun hat, ist zwar fraglich, indes stellt S&P durchaus fest, dass Länder mit besseren Ergebnissen im Mathematik-Teil der Pisa-Studie von 2014 besser abschnitten. Womöglich am verheerendsten ist die Feststellung, dass Nutzer von Finanzprodukten in der Regel zwar gebildeter sind, dennoch aber vielen grundlegende Kenntnisse fehlen. Dabei werden als Nutzer von Finanzprodukten schon Menschen verstanden, die ein Bankkonto oder einen mobilen Bezahldienst nutzen.

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          Daneben liefert die Studie auch einige Erkenntnisse über das Nutzen von Finanzprodukten. Wenn rund um die Welt 57 Prozent der Befragten angaben, zu sparen, so tut das weniger als die Hälfte bei einer Finanzinstitution. Nur 42 Prozent der Kontenbesitzer sparen bei einer Bank. Und selbst von diesen konnten etwa in den Vereinigten Staaten nur wenig mehr als die Hälfte die Zinsfrage richtig beantworten.

          Die Ergebnisse der Studie machen der Ratingagentur besonders Sorgen im Hinblick auf die zunehmende Verbreitung von komplizierten Kreditinstrumenten mit hohen Zinsen und die Förderung der Nutzung von Bankkonten. Ohne die notwendige finanzielle Grundbildung könne dies leicht zu vermehrter Überschuldung führen. In Europa seien die Bürger nicht auf die private Altersvorsorge vorbereitet. Besonders im Osten gebe es eine chronische Unter-Ersparnis, derweil ältere Menschen nicht in der Lage seien, der wirtschaftlichen Herausforderungen des Rentnerdaseins Herr zu werden. S&P fordert daher, im Finanzbereich den Verbraucherschutz zu stärken. Auch seien Aufklärungskampagnen empfehlenswert, besonders für die verwundbarsten Gruppen.

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